Hunderte Grundschulkinder stehen auf dem Schulhof rund um Lehrer/innen, die mit Gitarre Lieder singen und beten.
Bild: © Martin John
Eine Schulseelsorgerin berichtet aus ihrem Beruf

Wenn die Schule zur Gemeinde wird

Schule - Viele Kinder und Jugendliche haben heute kaum noch Kontakt zur Kirchengemeinde. Regina Geyer versucht daher als Schulseelsorgerin, auch kirchenferne Kinder zu erreichen. Wie, erzählt sie im Interview.

Von Gabriele Höfling |  Hamburg - 29.08.2017

Frage: Frau Geyer, warum braucht es überhaupt Schulseelsorger – reichen Religionslehrer nicht aus? 

Geyer: Lange gab es tatsächlich fast nur Religionslehrer und nur an wenigen Schulen noch darüber hinaus Schulseelsorger. Aber Kirche verändert sich. Kinder und Jugendliche finden in den Gemeinden immer weniger eine Heimat. Als der frühere Erzbischof Werner Thissen die Beauftragten für Schulpastoral vor vier Jahren einführte, wollte er eine Erneuerung der Kirche: Sie sollte die Kinder da abholen, wo sie sind. Mittlerweile nehmen viele Schüler und Kollegen das Angebot der Schulpastoral an.

Frage: Was unterscheidet die Schulseelsorge vom Religionsunterricht?

Geyer: In der Schulpastoral machen wir keinen Unterricht. Wir sind frei von Leistungsdruck, von Noten und Lehrplänen. Wir können unsere Angebote an die Bedürfnisse der jeweiligen Schule anpassen. Und die Bedürfnisse sind je nach Schulform und Stadtteil sehr unterschiedlich.

Frage: Mit welchen Projekten konnten Sie das Interesse der Schüler wecken?

Geyer: Ich habe zum Beispiel eine 'stille Pause' eingeführt. Zwei, dreimal in der Woche können die Schüler die große Pause im Raum der Stille verbringen. Das wird sehr gut angenommen, auch bei den Neunt- und Zehntklässlern. Manche bringen sich ein Buch mit, oder sie legen sich einfach hin und schließen die Augen. Manchmal gibt es auch leise Musik dazu. Das hängt davon ab, wie unruhig die Kinder sind, denn sie sind ja nicht schlagartig still, wenn sie zu mir kommen. Klar gibt es auch solche, die das Angebot ausnutzen, etwa um im Winter der Kälte zu entgehen. Denen versuche ich dann klarzumachen, dass der Raum der Stille nicht der richtige Ort für sie ist. Allgemein erreiche ich die Schüler am besten, wenn wir etwas gemeinsam anpacken. Wir haben zum Beispiel eine Valentinsaktion gemacht, da haben wir Herzen in kleine Tütchen verpackt, die konnten die Schüler dann verschicken. Den Erlös haben wir gespendet - unter anderem für unsere Partnerschule in Nicaragua. Seit drei Jahren beten wir zudem jeden Donnerstag an allen katholischen Schulen Hamburgs für den Frieden. Das verbindet die Schulen miteinander und die Schüler spüren das auch. Besonders eindrücklich war das beim G20 Gipfel in diesem Juli.

Regina Geyer ist Schulseelsorgerin an der Domschule St. Marien in Hamburg.
Bild: © Privat

Regina Geyer ist Schulseelsorgerin an der Domschule St. Marien in Hamburg.

Frage: Haben die Schüler überhaupt Interesse an einem Kontakt jenseits des Religionsunterrichts?

Geyer: Ja, durchaus. Einige ältere Schüler haben zum Beispiel erzählt, dass sie nicht zur Erstkommunion gegangen sind, jetzt aber merken, dass sie das gern nachholen würden. Aber als 14- oder 15-jährige gehen sie dann natürlich auch nicht mehr in die Gemeinde, um mit den Grundschülern an der Katechese teilzunehmen. Für sie will ich im kommenden Jahr eine Erstkommunionkatechese anbieten. Ein anderes Beispiel: Bei der Vorbereitung der Gottesdienste habe ich nach Messdienern gesucht, aber gemerkt, dass es kaum noch Kinder und Jugendliche gibt, die das in ihren Gemeinden machen. Tja, und Not macht erfinderisch: Ich habe dann am Nachmittag eine 'Ausbildung zum Schulmessdiener' angeboten. Und die freuen sich mittlerweile, wenn wieder ein Schulgottesdienst ansteht.

Frage: Bekommen Sie denn manchmal auch richtig contra von Schülern, die einfach keine Lust auf die Angebote haben oder davon genervt sind?

Geyer: Nein. Der große Vorteil ist ja, dass es keinen Zwang gibt. Wer keine Lust hat, der kommt eben nicht. Aber es finden sich meist doch so viele, dass meine Angebote gut besucht sind.

Frage: Sind Sie "nur" für die Schüler da oder auch für Lehrer und Eltern?

Geyer: Am meisten machen wir natürlich mich den Schülern, aber im Prinzip bin ich schon für alle da. Wir feiern ja zum Beispiel Gottesdienste im Kollegium, bieten den Lehrerinnen und Lehrern Besinnungstage an. Eltern kommen manchmal mit Fragen bezüglich der Kirche – die beantworte ich dann gern.

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Frage: Welche Themen besprechen Sie mit den Schülern - bleibt das eher an der Oberfläche oder geht es da auch schon mal um Persönliches oder sogar um Glaubensfragen?

Geyer: Persönlich wird es meist  bei Grenzerfahrungen - zum Beispiel, wenn es in der Schulgemeinschaft einen Trauerfall gegeben hat. Dann fragen sich die Schüler, warum und wieso so etwas passiert.

Frage: Was ihr eindrücklichstes Erlebnis als Schulseelsorgerin?

Geyer: Zwei Tage vor den Sommerferien ist unser Hausmeister überraschend gestorben. Die Schüler kannten ihn natürlich und seine Frau ist die Schulsekretärin. Da war die Frage: Wie gestalten wir den Gottesdienst zum Schuljahresabschluss? Einerseits war es richtig und legitim, dass sich die Schüler auf die Ferien freuen, andererseits war ganz klar, dass wir den Trauerfall in den Mittelpunkt stellen. Letztlich wurde es für viele zu einem emotionalen Erlebnis: Wie persönlich sich die Schüler verabschiedet haben, Große und Kleine, das war unglaublich.

Frage: Gibt es manchmal auch so etwas wie seelsorgliche Notfälle – dass zum Beispiel jemand ganz akut ein Anliegen hat und deswegen vom Unterricht freigestellt wird?

Geyer: Ja, das gab es schon einmal, auch in Verbindung mit einem Todesfall. Damals war eine Kollegin gestorben und wir haben den Schülern feste Gesprächszeiten angeboten. Dafür durften sie auch aus dem Unterricht gehen. Ich war damals noch ganz neu und hoffte, dass ich gut auf das reagieren können würde, was die Kinder sagen. Aber oft hilft eben das bloße Zuhören. Dann kommen die eigenen Erlebnisse der Kinder wieder hoch – wenn sie erlebt haben, wie der Opa gestorben ist, ein Elternteil oder ein Geschwisterkind. Gerade bei den Kleinen ist es dann schön, wenn man ihnen eine Kleinigkeit mitgeben kann, zum Beispiel ein schönes Bild, das sie sich zu Hause auf den Nachttisch legen können.

Von Gabriele Höfling

Zur Person

Regina Geyer (55) ist Lehrerin für katholische Religion und Mathematik an der Domschule St. Marien in Hamburg. Vor vier Jahren hat sie eine einjährige Fortbildung zur Schulseelsorgerin absolviert. Die Teilnehmer beschäftigten sich in Seminaren unter anderem mit der Frage, wie sie am besten mit den Schülern kommunizieren, wie sie mit Grenzsituationen umgehen und wie es mit ihrer eigenen Gottesbeziehung steht. Die Domschule ist im zweigliedrigen Schulsystem Hamburgs neben dem Gymnasium die zweite weiterführende Schule, etwa vergleichbar mit der Gesamtschule in NRW.