"Wir müssen die Kommunikation mit der AfD suchen"
Leipziger Pfarrer Giele über den Umgang der Kirche mit der AfD

"Wir müssen die Kommunikation mit der AfD suchen"

Politik - Bei der Bundestagswahl wurde die AfD in Sachsen stärkste Partei. Wie soll die Kirche künftig mit der Partei umgehen? Der Leipziger Pfarrer Gregor Giele plädiert im katholisch.de-Interview für einen Neuanfang.

Von Renardo Schlegelmilch und Steffen Zimmermann |  Leipzig - 17.10.2017

Frage: Pfarrer Giele, bei der Bundestagswahl im September ist die AfD in Sachsen stärkste Partei geworden. Sie müssen also davon ausgehen, dass auch bei Ihnen im Gottesdienst AfD-Wähler sitzen.

Giele: Es gibt ein Wahlgeheimnis, ich weiß es also nicht. Aber natürlich hoffe ich, dass Gemeinde immer auch ein Abbild der Gesellschaft ist, in der sie existiert. Und wenn das so ist, dann wird sich das Wahlergebnis in der einen oder anderen Weise natürlich auch in unserer Gemeinde widerspiegeln – wenn auch vielleicht mit anderen Prozentzahlen. Aber es wird sich widerspiegeln, ja.

Frage: Wie gehen Sie damit um? Einerseits vertritt die AfD Positionen, die nur schwer mit christlichen Überzeugungen vereinbar sind, andererseits sollte im Gottesdienst jeder Mensch willkommen sein...

Giele: Zunächst einmal müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass es auch praktizierende, tief gläubige Christen gibt, die sich in der AfD engagieren oder der Partei ihre Stimme geben. Das ist für mich vor allem eine Herausforderung, das zu verstehen: Es gibt also Christen, die ihre christlichen Grundüberzeugungen mit den Positionen der AfD in Deckung bringen können. Das ist für mich schwer verständlich, aber ich möchte hinhören, wie das diesen Menschen gelingt. Deswegen halte ich es für unverzichtbar, dass wir mit den Menschen ins Gespräch kommen und hinhören. Hinhören heißt ja nicht, dass man die Positionen des Anderen automatisch teilt. Aber mit einem vorgefertigten Urteil in ein Gespräch zu gehen, wird den Gesprächspartner immer verprellen. Ich will nachvollziehen können, was für mich nicht nachvollziehbar ist, was ich aber als Wirklichkeit erlebe.

Linktipp: Wie sollen Christen mit der AfD umgehen?

Wie setzt man sich richtig mir der AfD auseinander? Mit der Frage ringen Kirchenleitungen und Pfarrgemeinden. In einer neuen Aufsatzsammlung erzählen evangelische Kirchenvertreter von ihren Erfahrungen. (Artikel von August 2017)

Frage: Wie gehen Sie als Gemeinde mit der AfD als politischer Institution um? Gibt es zum Beispiel Kontakte zur AfD-Fraktion im Leipziger Stadtrat?

Giele: Im Stadtrat haben wir keinen Kontakt, aber wir haben immer mal wieder aktive AfD-Mitglieder im Gottesdienst. Wir versuchen mit einer Vortragsreihe, die im Januar wieder ansteht, auch mit Vertretern der AfD ins Gespräch zu kommen. Die Überschrift dieser Vortragsabende lautet "Sprachlos", weil wir festgestellt haben, dass Kirche mit bestimmten Akteuren in der Gesellschaft überhaupt nicht mehr im Gespräch ist. Dazu gehört für uns auch das Spektrum der AfD, und deswegen laden wir jemanden aus der Partei ein, um zu reden.

Frage: Das heißt, Sie sind als Leipziger Stadtgemeinschaft, zur der ja auch die Kirche zählt, an einem Punkt, wo sie sagen: Die Situation ist, wie sie ist. Wir müssen jetzt lernen, wieder aufeinander zuzugehen?

Giele: Wir müssen das neu lernen. Um ein Beispiel zu nennen: Als Kirchen waren wir in den vergangenen Jahren an den Protesten gegen den Leipziger Pegida-Ableger beteiligt. Damals gab es auch schon Gesprächsforen, in der aufgeheizten Situation haben die allerdings nicht wirklich getragen oder funktioniert. Ich glaube, das hat sich in letzter Zeit ein wenig beruhigt, was die Emotionen betrifft. Die AfD hat sich durch das Wahlergebnis etabliert, und das heißt, wir müssen die Kommunikation suchen. Da ist es vielleicht eine gute Voraussetzung, unaufgeregt miteinander zu reden.

Bild: © katholisch.de

Gregor Giele ist Pfarrer an der Propsteikirche St. Trinitatis im Zentrum von Leipzig, dem größten Kirchenneubau in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung.

Frage: Was ist denn Ihr Ziel bei diesen Gesprächen? Geht es Ihnen darum, die AfD-Vertreter von Ihrem christlichen Standpunkt zu überzeugen? Oder sagen Sie: Ihr habt euren Standpunkt, und ich akzeptiere das?

Giele: Eine Demokratie lebt vom Diskurs, auch vom Streit. Und natürlich werden wir unsere christlichen Positionen in diesen Gesprächen sehr selbstbewusst und vehement einbringen. Trotzdem glaube ich, dass es die erste Aufgabe ist, hinzuhören und verstehen zu lernen. Verstehen heißt nicht akzeptieren, sondern nachvollziehen können. Wir stehen ja relativ ratlos vor der Wut der Menschen, die sich auch im Wahlergebnis ausgedrückt hat. Diese Wut, die sich anscheinend über Jahre und Jahrzehnte angesammelt hat, haben wir als Kirche nicht wachsen sehen. Das müssen wir jetzt nachholen, und nicht direkt urteilend und verurteilend ins Gespräch einsteigen. Wir müssen erst mal Hausaufgaben nachholen.

Frage: Wenn man Ihren Ausführungen folgt, kann man den Eindruck gewinnen, dass Sie den bisherigen Umgang der Kirche mit der AfD für einen Fehler halten. Sind Ihre Aussagen also auch als Kritik an den Bischöfen zu verstehen, die sich vor der Wahl ja mehrheitlich sehr klar gegen die AfD und zentrale Positionen der Partei positioniert hatten?

Giele: Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, ob der bisherige Umgang der Kirche mit der AfD richtig oder falsch war. Was wir erlebt haben ist, dass die Menschen auf der Suche sind. Das Wahlergebnis in seiner Dimension, mit seiner Wucht, hat uns unvorbereitet getroffen. Da hatten wir als Kirche keine eingeübten Reaktionsmechanismen. Von daher waren und sind wir als Kirche im Umgang mit der AfD immer noch auf der Suche nach dem richtigen Weg. Ich weiß auch nicht, ob mein Ansatz wirklich zukunftsweisend und tragfähig ist. Deshalb sollten wir zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht bewerten, was richtig oder falsch ist, sondern uns ermutigen: Versucht, den richtigen Weg im Umgang mit der AfD zu finden. Dazu gehört auch der Fehlermut, dass man danebenliegen kann.

Von Renardo Schlegelmilch und Steffen Zimmermann

Zur Person

Gregor Giele (*1967) ist Pfarrer an der Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig, der katholischen Hauptgemeinde in der größten sächsischen Stadt. Davor war er unter anderem Subregens am Priesterseminar in Erfurt, Pfarrer in Kahla und Stadtroda sowie Diözesanjugendseelsorger. Seit 2008 war Giele als Pfarrer der Leipziger Propsteigemeinde maßgeblich für den Bau der neuen Propsteikirche zuständig.