Geistliche auf einer Bühne beim Weltfriedenstreffen in Münster.
Gemeinschaft mit Sitz in Rom wird 50 Jahre alt

Sant'Egidio: Franziskus besucht "katholische 68er"

Bewegt vom Konzil gründeten römische Jugendliche vor 50 Jahren eine Bewegung für Gebet und soziales Engagement: Sant'Egidio. Inzwischen ist aus der Schülerbewegung ein weltkirchlicher Player geworden.

Von Roland Juchem (KNA) |  Rom - 12.03.2018

Bewaffnete Posten der italienischen Armee gibt es in Rom an mehreren Orten - wegen der Terrorgefahr. Dass sie im Stadtviertel Trastevere gleich an zwei benachbarten Orten stehen, hat mit den vielen Touristen zu tun, die hier durchziehen - aber auch mit den Friedensstiftern von Sant'Egidio. Auf der kleinen gleichnamigen Piazza patrouillieren tagein, tagaus zwei Soldaten vor der kleinen Kirche, die der katholischen Gemeinschaft ihren Namen gab: Wer in Kriegsgebieten vermittelt und sich für Flüchtlinge einsetzt, lebt nicht ungefährlich.

Franziskus gratuliert zum 50. Geburtstag

Am Wochenende dürften sich die Sicherheitsvorkehrungen wahrscheinlich noch einmal erhöht  haben: Zum 50-jährigen Jubiläum kam Papst Franziskus persönlich zu Besuch. An der Begegnung nahmen auch Obdachlose und Flüchtlinge teil. Mehrere von ihnen durften über von Sant'Egidio initiierte sogenannte humanitäre Korridore nach Italien einreisen.

Linktipp: Politiker würdigen Gemeinschaft Sant'Egidio

Seit 50 Jahren ist die Gemeinschaft Sant'Egidio für die Armen aktiv, doch auch in der Welt der Diplomatie ist die Laienbewegung zu Hause. Zum Jubiläum loben Politiker das vielseitige Engagement.

Die katholische Kirche müsse als "Zeichen der Einheit des Menschengeschlechts" Völker und Kulturen verbinden, erklärte Franziskus. Nötig seien dafür Dialog und Begegnung. Über politisches Handeln hinaus bedürfe es eines "barmherzigen Blicks" jedes einzelnen. "Sagt nie: 'Was habe ich damit zu tun?' Ein barmherziger Blick verpflichtet uns zum kreativen Wagemut der Liebe". Die katholische Kirche müsse als "Zeichen der Einheit des Menschengeschlechts" Völker und Kulturen verbinden.

Auch aus dieser Idee ist Sant'Egidio vor 50 Jahren entstanden. Einige römische Schüler taten sich zusammen, bewegt von der Aufbruchsstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Rund um ihren Gründer und langjährigen Leiter Andrea Riccardi wollten sie das Evangelium in der modernen Welt leben. So entstand eine katholische 68er-Bewegung, die auf ihre Weise durch die Institutionen ging und gleichzeitig ihr prophetisch-kritisches Potenzial bis heute behalten hat.

Etwa, als sie im aufgeheizten, von Fremdenfeindlichkeit durchsetzten italienischen Wahlkampf nach wie vor um Verständnis für Migranten und Flüchtlinge warb. Wenn sie im Zuge der humanitären Korridore am Flughafen Fiumicino unter großem Medienecho Flüchtlinge aus Syrien oder Eritrea begrüßt. Oft ist Italiens bisheriger stellvertretender Außenminister Mario Giro dabei. Ihn trifft man aber auch beim Abendgebet der Gemeinschaft. Gebet und soziales Engagement gehören für Sant'Egidio untrennbar zusammen.

Das Abendgebet findet wochentags um 20.30 Uhr in der Basilika Santa Maria in Trastevere statt, mitten auf dem zentralen Platz des bei Touristen so beliebten Stadtviertels. Sind ausländische Gruppen da, gibt es Simultanübersetzungen der Psalmen, anderer Gebete und der Predigt ins Deutsche, Englische, Französische - je nach Bedarf. Heute ist Sant'Egidio weltweit bekannt.

In Santa Maria findet jährlich auch das große Weihnachtsessen für Obdachlose, alleinstehende Rentner und Flüchtlinge statt. Eine Initiative, die Sant'Egidio auf andere Städte Italiens und andere Länder ausgeweitet hat. Als politische Pressure-Group lassen die frommen Protestler nicht locker.

Im blank geputzten Messingschild "Luxury in Trastevere" eines renovierten Hauses in der Via della Paglia spiegelt sich die Eingangstür der Kleiderkammer von Sant'Egidio schräg gegenüber. Immer wieder weist die Gemeinschaft auf die sozialen Probleme und Gegensätze der Ewigen Stadt hin, ohne dabei - was sonst oft geschieht - Fremde und Einheimische gegeneinander auszuspielen. Rund 100 Meter weiter ist die Barockkirche San Callisto im Winter für Touristen geschlossen - und für Obdachlose geöffnet. Freiwillige Helfer der Gemeinschaft haben dort Betten aufgestellt. Vor der Tür stehen Dixi-Klos.

Bild: © KNA

Papst Franziskus während des Angelusgebets auf dem Petersplatz im Vatikan.

Mit dieser Art von Arbeit haben die katholischen Schüler und Studenten damals begonnen, als sie sich am 7. Februar 1968 zusammentaten. Zuerst auch, um Kindern in römischen Barackensiedlungen Bildung zu vermitteln. Auf welchen Feldern Sant'Egidio heute sonst noch tätig ist, zeigt die mehrstöckige Weihnachtskrippe im Eingangsbereich von Santa Maria in Trastevere: Friedensschulen und Friedensverhandlungen in Konfliktgebieten dieser Welt gehören ebenso dazu wie Programme zur Aids-Behandlung und gegen Fehlernährung in einigen afrikanischen Staaten.

Friedensabkommen in Mosambik

Internationale Bekanntheit erreichte die Gemeinschaft, nachdem es ihr 1992 gelungen war, ein Friedensabkommen in Mosambik zu vermitteln. "Hier in diesen Räumen haben die Parteien 20 Jahre lang verhandelt", berichtete eine Mitarbeiterin beim Besuch des österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen im vergangenen November. Papst Franziskus ist also nicht der einzige hochrangige Gast in diesen Tagen. Es kommen auch Staats- und Regierungschefs und andere Prominente, um sich über die Arbeit von Sant'Egidio zu informieren. Auch Ivanka Trump, Tochter des US-Präsidenten, war schon hier. Aus der Schülerbewegung von einst ist ein bedeutender kirchlicher und politischer Player geworden.

Von Roland Juchem (KNA)