Die Sternsinger im politischen Berlin

Wenn drei Könige das Kanzleramt segnen

Aktualisiert am 05.01.2018  –  Lesedauer: 
Hilfswerke

Berlin ‐ Der Besuch der Sternsinger bietet Bundespräsident und Bundeskanzlerin eine willkommene Abwechslung von den Sondierungsgesprächen. Die Treffen mit den kleinen Königen haben mittlerweile Tradition.

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Wenn Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel auf ihre Amtsverpflichtungen in den nächsten Tage blicken, dürfte ein Termin bei ihnen besondere Vorfreude auslösen: Der Besuch der Sternsinger. Immerhin ermöglicht die traditionelle Visite der kleinen Könige Bundespräsident und Bundeskanzlerin nach den zermürbenden Jamaika-Sondierungen und vor den als schwierig eingestuften Verhandlungen zwischen Union und SPD über eine mögliche Koalition eine Atempause vom nervösen Berliner Politikbetrieb.

Caspar, Melchior und Balthasar statt Martin, Cem und Christian

Dank der Sternsinger können Steinmeier und Merkel den zuletzt oftmals mühsam erscheinenden Politikalltag zumindest kurzzeitig hinter sich lassen. Statt Sondierungs- oder Krisengesprächen wartet am Samstag im Schloss Bellevue und zwei Tage später im Bundeskanzleramt ein Stück weihnachtliche Besinnlichkeit. Statt Martin Schulz, Cem Özdemir und Christian Lindner treffen Präsident und Kanzlerin in ihren Amtssitzen Caspar, Melchior und Balthasar.

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Video: © Kindermissionswerk "Die Sternsinger"

Die Sternsinger besuchen die Kanzlerin: 108 kleine Könige bringen den Segen ins Bundeskanzleramt

Die Besuche der Sternsinger – so irritierend sie angesichts der momentanen politischen Lage vielleicht erscheinen mögen – sind längst gute Tradition. Begründet wurde sie am 1. Dezember 1982. Damals lud Bundespräsident Karl Carstens erstmals Sternsinger aus 22 Bistümern in die Villa Hammerschmidt in Bonn ein.

Katholik Kohl begründet jährliche Tradition

Der Besuch beim Staatsoberhaupt blieb allerdings zunächst eine einmalige Angelegenheit. Stattdessen empfing ein Jahr später Bundeskanzler Helmut Kohl die Könige termingerecht am Dreikönigstag 1984 im Bonner Kanzleramt. Der Katholik Kohl war es dann auch, der die Besuche zur jährlichen Tradition machte. Bald schon kamen Abordnungen aus allen deutschen Bistümern alljährlich im Januar nach Bonn, nach dem Fall der Berliner Mauer auch aus den neuen Bundesländern. Die ersten ostdeutschen Sternsinger im Bundeskanzleramt waren am 8. Januar 1990 katholische Jungen und Mädchen aus der St.-Hedwig-Gemeinde in Görlitz.

Nach dem Ende der Ära Kohl setzten Gerhard Schröder und später Angela Merkel die Tradition der Sternsinger-Empfänge fort. Bei wohl keinem anderen Thema waren die drei Politiker übrigens so einer Meinung. Kohl nannte das Engagement der Segen bringenden Kinder "einfach großartig", Schröder fand die Idee gut, den Sternsingern den Friedensnobelpreis zu verleihen. Und Merkel lobte sie als "ganz wichtige Stimme für die Rechte von Kindern weltweit".

Kleine Könige stehen vor Joachim Gauck
Bild: ©Ralf Adloff/Kindermissionswerk

Im vergangenen Jahr wurden die Sternsinger vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck und seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt im Schloss Bellevue begrüßt.

Als Merkel am 20. Dezember 2005 erstmals die jungen Gäste empfing, gestand sie, "schon ein bisschen aufgeregt" zu sein. Kein Wunder: Während ihrer damals erst kurzen Amtszeit hatte zwar manches Staatsoberhaupt, aber noch kein König den Weg in das Kanzleramt gefunden. Inzwischen hat Merkel aber Routine: Der Besuch am Montag wird ihr 13. Aufeinandertreffen mit Caspar, Melchior und Balthasar sein. Übertroffen wird die Kanzlerin nur noch von Kohl, der die Könige 15 Mal begrüßen konnte.

Win-Win-Situation für Kanzler und Sternsinger

Die Besuche im Kanzleramt sind für den jeweiligen Amtsinhaber und die Sternsinger im Übrigen eine Win-Win-Situation: Der Kanzler kann sich in den Medien als herzlicher Gastgeber mit schönen, menschelnden Bildern präsentieren und auch das Kindermissionswerk "Die Sternsinger" und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) als Träger der Aktion Dreikönigssingen freuen sich über die mediale Aufmerksamkeit für ihr Engagement.

Im Windschatten der Besuche im Kanzleramt begründete Bundespräsident Roman Herzog 1997 schließlich eine weitere Tradition. Anknüpfend an den ersten Empfang bei seinem Amtsvorgänger Karl Carstens lud Herzog die Sternsinger erstmals in das Schloss Bellevue ein. Seitdem gehört der jährliche Besuch beim Staatsoberhaupt ebenfalls zum festen Terminplan der kleinen Könige. Anders als das Kanzleramt achtet das Bundespräsidialamt dabei sehr auf Termintreue: Selbst wenn der 6. Januar wie in diesem Jahr auf einen Samstag fällt, öffnet der Hausherr an diesem Tag die Pforten für die Drei Könige. Im Gegenzug für ihren Segen "Christus mansionem benedicat – Christus segne dieses Haus" bekommen die Sternsinger dann auch immer eine großzügige Spende für ihre sozialen Projekte – und hinterher gibt es meist noch einen heißen Kakao.

Von Steffen Zimmermann