Eine Jugendliche betet im Kerzenlicht.
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BDKJ-Bundespräses Bingener über Zukunftsfragen der Kirche

Wie finden junge Menschen ihre Berufung?

Jugend - Den kirchlichen Berufen fehlt der Nachwuchs. Doch dieses Problem sei nicht "gottgegeben", sondern hausgemacht - und korrigierbar, sagte BDKJ-Bundespräses Dirk Bingener im katholisch.de-Interview.

Von Kilian Martin |  Bonn - 23.06.2017

Frage: Herr Pfarrer Bingener, der BDKJ hat sich bei seiner Hauptversammlung auch mit der anstehenden Bischofssynode zur Jugend im kommenden Jahr befasst. Was will der Verband in diese Debatte einbringen?

Dirk Bingener: Die Frage ist eigentlich: Wen will er da einbringen? Es reicht nicht, bei der Synode nur über Jugendliche zu sprechen. Es ist wichtig, dass es einen Austausch mit den Jugendlichen auf Augenhöhe gibt. Deshalb fänden wir es gut, wenn gleich viele Jugendvertreter wie Bischöfe an der Synode teilnehmen.

Inhaltlich geht es vor allem um die Frage, wie Jugendpastoral so gelingt, dass junge Menschen ihre Berufung finden. Da möchten wir dem Papst das Modell der Jugendverbände vorstellen. Wir glauben daran, dass junge Menschen dort auch ihre Berufung finden können.

Frage: Das ist das Hauptthema der Synode: Die Berufungen junger Menschen. Was tut der BDKJ in diesem Bereich für die Mitglieder?

Bingener: Die Verbände bieten Räume, in denen Jugendliche ihre Spiritualität leben können, wo Glaube und Lebensrealität nicht auseinanderfallen, wo sie lernen, Verantwortung zu übernehmen. Und sie sind Gemeinschaften, in denen junge Menschen ihre elementaren Fragen stellen und verhandeln können: Wo finde ich Heimat, was wird aus mir, wie wollen wir leben? Und schließlich brauchen Jugendliche natürlich auch Vorbilder, an denen sie sich ausrichten können. In den Verbänden finden sie solche Menschen, die Christus folgen, sich für sein Reich einsetzen und den Glauben weitergeben.

Frage: Finden junge Menschen solche Gemeinschaften und Vorbilder nicht auch in ihren "normalen" Gemeinden?

Bingener: Doch, natürlich. Es gibt ja auch viele Jugendverbände, die eingebunden sind in die Gemeinden. Aber wir stellen eben fest, dass es in den Pfarreien immer weniger pastorale Mitarbeiter gibt, die dort für sie ansprechbar sind.

BDKJ-Bundespräses Dirk Bingener zelebriert einen Gottesdienst in der Basilika der Göttlichen Barmherzigkeit in Krakau.
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Pfarrer Dirk Bingener ist Kölner Diözesanpriester. Seit 2015 gehört er als Bundespräses dem Bundesvorstand des BDKJ an.

Frage: Bei der Hauptversammlung hat ein Theologiestudent sehr deutlich seinen Unmut über die Situation angehender pastoraler Mitarbeiter kundgetan. Er habe, so der Tenor, nicht das Gefühl, mit seiner Berufung in der Kirche wirklich angenommen zu werden. Teilen Sie seine Kritik?

Bingener: Das war mutig, offen und ohne Angst. Ich verstehe die Kritik so, dass ihm Raum fehlt, über seinen persönlichen Glauben und seine Zweifel sprechen zu können und es zu sehr um die Frage von Rechtgläubigkeit geht. Dann hat er aber auch sehr konkrete Fragen angesprochen, wie die nach der Leitungsverantwortung für pastorale Dienste. Natürlich muss man all diese Kritik ernst nehmen, auch wenn ich nicht in allen Punkten übereinstimme, wie etwa bei der Frage der Residenzpflicht.

Frage: Ist diese Kritik eine Einzelstimme oder vielleicht sogar Ausdruck einer grundsätzlichen Unzufriedenheit bei jungen pastoralen Mitarbeitern?

Bingener: Es natürlich ein großes Thema der Jugendpastoral, dass sich immer weniger Menschen für den kirchlichen Dienst entscheiden. Aber das ist kein gottgegebenes Problem. Dahinter stehen sehr irdische Fragestellungen und die kann man bearbeiten. Das ist positiv. Da geht es etwa um den Zugang zum pastoralen Dienst, Teamarbeit, Personalentwicklung, Frauen in der Leitung, und so weiter. Das alles sind Fragen, die man konstruktiv angehen muss. Und es gibt einen Veränderungswillen, gerade in den Verbänden.

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Frage: Jenseits dieser Fragen rund um die Gestalt des Dienstes gibt es aber auch noch das Problem des fehlenden Raumes für Spiritualität. Brauchen junge Menschen nicht eine besondere, spirituelle Begleitung auf dem Weg in den pastoralen Dienst? Und wer kann das bieten?

Bingener: Das allerwichtigste ist, dass junge Menschen nicht das Gefühl haben, dass sie sich im pastoralen Dienst  auf dem absteigenden Ast befinden. In den Verbänden kann man feststellen, dass der Weg vom ehrenamtlichen Engagement zum Beruf in der Kirche nicht allzu weit ist, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Frage: Also würden Sie sagen, dass man Berufungen vor allem dadurch unterstützt, indem man die Berufe attraktiver macht?

Bingener: Man muss natürlich auch überlegen welche jungen Menschen geeignet sind und wie wir sie ansprechen. Das muss zueinander passen.

Frage: Welche konkreten Ziele verfolgt der BDKJ für die Zukunft der pastoralen Berufe?

Bingener: Wir haben bei der Hauptversammlung das Thema erst geöffnet. Jetzt geht es darum, die Diskussion auch zu führen. Wir sind davon überzeugt, dass es eine so wichtige Zukunftsfrage ist, dass sich alle Akteure dringend damit befassen müssen. Wir haben in den pastoralen Berufen schon eine ganze Generation verloren und nicht mehr viel Zeit. Denn das ist ein Teufelskreis: Wenn immer weniger junge Leute Vorbilder erleben, werden auch immer weniger diesen Menschen folgen und selbst ein pastoralen Beruf ergreifen. Mich beschäftigt das sehr.

Frage: Wer hat denn diese Generation verloren? Welchen Anteil haben die Jugendverbände daran, dass sie fehlt?

Bingener: Ich denke, diese Frage ist jetzt nachrangig. Es ist vor allem wichtig, jungen Menschen in der Frage von Berufung eine starke Stimme zu geben und ihnen zu zeigen, dass wir gemeinsam etwas verändern können. Das ist es, was wir jetzt deutlich machen müssen.

Von Kilian Martin

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