Projektleiterin zum Abschluss der Arbeiten an der Grabeskirche

"Wir haben die Weisheit der Konstruktion entdeckt"

Aktualisiert am 10.02.2017  –  Lesedauer: 
Denkmäler

Jerusalem ‐ Die Instandsetzungsarbeiten an der Jerusalemer Grabkapelle stehen kurz vor dem Abschluss. Warum es aber auch künftig Baustellen in der Kirche geben könnte, erläutert Projektleiterin Moropoulou im Interview.

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Frage: Frau Professor Moropoulou, die Arbeiten an der Grabkapelle stehen kurz vor dem Abschluss. Was konnten Sie bisher erreichen?

Moropoulou: Wir haben die Marmorbeschläge geöffnet und sind auf die historischen Mauern und den heiligen Fels gestoßen. Dadurch konnten wir unsere diagnostische Anfangsstudie validieren. Wir haben die alten Mauern repariert, Mörtel eingespritzt und den Fels konsolidiert. Aus diesen Gründen haben wir das Grab geöffnet, um es zu schützen und wir haben einen Teil des Felsens für die Pilger sichtbar gemacht durch ein Fenster in der Grabkammer. Wir haben Titaniumstifte angebracht sowie passenden Mörtel und Beton und dann die Marmor- und Steinbeschläge wieder angebracht. Erst gestern haben wir die abschließende Schicht Mörtel in den oberen Teil des Baus eingespritzt.

Frage: Welche Arbeiten stehen noch aus?

Moropoulou: Die Kuppel der Kapelle wird repariert. Im Inneren der Ädikula werden sowohl in der Engelskapelle als auch in der Grabkammer die letzten Säulen verankert sowie Reinigung, Restaurierung und Schutzmaßnahmen abgeschlossen. Um den 20. Februar herum werden wir schließlich den eisernen Rahmen entfernen, der in der englischen Mandatszeit angebracht wurde. Bis zum 24. Februar sollen diese Arbeiten abgeschlossen sein. Danach setzen wir die Reinigung und den Schutz der Oberflächen fort. Wenn alle Arbeiten abgeschlossen sind, werden der zum Schutz des historischen Bodens angebrachte Bodenbelag rund um das Gebäude und auch die Schutzwände wieder entfernt.

Frage: Wird es zum Abschluss der Arbeiten eine Feier geben?

Moropoulou: Am 22. März werden die Oberhäupter der drei Konfessionen offiziell den Abschluss der Arbeiten verkünden und die instandgesetzte Grabkapelle segnen. Die Details der Zeremonie liegen bei den drei Gemeinschaften.

Eine Ordensschwester betet vor dem leeren Grab Jesu in der Grabeskirche in Jerusalem.
Bild: ©KNA

Eine Ordensschwester betet vor dem leeren Grab Jesu in der Grabeskirche in Jerusalem.

Frage: Ist damit alle nötige Arbeit getan?

Moropoulou: Wir untersuchen derzeit die Lage des Untergrunds der Ädikula, weil wir festgestellt haben, dass das steigende Wasser anhaltend die Ädikula gefährdet. Wir haben ferner festgestellt, dass Abwasser- und Regenwasserkanäle in willkürlicher Art und Weise unter der Rotunde verlegt wurden und eine ordentliche Installation eines Entwässerungssystems nötig ist. Ein ganzer Teil der Ausgrabungen ist nicht gut untermauert oder wurde im Laufe der Zeit durch Korrosion geschädigt. Wir werden die drei Konfessionsgemeinschaften über unsere Funde informieren und notwendige Schritte empfehlen, um die Stabilität und Nachhaltigkeit der Rotunde und unserer Restaurationsarbeiten zu gewährleisten.

Frage: Können Sie abschätzen, welchen Umfang die notwendigen Arbeiten haben werden?

Moropoulou: Wenn wir die entsprechende Studie abgeschlossen haben, werden wir ihre Ergebnisse veröffentlichen. In jedem Fall liegt die Entscheidung dann bei den Kirchen. Wir unsererseits haben die Verantwortung, die Performance der Grabkapelle nach ihrer Restaurierung zu überwachen, um das thermohydrische Gleichgewicht zu überprüfen sowie sicherzustellen, dass es keine Verschiebungen gibt.

Frage: Haben Sie bei den seit Monaten andauernden Arbeiten besondere Überraschungen erlebt?

Moropoulou: Die größte Überraschung war die unterirdische Situation, die wir nicht erwartet hatten. Sie gefährdet die Stabilität und die Langlebigkeit.

Frage: Und positive Überraschungen?

Moropoulou: Die positive Überraschung war die gute Zusammenarbeit der drei Gemeinschaften auf allen Ebenen, vom technischen Büro über die Geistlichen in der Kirche bis hin zu den drei Führern. Eine weitere Überraschung war die Weisheit der Gemeinschaften: Wir haben bei der Öffnung des Monuments die Weisheit seiner Konstruktion entdeckt sowie die Sorge, mit der es geschützt wurde. Und wir konnten alle Schichten seiner Geschichte freilegen. Es war eine positive und herausfordernde Erfahrung zugleich.

Frage: Ihre Arbeit ist in erster Linie eine technisch-wissenschaftliche. Gleichzeitig handelt es sich um eine sehr bedeutende heilige Stätte. Hat sich Ihr Zugang zur Grabeskirche im Laufe der Arbeiten verändert?

Moropoulou: Es ist Tatsache, dass Monumente sprechen, und dieses Monument spricht zu allen, zu unseren Seelen. Ich interagiere mit dem Gebäude wie jeder im Team und wie die Pilger und Gläubigen. Dies verändert unsere Sicht auf das Leben und die Welt.

Frage: Werden Sie diese besondere Baustelle vermissen?

Moropoulou: Unsere wissenschaftliche Verantwortung wird uns noch für einige Jahre hier beschäftigen, aber dann werden wir es natürlich vermissen.

Von Andrea Krogmann (KNA)

Linktipp: Eine unverrückt verrückte Leiter

Die Grabeskirche in Jerusalem ist ein Symbol für die Spaltung der Christenheit. Das macht eine einfache Leiter deutlich, die an der Fassade steht. Denn niemand weiß, wie sie dort hin kam oder wem sie überhaupt gehört. Aber niemand darf sie verrücken. (Artikel von 2016)