Ein Münchner Leben
Charlotte Knobloch wird heute 85 Jahre alt

Ein Münchner Leben

Judentum - Charlotte Knobloch leitet die Israelitische Kultusgemeinde in München. Auseinandersetzungen scheut die einstige Zentralratsvorsitzende nicht. Ein Porträt einer außergewöhnlichen Frau.

Von Gudrun Lux |  München - 29.10.2017

Ein Kind von sechs Jahren war Charlotte Neuland, als der braune Mob in München wütete, als die Synagogen brannten, als sie durch München eilte, entsetzt und doch konzentriert auf die Worte des Vaters, an dessen Hand sie lief: "Nicht stehen bleiben, Charlotte!" Es war der 9. November 1938. "Reichskristallnacht" sagten die Nazis. Es war Zerstörung und Menschenjagd, der bösartige Auftakt zu Verfolgung und Massenmord.

Knobloch überlebte die Judenverfolgung unter falschem Namen

In die Gedanken und Gefühle Charlottes brannte sich dieser Tag tief ein. Das Mädchen, verlassen von der Mutter, an deren Stelle die Großmutter Albertine trat, erlebte den Judenhass der Nationalsozialisten früh in ihrem Alltag. Im November 1938 zerbricht etwas endgültig in dem Kind: "Seit jenem November 1938 ist ein Teil von mir, ein Teil meiner Koffer immer noch auf der Flucht", wird sie 65 Jahre später sagen. Es ist der Tag ihres wohl größten Erfolges, an dem sie diesen Satz sagt. Der Tag an dem sie als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern bei der Grundsteinlegung für das Jüdische Zentrum in München spricht. Und sie fügt an: "Am Abend des heutigen Tages jedoch, des 9. November 2003, werde ich diese Koffer öffnen und damit beginnen, langsam, Stück für Stück, jedes einzelne Teil an seinen Platz zu räumen, den ich dafür die letzten 65 Jahre freigehalten habe."

Bis dahin war es ein langer Weg. Die letzten Kriegsjahre verbrachte das Kind unter falschem Namen als angeblich uneheliches Kind einer ehemaligen Hausangestellten des Onkels. Ein Skandal in einem fränkischen Dorf für die unverheiratete katholische Bauerntochter. Sie riskierte ihr eigenes Leben, um das jüdische Mädchen zu beschützen – und machte sich auch noch zum Gespött der Gemeinde. Charlottes Vater hat den Krieg als Zwangsarbeiter überlebt. Großmutter Albertine kam nicht wieder. Sie war 1944 im Lager Theresienstadt verhungert.

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Nach dem Krieg kehrt Charlotte zurück nach München, plant aber, es alsbald wieder zu verlassen. Wie könnte sie weiter unter den Menschen Leben, die ihre geliebte Großmutter bis in den Tod gequält hatten? Und der Antisemitismus ist mit dem Ende des Krieges keineswegs vorüber. Doch mit einer eigenen Synagoge – 1947 wird sie in der Reichenbachstraße eröffnet – zeigt die jüdische Gemeinde: Wir haben überlebt. Wir sind da. Ein Symbol.

Charlotte indes lernt den zehn Jahre älteren Samuel Knobloch kennen, verliebt sich in den Kaufmann, der fast seine ganze Familie im Holocaust verloren und selbst mehrere Konzentrationslager überlebt hatte und von dem sie noch Jahrzehnte später erzählt, wie herrlich sein Gemisch aus Deutsch und Jiddisch geklungen habe. Samuel und Charlotte heiraten 1951, erst der Tod konnte sie trennen; Samuel Knobloch starb 1990.

Tausende jüdische Einwanderer nach der Wende

Die jungvermählten Knoblochs wollen auswandern, nach Amerika. Doch weniger als ein Jahr nach der Vermählung wird Sohn Bernd geboren, noch bevor er zwei Jahre alt ist, folgt seine Schwester Sonja, zehn Jahre später die jüngste Tochter Iris. Samuel Knobloch hat inzwischen beruflich Fuß gefasst in München, die Idee der Auswanderung ist verblasst. Schließlich entscheidet sich die Familie zu bleiben. Nicht aus Überzeugung, sondern weil es sich so ergeben hat.

Ein Glücksfall für die jüdische Gemeinschaft in München und in Deutschland. In der Gemeinde betreut sie Senioren und ist Schatzmeisterin im Jüdischen Frauenbund. 1981 kandidiert sie erstmals für den Vorstand der IKG, vier Jahre später wird sie als erste Frau deren Präsidentin. Seither ist Knobloch im Amt, seit mehr als 35 Jahren, alle vier Jahre wurde sie im Amt bestätigt.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verdoppelte sich die Zahl der Juden in München. Aus der vormaligen Sowjetunion wanderten Tausende ein. Die Menschen, die als Jüdinnen und Juden nach München kommen, sollen auch eine jüdische Heimat finden, das ist Knoblochs Ziel. Ihre Gemeinde nimmt sich, gemeinsam mit städtischen und staatlichen Behörden, der Löwenaufgabe der Integration an. Da übrigens sieht Knobloch eine Parallele zur Flüchtlingssituation heute. Die muslimischen Gemeinden, findet sie, haben Möglichkeiten, bei der Integration zu helfen, die sonst keine Institution habe.

Linktipp: "Es gibt No-go-Areas"

Vier Jahre lang war Charlotte Knobloch Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Im Interview mit katholisch.de spricht sie über das heutige Holocaust-Gedenken, Antisemitismus unter Deutschen und Migranten sowie die Gefahr durch Pegida. (Artikel vom Januar 2016)

2006 wurde Knobloch – wieder als erste Frau in diesem Amt – zur Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland gewählt. Im gleichen Jahr eröffnete die neue Hauptsynagoge am St.-Jakobs-Platz. Dass vor der Grundsteinlegung 2003 Neonazis der "Kameradschaft Süd" festgenommen wurden, die während des Festaktes eine Bombe zünden wollten, zeigt jedoch, dass die Normalität jüdischen Lebens in München noch immer fern ist.

Charlotte Knobloch, die Grande Dame des deutschen Judentums, beobachtet den zunehmenden Rechtsextremismus heute nicht im stillen Kämmerlein mit Sorge, sondern wendet sich wortgewaltig an die Öffentlichkeit. Unweit des Jüdischen Zentrums, auf dem Münchner Marienplatz, steht der örtliche Pegida-Ableger inzwischen fast täglich. Knobloch fordert, zumindest dessen Hetze zu unterbinden, wenn solche Veranstaltungen aufgrund der Versammlungsfreiheit schon nicht grundsätzlich verboten werden können. Kein Jude, sagt sie zudem klipp und klar, könne AfD wählen. Und wer meint, vor "Import-Antisemitismus" warnen zu müssen, den weist Knobloch harsch zurück. Natürlich dürfe man nicht ignorieren, dass Menschen kämen, die im Hass auf alles Jüdische erzogen worden seien. Aber erstens müsse Antisemitismus nicht erst importiert werden, er sei längst da und nie weg gewesen. Und zweitens lehne sie es ab, Hass auf Flüchtlinge zu schüren. Das ist für Charlotte Knobloch, die einst selbst aus München fliehen musste, empörend.

Den Stab der Erinnerung übernimmt die jüngere Generation

Knobloch ist eine der letzten Zeitzeuginnen. Sie diskutiert mit Jugendlichen, geht in Schulen, erzählt, schreibt, berichtet unermüdlich. Wenn eines Tages niemand mehr aus erster Hand berichten könne von der Shoa, dann sei es Aufgabe des von ihr sehr geschätzten Münchner NS-Dokumentationszentrum und der Gedenkstätten in den ehemaligen Konzentrationslagern, dem Gedenken und Erinnern eine Zukunft zu geben. Vor allem aber sei es Aufgabe der jüngeren Generationen, den Stab der Erinnerung zu übernehmen und aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. 

Charlotte Knobloch beobachtet Menschen genau, merkt sich ihre Namen, bemerkt, wenn jemand unsicher ist oder unglücklich und hilft, wo sie kann. Ihre Mitarbeiter loben sie für ihre mitfühlende Anteilnahme, ihren politischen Gegnern zollt sie manchmal so unerwartet Respekt, dass diese verblüfft sind. Dass sie einfühlsam ist, nimmt Knobloch allerdings nichts von ihrer Zielstrebigkeit. Am 29. Oktober wird Charlotte Knobloch ihren 85. Geburtstag feiern. In München, ihrer Heimatstadt.

Von Gudrun Lux