Vater und Sohn mit Downs-Syndrom auf einem Motorrad
Integration von Menschen mit Behinderung wird weitergedacht

Schon Jesus wollte Inklusion

Ein kleines Kreuz auf einem Fragebogen kann das Leben von Grund auf verändern. Carolin und David Neufeld haben es gesetzt und damit einen Weg eingeschlagen, den nicht viele Menschen gehen würden. Auf die Frage der Adoptionsstelle "Trauen Sie sich auch die Erziehung eines behinderten Kindes zu?" antworteten sie mit "Ja".

Bonn - 21.03.2014

Und schon wenige Wochen später hielt das Paar den kleinen Alexander im Arm. Ein Kind mit Down-Syndrom. Einige Jahre später kam sein Adoptivbruder Samuel dazu. Auch er hat Trisomie 21. Beide Jungen gehen heute in die Schule, haben einen großen Freundeskreis, sind ganz selbstverständlich in ihrer Kirchengemeinde vor Ort unterwegs. Die Neufelds haben ihre Entscheidung keinen Tag bereut. Im Gegenteil, sie sagen Sätze wie: "Wir haben noch nie erlebt, dass betroffene Eltern gesagt hätten: Es wäre besser, es hätte dieses Kind nicht gegeben." Und: "Eine Welt ohne Menschen mit Down-Syndrom ist eine ärmere Welt."

Zwei Jungen mit Down-Syndrom
Bild: © Klaus D. Wolf

Samuel und Alexander Neufeld (v.l.n.r.)

Ärmer an Vielfalt, Menschlichkeit und Würde - gesellschaftliche Werte, für die sich Politiker, Bildungsverantwortliche und Kirche unter dem Stichwort "Inklusion" einsetzen. Ein Begriff, der Integration von Menschen mit Behinderung weiterdenkt und eine Anpassung von allen Seiten fordert. Dahinter steht der Wunsch, die Gesellschaft von Grund auf so zu verändern, dass alle einen Platz darin haben und sein dürfen, wie sie sind.

Warum das Thema für die Kirche so wichtig ist, erklärt der Augsburger Weihbischof Anton Losinger. "Für uns als Christen spiegelt sich in der Diskussion wie in einem Brennglas die Grundbotschaft Jesu wieder, der allen Menschen, ohne Ausnahme und ohne Beschränkung Gottes Liebe verkündet hat. Den benachteiligten Menschen galt ja seine besondere Zuwendung", so Losinger in der Lehrerzeitschrift "Kontakt".

Bundesweiter Gipfel "Inklusion - Zukunft der Bildung"

In Bonn ist am Donnerstag der bundesweite Gipfel "Inklusion - Zukunft der Bildung " zu Ende gegangen, bei dem 350 Experten auf die Entwicklungen der letzten fünf Jahre geblickt haben. Denn seit die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung auch in Deutschland gilt, ist einiges in Bewegung gekommen.

"Einige Bundesländer haben sich der Inklusion im wahrsten Sinne verschrieben", sagt Daniel Neufeld. Oft sei die Durchführung aber einfach unangemessen. Etwa müssten Schulen Kinder mit Behinderung aufnehmen, ohne dass das Personal aufgestockt oder die Schülerzahl reduziert werde: "Die Lehrer sind damit verständlicherweise überfordert." Die Forderung nach finanziellen Mitteln ist deshalb auch Teil der aktuellen Grundsatzerklärung des Bonner Integrations-Gipfels.

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Ähnliches erleben auch Kitas, die ab dem neuen Kindergartenjahr auch Behinderte aufnehmen sollen. "Es ist ein guter Gedanke der Inklusion, von Sondereinrichtungen wegzukommen, damit auch Kinder mit Behinderung in eine Kita ihrer Nachbarschaft gehen können", sagt Sonja Velten, Kindergartenkoordinatorin des kirchlichen Kindergartennetzwerkes in Bad Godesberg. "Aber die Einrichtungen müssen sich erst einmal vernetzen mit Praxen und Frühförderzentren und die Erzieher brauchen Fortbildungen."

Daniel Neufeld: "Es war ein Kraftakt für die Schule"

Auch Daniel Neufeld hat in der Grundschule seines Sohnes Samuel Positives erlebt. Dort ist ein Klassenraum an eine Klasse für Kinder mit Förderbedarf vermietet, die von speziell ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet werden. Fächer wie Deutsch, Musik oder Kunst besuchen die Kinder gemeinsam mit Schülern aus der Regelschule. "Es war ein Kraftakt für die Schule, sich auf diese Weise zu öffnen, aber es profitieren alle davon", sagt Neufeld. Nicht nur die Kinder, auch die Eltern, die bei Elternabenden und Schulfesten eingebunden sind. "Dieses Zusammengehören ist ungemein wertvoll."

Dass Inklusion mittlerweile nicht nur im Bildungsbereich, sondern auch in der Kultur, im Städtebau oder in der Arbeitswelt "selbstverständlich mitgedacht" wird, ist für Weihbischof Losinger, der auch Mitglied im Deutschen Ethikrat ist, eine wichtige Entwicklung. Allerdings könne man die Augen nicht vor der Gegenbewegung durch die Pränataldiagnostik verschließen. Losinger vergleicht die Untersuchungen mit einer "Rasterfahndung die genetische Anomalien aufspürt." Oft sei damit dann auch ein "Nein" zum Kind verbunden.

"Es wird viel zu wenig aufgeklärt", klagt Daniel Neufeld. Schätzungsweise 95 Prozent aller Kinder, bei denen nur die Vermutung bestehe, sie könnten das Down-Syndrom haben, würden abgetrieben. "Die Eltern wissen weder, was es bedeutet, mit einem behinderten Kind zu leben, noch was es heißt, sein Leben lang mit einer Abtreibung klar kommen zu müssen."

Von Janina Mogendorf

Welt-Down-Syndrom-Tag

Der 21. März wurde von den Vereinten Nationen (UN) offiziell zum Welt-Down-Syndrom-Tag ausgerufen: Bei Menschen mit Trisomie 21 ist das 21. Chromosom dreifach vorhanden. Viele Familien, Institutionen oder Kirchengemeinden gehen an diesem Tag ganz bewusst mit Veranstaltungen und Aktionen in die Öffentlichkeit, um zu zeigen, dass Menschen mit Down-Syndrom dazugehören. Lesetipp: "Was soll nur aus diesem Kind bloß werden?" 7 Lebensläufe von Menschen mit Down-Syndrom - Holm Schneider, Neufeld-Verlag