Der Wetzlarer Dom ist eine Simultankirche
Bild: © KNA
In Deutschland gibt es 64 Simultankirchen

Eine Kirche, drei Stromzähler

Ökumene - Es sind Orte, an denen Ökumene konkret gelebt wird: Simultankirchen. Heinz Henke hat alle 64 dieser Kirchen in Deutschland, die sich evangelische und katholische Gemeinden teilen, besucht. Ein Interview.

Von Gabriele Höfling |  Görlitz - 22.11.2016

Frage: Herr Henke, warum interessieren Sie sich so sehr für Simultankirchen?

Henke: Ich wurde östlich der Neiße geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte ich meine Kindheit etwa 20 Kilometer entfernt von Görlitz in einer Flüchtlingsfamilie. Durch die Vertreibung entstand eine Dreigenerationenfamilie. Meine Eltern und eine Großmutter waren evangelisch, die andere Oma und ihre Tochter waren katholisch. Am Familientisch wurde oft gestritten, wer den wahrhaften Glauben habe. Dadurch war meine Erziehung bikonfessionell. Mit etwa zehn Jahre hatte ich dann ein Schlüsselerlebnis.

Frage: Was war das?

Henke: Meine Eltern kamen eines späten Abends von einem Ausflug nach Bautzen nach Hause und erzählten mir, dass sie dort in einer Stadtkirche waren, die von evangelischen und katholischen Christen genutzt wird. Das war für mich total unvorstellbar. In der Nacht noch beschloss ich: Wenn ich groß bin, dann fahre ich hin und schaue mir das Wunder an. Den Vorsatz vergaß ich. Nach meinem Ingenieurstudium fand ich aber in Bautzen eine Anstellung. Seit 40 Jahren bin ich dort auch Stadtführer. Eine der Hauptsehenswürdigkeiten ist der Dom. Bis zur Wende galt das Dogma, er sei die einzige Simultankirche in Deutschland. Wider besseres Wissen erklärte auch ich es so - ich hatte schon vorher die Dome in Altenberg und Wetzlar besucht! Einige Besucher aus Westdeutschland legten dann Widerspruch ein. Mit deren Hilfe entstand eine Adressliste. Die Anschriften glich ich mit allen Bistümern und Landeskirchen ab und fand heraus, es gibt in Deutschland 64 Simultankirchen.

Ein Mann in einer Kirche
Bild: © Maria Henke

Heinz Henke lehnt im Bautzener Dom an dem Gitter, das die Kirche in zwei Teile teilt.

Frage: Vor einigen Jahren haben Sie unter dem Titel "Wohngemeinschaften unter deutschen Kirchendächern" ein Buch über Simultankirchen veröffentlicht. Haben Sie dafür tatsächliche alle 64 besucht?

Henke: Ja, jede Einzelne. In sechs Jahren fuhr ich mit meiner Frau 12.300 Kilometer zu ihnen. In den ersten beiden Jahren war ich noch im Beruf und verwendete dafür meinen Jahresurlaub. Ich habe schnell gemerkt, dass es zu vielen Kirchen Broschüren mit Informationen gibt: Wann von wem gebaut, welche Orgel steht darin. Nur über den simultanen Charakter schwieg man meist. Ich bin oft aufgefordert worden: Schreib doch mal auf, was Du jetzt weißt. Das habe ich dann auch gemacht. Dazu gibt es nämlich manches Halbwissen. Viele meinen nur, sie wüssten, was eine Simultankirche ist.

Frage: Eigentlich sagt doch schon der Name, was eine Simultankirche ist …

Henke: Simultankirchen entstanden durch obrigkeitliche Festlegungen, als Staat und Kirche noch nicht getrennt waren. Der jeweilige Ortspatron musste die seelsorgerliche Betreuung seiner Untertanen sichern. In der Reformationszeit erlaubte es die Wirtschaftskraft oft nicht, zwei Kirchen zu betreiben. Dann wurde vom Patron entschieden: Es gibt keine zweite Kirche, einigt Euch. Im Bautzener Dom begann schon 1524, gerade mal sieben Jahre nach Luthers Thesen, das Simultaneum. Mit der Weimarer Verfassung wurden die Kirchen Körperschaften des öffentlichen Rechts. Von da an ist der Zusammenschluss konfessionsverschiedener Gemeinden eine privatrechtliche Vereinbarung - und gemäß Definition keine Simultankirche.

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Frage: Wie muss man sich den Innenraum von Simultankirchen vorstellen?

Henke: Das ist ganz unterschiedlich. Zwei der deutschen Kirchen sind nur durch ein Gitter unterteilt, das sind der Bautzener Dom und St. Michael in Hildesheim, wo auch die Grablege des Heiligen Bernward ist. Dort ist die Krypta katholisch und das Haupthaus evangelisch. Das erfordert schon einen hohen Organisationsaufwand: 2002 fiel der evangelische Buß- und Bettag auf den Gedenktag des Heiligen Bernward. Beide Gemeinden vergaßen es, sich zu den Gottesdienstzeiten abzusprechen und sangen sich sozusagen gegenseitig in Grund und Boden. Das kann in den vier Kirchen, deren Räume durch einen dazwischen gebauten Kirchturm komplett getrennt sind, nicht passieren. Da muss man nur aufpassen, dass man sich nicht gegenseitig in den heiligen Handlungen stört, zum Beispiel, wenn die eine Gemeinde die Glocken läutet, während nebenan Kommunion oder Abendmahl verteilt werden. In acht Kirchen hat die kleinere Gemeinde zwei Siebtel und die größere Gemeinde fünf Siebtel der Kirche bekommen, das war eine Sonderregel in der Pfalz. Zum Beispiel in Mosbach am Neckar steht noch ein derart abgemauertes Gotteshaus. Die allermeisten Simultankirchen, 48 um genau zu sein, sind aber ungeteilt. Unter Umständen gibt es dort noch eine zweite Sakristei - und natürlich einen Stundenplan, wer wann Gottesdienst feiert.

Frage: Kommt man sich da nicht zwangsläufig in die Quere?

Henke: Heute ist das nicht mehr so verbissen. Aber es gab durchaus früher Fälle, dass der katholische Pfarrer nach dem evangelischen Gottesdienst erst mal den Satan wieder aus dem Chorraum rauszelebrieren musste.

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Was bedeutet Ökumene? Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger".

Frage: Welche ist die bedeutendste Simultankirche Deutschlands?

Henke: Das lässt sich so nicht beantworten! Die größte und älteste deutsche Simultankirche ist jedenfalls der Bautzener Dom, der gerade erst saniert worden ist. Dort gibt es rund 1.100 Plätze. Er ist übrigens auch die einzige Kirche, wo das Angebot die Kirche zu teilen von katholischer Seite kam. Der damalige Dekan Paul Küchler hat dadurch die Bautzener Region dem Katholizismus erhalten. Zu seiner Zeit lebten rund 5.000 Menschen in der Stadt, aber nur noch 30 waren Katholiken. Die Protestanten sagten, die Kirche ist Teil der Stadt, und Ihr seid so wenige, also gehört die Kirche uns. Küchler bot an, die Kirche fortan gemeinsam zu nutzen.

Frage: Gibt es noch weitere Anekdoten?

Henke: Früher waren sich viele Gemeinden in herzlicher Ablehnung verbunden. In Unterfranken wurden noch nach dem Zweiten Weltkrieg die Bilder von Luther und Melanchthon von den Katholiken mit dem Gesicht zur Wand gedreht – und nach dem Gottesdienst natürlich nicht wieder umgedreht. In Biberach an der Riss und einigen anderen Kirchen gibt es drei Stromzähler: einen für die katholische und einen für die evangelische Gemeinde sowie einen Dritten für gemeinsame Belange. So wird verhindert, dass die Protestanten die Beleuchtung während des katholischen Gottesdienstes mitbezahlen und umgekehrt. Im Wormser Stadtteil Pfeddersheim steht eine Kirche mit katholischen, evangelischen und kommunalen Glocken. Da gibt es genaue Regelungen, wann welche Glocke zu läuten hat. Und eine Sonderrolle nimmt die Kirche in Ringstedt in Niedersachsen ein: sie wird von einer lutherischen und einer reformierten Gemeinde simultan genutzt.

Von Gabriele Höfling

Buchtipp

Das Buch "Wohngemeinschaften unter deutschen Kirchendächern: Die simultanen Kirchenverhältnisse in Deutschland - eine Bestandsaufnahme" ist im Oktober 2008 im Engelsdorfer Verlag erschienen. Es hat 239 Seiten und kostet 13,95 Euro