Ist Religion Kitt oder Keil?
Innenminister De Maizière diskutiert mit Bürgern

Ist Religion Kitt oder Keil?

Debatte - Muslime, Katholiken, Juden und Atheisten: Sie alle diskutierten mit Innenminister Thomas de Maizière über Religion. Genauer gesagt: Darüber, ob die Religion die Gesellschaft zusammenhalte oder spalte.

Von Markus Kremser |  Leipzig - 03.02.2017

"Die Zuneigung zu Kirchen hat abgenommen, die Abneigung gegen Islam oder Kirchen hat zugenommen. Woher kommt diese Angst?", fragt Bundesinnenminister Thomas de Maizière zum Auftakt des Werkstattgespräches in Leipzig. Unter dem Titel "Wie hältst Du's mit der Religion? Glauben als Kitt oder Keil unserer Gesellschaft?" diskutierten am Freitag 150 Menschen mit dem Politiker und Religionsvertretern. De Maizière betonte, dass Leipzig eine große und christliche Tradition habe. Auch wenn in Leipzig 82 Prozent der Einwohner konfessionslos seien, wie in vielen anderen Gegenden Ostdeutschlands, habe Religion eine Bedeutung.

Die katholische Theologin Dagmar Mensink sagte bei dem Bürgerdialog, Religion gebe meinem Leben einen Rahmen. "Antwort auf die Frage nach dem Wohin und Woher", so das Mitglied des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken. Dabei sei ihr Verhältnis zur Kirche mitunter auch spannungsvoll. "Mein Glaube gibt mir Sicherheit, dass nicht vergeblich ist, was ich tue." Die Berliner Rabbinerin Gesa S. Ederberg sprach auch das Handeln an: Für sie sei das "Tun wichtiger als der Glaube". Dazu gehörten für sie jüdische Rituale wie koscheres Essen, Einhaltung von Regeln und Gebete. "Das findet alles auf deutsch und in Berlin statt", sagte Ederberg. Sie sei zuerst Jüdin, "alle anderen Identitäten kommen hintenan".

Vorbehalte gegen Muslime

Auch für die aus dem Iran stammende Paderborner Islamwissenschaftlerin Hamideh Mohaghegi seinen Rituale als Unterbrechung des Alltags wichtig. Zugleich erlebe sie sehr negative Reaktionen und Vorbehalte gegen den Islam. Als Muslimin stehe sie unter einem ständigen Rechtfertigungsdruck. "Ich soll glaubwürdig, machen, dass der Islam ein anderer ist, als der, den die Menschen wahrnehmen", sagte Mohaghegi. De Maizière betonte, dass die meisten Opfer des radikalen Islamismus oder des sogenannten Islamischen Staates selbst Muslime seien.

Laut dem Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands (HVD), Frieder Otto Wolf, brauche es überhaupt keinen Glauben. "Wir brauchen Vertrauen in uns und die Gemeinschaft", sagte er. Zugleich müssten Menschen Verantwortung füreinander übernehmen. Er glaube aber nicht, dass Religion "per se schädlich" sei. Es sei wichtig, zwischen aufgeklärten und nicht aufgeklärten Religionen zu unterscheiden. Religionsgemeinschaften müssten in jedem Fall die Menschenrechte respektieren, so Wolf. Glaube dürfe anderen nicht "zugemutet" oder gar von ihnen eingefordert werden.

Bei dem Bürgerdialog diskutierten der Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands, Frieder Otto Wolf, die Islamwissenschaftlerin Hamideh Mohaghegi, die katholische Theologin Dagmar Mensink, Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Rabbinerin Gesa Ederberg.

Zu seinem Glauben sagte der Bundesinnenminister nur: "Ich teile nicht öffentlich mit, was ich glaube, aber dass ich glaube". Als evangelischer Christ werde ihm durch bewusst, dass „die letzten Dinge nicht in unserer Hand“ seien. Zudem lasse der Glaube ihn "im Erfolg nicht übermütig werden und im Misserfolg nicht verzweifelt sein". Wesentlich sei für ihn der Glaube an die Auferstehung und das ewige Leben, so de Maizière.

Alle Religionsvertreter waren sich einig, dass Religion nicht Privatsache sei. Laut der Rabbinerin Ederberg wäre die Welt dann ärmer. Religion "aus den Hinterhöfen rauszuholen", helfe Radikalisierung zu vermeiden. Religion müsse sich öffentlich verantworten und ein Baustein dieser Verantwortung sei die Ausbildung von Theologen an öffentlichen Universitäten.

De Maizière: Islamverbände nach ihrem Verhältnis zur Verfassung fragen

Die Theologin Mensink erinnerte an den Berliner Streit um den Religionsunterricht. "Die Debatte darüber an sich ist wichtig, nicht wer sich durchsetzt." Christen wollten aber auch die Gesellschaft mitgestalten. Es stelle sich die Frage, wie "wir Glauben gegenüber anderen formulieren, ohne ihm unseren Glauben aufzuzwingen". Der HVD-Präsident Wolf erwiderte, er sehe keine Dominanz der Kirchen in Deutschland. Dennoch fordert er eine stärkere Trennung von Staat und Kirche. Dies sei zeitgemäß und gehöre "zu einer neuen Vielfalt in der Bundesrepublik".

Dem widersprach de Maizière. "Das Staatskirchenverhältnis entspricht unserer Geschichte und unserer Verfassung. Wir sind damit auch gut gefahren", sagte der CDU-Politiker. Die Kirche bekenne sich zum Grundgesetz und habe gesellschaftlich eine "mäßigende Wirkung". Das diskutiere man derzeit auch mit den Islamverbänden. Die müsse man fragen: "Was ist euer Verhältnis zum Grundgesetz?" De Maizière erinnerte im Zusammenhang mit dem Neubau der Propsteikirche in der Leipziger Innenstadt, dass es nun Streit um Pläne für den Neubau einer Moschee gebe. Hier müsse es Regeln und einen Konsens über diese Regeln geben.

Linktipp: Warum die Gesellschaft die Kirche braucht

Die Kirche muss in der Gesellschaft eine besondere Rolle spielen, sind sich Magdeburgs Bischof Feige und Landesbischöfin Junkermann einig. Denn auch der Staat verlässt sich auf die großen Kirchen. (Artikel vom Dezember 2016)

Mohageghi berichtete, dass Muslime in Deutschland derzeit versuchen, Institutionen zu finden, in denen sie sich organisieren, was nicht einfach sei. Muslime fragten sich, wie das zum Glauben passe. "Es reicht nicht, dass der Staat zufrieden ist, dass es eine islamische Organisation gibt", sagte sie. Mit Blick auf salafistische Moscheen und islamistische Gefährder sagte sie, der Staat müsse Möglichkeiten finden, um gegen solche Menschen vorzugehen bevor sie gewalttätig werden. Sie warnte zugleich davor, Moscheen generell als eine Gefahr zu sehen. "Extreme Ideologie und Islamismus geht heute vom Internet und Youtube aus und nicht von Moscheen", so Mohaghegi. Muslime müssen lernen, sich "in Demut anderen zu öffnen und ihre Einstellungen und Glauben zu akzeptieren". Es gebe keine homogenen Gesellschaften mehr.

Judentum stand unter demselben Generalverdacht wie Islam

"Das Judentum vor 200 Jahren stand unter dem gleichem Generalverdacht wie die Muslime heute", betonte Rabbinerin Ederberg. Die Struktur als Religionsgemeinschaft sei von Napoleon diktiert worden mit dem Ziel der "Erziehung der Juden zu ordentlichen Staatsbürgern". Der Islam stehe nun vor der Herausforderung, vor der das Judentum stand: Herauszufinden, wie sich religiöse Traditionen zu der Gesellschaft verhalten, in der man lebt. Insofern brauche es weiterhin eine Aufklärung.

Der Bürgerdialog ist Teil der Werkstattreihe "Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Integration - #gemeinsam für ein starkes Deutschland", mit der der Bundesinnenminister Themen ansprechen möchte, die die Menschen mit Blick auf die Zuwanderung bewegen. Der Auftakt war im Oktober in Köln, im April findet in München der Abschluss statt. Ob Religion "Kitt oder Keil" für die Gesellschaft ist, wird sicher über diese Reihe hinaus weiterhin ein Gesprächsthema bleiben.

Von Markus Kremser