Altkanzler Helmut Kohl ist tot
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"Kanzler der Einheit" verstarb in seiner Heimat Ludwigshafen

Altkanzler Helmut Kohl ist tot

Er war der "Kanzler der Einheit" und gläubiger Katholik: Helmut Kohl. Jetzt ist er im Alter von 87 Jahren gestorben. Die deutsche Kirche und Politiker trauern um ihn.

Ludwigshafen - 16.06.2017

Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl ist am Freitag im Alter von 87 Jahren in Ludwigshafen gestorben. Das bestätigte die CDU auf Twitter. Zwischen 1969 und 1976 war Kohl rheinland-pfälzischer Ministerpräsident und von 1982 bis 1998 Kanzler. Zu seinen politischen Erfolgen zählen der von ihm wesentlich mitgestaltete Prozess der deutschen Wiedervereinigung und das Zusammenwachsen Europas einschließlich der Einführung einer gemeinsamen Währung. 1973 hatte Kohl den CDU-Vorsitz übernommen und behielt ihn 25 Jahre.

Bischöfe würdigen Helmut Kohl

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat den verstorbenen Helmut Kohl als Persönlichkeit mit historischem Weitblick gewürdigt. Im Namen der Deutschen Bischofskonferenz sprach Kardinal Marx der Witwe des Verstorbenen seine Anteilnahme aus. "Die Kirche in Deutschland ist dankbar für das christliche Zeugnis von Helmut Kohl. Wo die Werte einer freiheitlichen Gesellschaft mit den Füßen getreten wurden – wo auch immer auf der Welt –, da setzte er sich für die Beachtung dieser Werte ein. Europa wollte und konnte er aus seinen christlich geprägten Überzeugungen heraus gestalten. Dabei war es dem Verstorbenen ein großes Anliegen, auf der Grundlage der Katholischen Soziallehre für eine Soziale Marktwirtschaft einzutreten, die den Menschen in den Vordergrund stellt", so Kardinal Marx.

In seiner Würdigung erinnert Kardinal Marx auch an die Begegnungen von Bundeskanzler Kohl mit Papst Johannes Paul II. bei dessen Deutschlandbesuchen 1987 und 1996. Auch die herzliche Begegnung mit Papst Benedikt XVI., als dieser 2011 Deutschland besuchte, sei für Kardinal Marx unvergessen: "Die katholische Kirche in Deutschland verneigt sich vor dem Verstorbenen in Trauer, Anerkennung und Dankbarkeit. Das Handeln Helmut Kohls war vom christlichen Menschenbild geprägt, das ihn so sehr für seine Arbeit gestärkt hat."

Bischof Karl-Heinz Wiesemann zeigte sich betroffen vom Tod Helmut Kohls: "Er hat sich in außergewöhnlicher Weise um den Erhalt des Speyerer Domes verdient gemacht und entscheidend dazu beigetragen, Menschen für den Dom zu begeistern", so der Bischof. "Das Bistum Speyer und sein Domkapitel sind Helmut Kohl für sein Engagement für den Speyerer Dom außerordentlich dankbar."

Bild: © Bistum Speyer

Altkanzler Helmut Kohl 2014 mit Bischöfen und Kardinal Reinhard Marx im Bistum Speyer.

Zeitlebens habe Kohl eine lebendige Beziehung zum Bistum Speyer gehabt. "Er hat sich auch als Politiker offen zu seinem Glauben bekannt", so Bischof Wiesemann weiter. Im Herbst 2015 hatten Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann und das Speyerer Domkapitel Alt-Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl anlässlich der Feier zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit für seine Verdienste für den Speyerer Dom geehrt. In der Vorhalle des Doms wurde eine Gedenkplatte enthüllt. Sie trägt die Aufschrift "In Würdigung der Verdienste von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl um den Dom zu Speyer als Sinnbild für die christlichen Wurzeln eines geeinten Europas. In Dankbarkeit Das Domkapitel".

Bischof Gebhard Fürst bezeichnete den Altkanzler als "Kanzler der deutschen Einheit und großen Europäer". Als herausragende Bundes- und Europapolitiker sei Kohl seinen Weg in der christlichen Tradition der Gründerväter Deutschlands wie auch Europas gegangen. "Helmut Kohl hat die einmalige Chance Deutschlands auf ein Zusammenwachsen nach jahrzehntelanger Trennung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs weitblickend genutzt", betonte Bischof Fürst.

Erzbischof Koch würdigt "Berliner Ehrenbürger"

Das Erzbistum Paderborn beklagt den Verlust eines großen Politikers. Eine Auszeichnung verbinde Helmut Kohl in ganz besonderer Weise mit der Stadt Paderborn und dem Erzbistum: Unvergessen bleibt für Erzbischof Hans-Josef Becker, als Helmut Kohl 1999 anlässlich des 1.200-jährigen Bistumsjubiläums von seinem Amtsvorgänger, Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt, die "St.-Liborius-Medaille für Einheit und Frieden" verliehen wurde – in Anerkennung seines Einsatzes für die europäische Einigung und die deutsche Einheit und seines politischen Handelns auf christlicher Grundlage. Die politischen Verdienste Kohls stünden auf einem bedeutenden Fundament: dem festen Glauben und die christliche Überzeugung Kohls. Der Altkanzler habe "Zeit seines Lebens durch sein klares öffentliches Bekenntnis zur katholischen Soziallehre" einen Beitrag zu konkreten Gestaltung der Gesellschaft geleistet, so der Erzbischof weiter. "Helmut Kohl war es seinerzeit zu verdanken, dass ein Wort zu den Kirchen im Vertrag von Amsterdam verankert wurde, der ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg der europäischen Einigung war."

Auch der Berliner Erzbischof Heiner Koch hat die politischen Leistungen von Helmut Kohl gewürdigt. "Das Erzbistum Berlin trauert um den Kanzler der Einheit", sagte er am Freitagabend in Berlin. "Als Papst Johannes Paul II. mit Helmut Kohl durch das Brandenburger Tor schritt, bedeutete das die Vollendung der Deutschen Einheit und das Ende des Kalten Kriegs", so Koch weiter. "Gerade auch als das Bistum, das so sehr unter der Teilung Berlins gelitten hat, wissen wir, was wir dem Berliner Ehrenbürger zu verdanken haben." Der Erzbischof weiter: "Möge Gott ihm das Gute, das er für unser Land getan hat, vergelten."

Helmut Kohl hat auch meinen Lebensweg entscheidend verändert.

Zitat: Bundeskanzlerin Angela Merkel

Kanzlerin Angela Merkel lobt Kohl

Als großen Deutschen und großen Europäer hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl (beide CDU) gewürdigt. Er habe erkannt, dass die Einheit Deutschlands und Europas untrennbar miteinander verbunden seien, sagte Merkel am Freitag in Rom. Er habe die Gunst der Stunde genutzt, um die Wiedervereinigung herbei zu führen Die Kanzlerin betonte, Kohl habe auch ihren eigenen Lebensweg entscheidend verändert. Durch ihn habe sie ein Leben in Freiheit führen und das Leben in der Diktatur verlassen können: "Helmut Kohl hat auch meinen Lebensweg entscheidend verändert."

Als CDU-Vorsitzende lobte Merkel auch die Verdienste Kohls um seine Partei. Er habe sie modernisiert. Als Pfälzer habe er immer seine Heimatliebe betont; auch deshalb habe er ein feines Gespür für die Geschichte und die Gefühle der europäischen Partner gehabt.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kondoliert

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Maike Kohl-Richter zum Tod ihres Mannes kondoliert und vor allem dessen politischen Instinkt gewürdigt. Helmut Kohl habe sich mit ganzer Kraft für die Verankerung Deutschlands im westlichen Bündnis eingesetzt, erklärte das Staatsoberhaupt am Freitag in Berlin. "Er hat die europäische Einigung mit Leidenschaft vorangetrieben und bis zuletzt für die europäische Idee geworben."

Steinmeier betonte weiter, Kohl habe die enge deutsch-französische Freundschaft und Partnerschaft wesentlich voran gebracht. Dabei habe er "den Großmut und die segensreiche Bereitschaft zur Versöhnung" gewürdigt, die Frankreich der Bundesrepublik nach Ende des Zweiten Weltkrieges entgegen gebracht habe.

Der Bundespräsident lobte den politischen Instinkt Kohls: Er habe eine herausragende Begabung gehabt, Vertrauen bei den Nachbarn und Partnern zu gewinnen. Das habe ihn dazu befähigt, "eine einmalige historische Chance zu erkennen und sie mit Entschlossenheit zu ergreifen: Es ist ihm gelungen, die deutsche Einheit im friedlichen Einvernehmen und in guter Partnerschaft mit unseren europäischen Nachbarn zu erreichen."

Zentralkomitee trauert

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) hat seine tiefe Trauer ausgedrückt: "Helmut Kohl lebte in enger Verbindung mit seiner katholischen Kirche. Wir sind dankbar für viele Begegnungen und Gespräche, die uns mit ihm als Parteivorsitzenden und Bundeskanzler zusammengeführt haben, nicht zuletzt bei zahlreichen Katholikentagen", betont ZdK-Präsident Thomas Sternberg. "Wir werden seiner im Gebet gedenken." Besonders erinnere sich der Vorsitzende an die Rede Kohls beim 90. Deutschen Katholikentag im Mai 1990 in Berlin: "'Wir wollen uns als Christen in unserem Verständnis von Pluralismus auch dem Wettbewerb der Ideen stellen", so Helmut Kohl damals.

Zentralrat der Juden betont Kohls Verdienste

Als einen eng mit der jüdischen Gemeinschaft verbundenen Staatsmann hat der Zentralrat der Juden in Deutschland Helmut Kohl gewürdigt. Der am Freitag gestorbene Altkanzler habe den Weg für die Einwanderung von Juden in die Bundesrepublik frei gemacht und somit wesentlich zu einer neuen Blüte der jüdischen Gemeinschaft beigetragen, erklärte Zentralratspräsident Josef Schuster am Freitag in Berlin. "Die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder hat sich seitdem auf rund 100.000 verdreifacht. Auch dies ist ein bleibender Verdienst Helmut Kohls." Schuster erinnerte daran, dass Kohl 1997 für sein Engagement den Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden erhalten habe.

Helmut Kohl besuchte am 20.12.2016 gemeinsam mit seiner Ehefrau und Bischof Wiesemann den Kaiserdom in Speyer.

Während seiner Kanzlerschaft hielt der überzeugte Katholik und regelmäßige Kirchgänger den Draht zu Bischöfen, Kardinälen und Päpsten. Auch nach seiner Zeit in der aktiven Politik engagierte sich Kohl für religiöse Anliegen: Er setzte sich für die Berliner Guardini-Professur für Religionsphilosophie und Katholische Weltanschauung ein, engagierte sich für den Neubau der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg und gründete die "Europäischen Stiftung Kaiserdom zu Speyer". Das romanische Gotteshaus nahe seiner Heimatstadt Ludwigshafen war für Kohl Symbol der Einheit Europas.

Nicht zuletzt wegen seiner Ehe mit der Protestantin Hannelore Kohl galt der CDU-Politiker als überzeugter Verfechter der Ökumene. Nach dem Tod seiner Frau ging Helmut Kohl 2008 eine zweite Ehe ein und heiratete Maike Richter-Kohl. Ebenfalls 2008 stürzte Kohl schwer. Seitdem war er gesundheitlich angeschlagen und an einen Rollstuhl gefesselt. Kohl hinterlässt zwei Kinder, die Söhne Walter und Peter.

Verbindung zum Speyerer Dom

Aus persönlichen Gründen lag dem Altkanzler der Speyerer Dom am Herzen, war es doch in seiner Amtszeit fester Bestandteil im Besuchsprogramm für ausländische Staatsgäste - von König Juan Carlos über Michail Gorbatschow und Boris Jelzin bis zu George Bush und Vaclav Havel. 1987 kam Papst Johannes Paul II. bei seinem zweiten Deutschlandbesuch nach Speyer. Auch das Requiem für Kohls erste Ehefrau Hannelore fand im Dom statt. 2016 und 2015 besuchte er vor Weihnachten mit seiner Frau Maike Kohl-Richter den Dom. (jcm/KNA)

16.06.2017, 18:15 Uhr: Ergänzt um Statement ZdK
16.06.2017, 18:24 Uhr: Ergänzt um Statement Kardinal Reinhard Marx
16.06.2017, 18:53 Uhr: Ergänzt um Statement Bischof Gebhard Fürst
16.06.2017, 18:59 Uhr: Ergänzt um Statement Bischof Karl-Heinz Wiesemann
16.06.2017, 19:14 Uhr: Ergänzt um Statement Zentralrat der Juden
16.06.2017, 19:22 Uhr: Ergänzt um Statement Kanzlerin Angela Merkel
16.06.2017, 19:36 Uhr: Ergänzt um Statement Erzbischof Hans-Josef Becker
16.06.2017, 19:40 Uhr: Ergänzt um Statement Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

17.06.2017, 10:05 Uhr: Ergänzt um Statement von Erzbischof Heiner Koch