Wie die katholischen Argentinier in die Antarktis kamen

Das ist der kälteste Sakralbau der Welt

Aktualisiert am 19.12.2017  –  Lesedauer: 
Architektur

Bonn ‐ Wer hier den Gottesdienst besucht, sollte keine Frostbeule sein: Die katholische Kapelle der Antarktisstation "Belgrano II" ist das südlichste Gotteshaus der Welt. Gebetet wird unter meterdickem Eis.

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Sie bekommen schon kalte Füße, wenn in Ihrer Heimatkirche mal die Heizung ausfällt? Und es stört Sie, wenn sich im Winter hin und wieder ein dünner Eisfilm auf dem Weihwasser bilden kann? Dann sollten Sie dieses Gotteshaus unbedingt meiden: Die katholische Kapelle der argentinischen Antarktisstation Belgrano II gilt als der südlichste "Sakralbau" der Welt – und das nicht allein bezogen auf das Christentum, sondern auf alle Religionen. In der bläulich schimmernden Eishöhle finden Gottesdienste bei zweistelligen Minusgraden statt. Wer hier im T-Shirt zum Beten kommt, hat also verloren... Doch warum eigentlich eine Kapelle im ewigen Eis?

Die Antarktis gilt als klimatischer Extremfall: Sie ist der kälteste und zugleich der windigste aller Kontinente. In der russischen Station Wostok auf dem Polarplateau wurde am 21. Juli 1983 mit minus 89,2 Grad Celsius die tiefste jemals auf der Erde gemessene Temperatur erreicht. Schnee und Eis bedecken etwa 98 Prozent der Antarktis. Sie ist also ein prinzipiell lebensfeindlicher Ort, an dem es eine Bevölkerung im eigentlichen Sinne nicht gibt.

Dennoch errichteten die Menschen ab dem frühen 20. Jahrhundert verstärkt Walfangstationen und Expeditionslager auf dem Eiskontinent. Ab den 1950er-Jahren setzte weltweit ein starkes Interesse an der Erforschung der Antarktis ein, sodass zahlreiche permanente Forschungsstationen rund um den Südpol entstanden; heute sind es etwa 85. Und natürlich musste man auch den religiösen Bedürfnissen der Forscher gerecht werden, die sich teils monatelang in den Stationen aufhielten und -halten.

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Deshalb wurden ab 1956 Sakralbauten errichtet. Das erste Gotteshaus war die "Chapel of the Snows" ("Kapelle des Schnees"), die der US-Forschungsstation McMurdo bis heute als überkonfessionelle christliche Kapelle dient. Dem aus Holz errichteten Gotteshaus folgten weitere Sakralbauten, die von außen mehr oder weniger als solche zu erkennen sind. Inzwischen haben fast alle Forschungsstationen einen kleinen Versammlungsraum, der für Gottesdienste vorgesehen ist; bei größeren Stationen sind separate Gebäude für religiöse Zwecke üblich – oft handelt es sich um improvisierte Stahlcontainer.

Einen solchen religiösen Versammlungsort brauchte auch Belgrano II. Die 1979 errichtete argentinische Forschungsstation befindet sich etwa 1.300 Kilometer nordwestlich des Südpols. Sie ist ganzjährig mit zwölf Wissenschaftlern besetzt, die sich vor allem geologischen Forschungen widmen – und als Argentinier zumeist katholisch sind. Aufgrund der südlichen Lage der Station sind dort Tag und Nacht bis zu vier Monate lang, Temperaturen um minus 20 Grad sind keine Seltenheit; der Kälterekord liegt bei fast 59 Grad unter null. Das sechs Hektar große Gelände der Anlage umfasst ein Dutzend Gebäude und ein ins Eis geschlagenes Tunnelsystem.

Der südlichste Andachtsort der Welt

Die Kapelle der Station sticht deutlich unter vergleichbaren Einrichtungen antarktischer Forschungsstationen heraus: Sie ist nicht nur der südlichste Andachtsort der Welt (Koordinaten: 77°52'25"S 34°37'39"W), das gesamte Gotteshaus besteht auch vollständig aus Eis, denn es wurde wie die Tunnel aus dem Antarktischen Eisschild herausgehauen. Hier hängen die Stationen des Kreuzwegs von Frostkristallen umrahmt an den blanken Eiswänden. Hier stehen ein kleiner Altar, hölzerne Stühle für die Beter und eine Marienstatue auf dem spiegelglatten Boden. Alles spärlich beleuchtet mit ein paar Glühbirnen. Messen werden hier aufgrund des verständlichen Priestermangels in der Region wohl eher selten stattfinden. Doch der außergewöhnliche Ort dient den Forschern für Wortgottesdienste, Andachten und gemeinsames Gebet.

Wer also jetzt im Winter mal wieder kalte Füße bekommt, weil die Fußbodenheizung der Kirche nicht optimal eingestellt ist, sollte sich nicht aufregen, sondern lieber an die Forscher von Belgrano II denken. Denn die beten garantiert unter frostigeren Bedingungen.

Von Tobias Glenz