Ein Mann mit Hut und Trenchcoat verbirgt sein Gesicht im Schatten.
BND-Funkanlage in der Frauenkirche wirft Fragen auf

Was macht der Geheimdienst im Dom?

Seit drei Jahrzehnten beherbergt der Nordturm der Münchner Frauenkirche eine Anlage des Bundesnachrichtendienstes. Nun fragt sich auch die Kirche: Was macht der Geheimdienst weit über den Dächern der Stadt?

Von Kilian Martin |  Bonn - 23.03.2018

Hoch über München hängt derzeit ein großes Geheimnis: Was macht der Bundesnachrichtendienst im Turm der Frauenkirche? Der "Spiegel" hatte recherchiert und berichtet, dass im Nordturm der Kathedralkirche eine Funkanlage des Auslandsgeheimdienstes BND installiert ist. Viel mehr scheint man aber selbst bei der Erzdiözese München und Freising nicht darüber zu wissen.

Doch schon der Hinweis auf die Anlage hatte gereicht, für Aufsehen und Kritik zu sorgen. So zeigte sich der Münchner Katholikenrat "verwundert" über die Einrichtung und forderte den Abbau. Die Vorsitzende Johanna Rumschöttel befremdet die profane Nutzung des Gotteshauses. Die ikonischen Türme seien "für Gläubige und auch Nichtgläubige als Symbole und Wahrzeichen unseres christlichen Glaubens in München".

Der BND spricht nicht über seine Arbeit

Unterdessen ist noch nicht klar, welche Gerätschaften im Domturm überhaupt verbaut sind und welchem Zweck sie dienen. Der Bundesnachrichtendienst ließ auf Medienanfragen verlauten, er äußere sich nicht "zu operativen Aspekten seiner Arbeit". Bericht würde man "grundsätzlich nur der Bundesregierung und den zuständigen Stellen des Deutschen Bundestages" erstatten.

Die Türme der Frauenkirche in München.

Im Nordturm (rechts) der Frauenkirche in München soll der Bundesnachrichtendienst bereits vor drei Jahrzehnten eine sogenannte "Funkleitzelle" installiert haben.

In einer Stellungnahme am Mittwoch zeigte sich auch Generalvikar Peter Beer unwissend: "Leider liegen gegenwärtig keine Unterlagen vor, die eine qualifizierte Aussage darüber zulassen, seit wann diese Einrichtung existiert und welchem Zweck sie dient." Gleichwohl nehme die Erzdiözese "die Verärgerung von Teilen der Bevölkerung und Katholiken" zur Kenntnis. Die Verantwortlichen wollen nun prüfen, was hoch über ihrer Kathedrale tatsächlich vonstatten geht.

Anlage gehört wohl zum Observationskommando "QB30"

Hinweise darauf hatte Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom gegenüber dem "Merkur" gegeben. Demnach habe der BND im gut 98 Meter hohen Kirchturm einen Funkverstärker installiert, der den Agenten auf Münchens Straßen einen dauerhaften Kontakt zu ihrer Leitstelle ermöglichen soll. Laut Schmidt-Eenboom wurde das Gerät vom Observationskommando "QB30" genutzt. Die in München unter Tarnnamen stationierte Abteilung des BND befasst sich laut Berichten unter anderem mit der Beschattung eigener Mitarbeiter – und agiert damit potenziell in rechtlichen Grauzonen.

Dieses Engagement könnte laut Erzbistum dann auch ein Zwangsende der Aktivitäten im Domturm bedeuten. Denn "aktive Abhöranlagen" wolle man im Turm nicht dulden. Es müsste noch geprüft werden, "ob der Zweck der Einrichtung mit einem Gotteshaus vereinbart werden kann", erklärte Beer. "Reine Kommunikationsmittel von Sicherheits- und Rettungsdiensten" müsste man dabei jedoch anders beurteilen als geheimdienstliche Spitzeltechnik. Der Domturm beherbergt nach Angaben der Erzdiözese auch Sendetechnik anderer Organisationen, die man in diesem Sinne als vertretbar betrachtet.

Linktipp: Magazin: BND nutzte Liebfrauendom zum Beschatten

Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes hätten Sende- und Empfangsanlagen in die Glockentürme des Domes eingebaut, berichtet der "Spiegel". Nicht ganz klar ist, ob die Anlage weiterhin in Betrieb ist.

Dass die BND-Apparatur im Turm des Doms der Kirche grundsätzlich bekannt war, ist kaum zu bezweifeln. Domdekan Lorenz Wolf selbst bestätigte deren Vorhandensein am Donnerstag. Öffentlich bekannt war sie vor dem "Spiegel"-Bericht jedoch nicht. Laut eigenen Angaben war Schmidt-Eenboom auf die "Funkleitzelle" gestoßen, als er im Kreise ehemaliger BND-Mitarbeiter recherchierte. Dabei habe er herausgefunden, dass diese bereits vor 1989 installiert wurde, und sich damit seit drei Jahrzehnten mehr oder weniger unbemerkt im Domturm befindet. Schmidt-Eenboom habe laut "Merkur" schließlich den "Spiegel" auf diese Geschichte aufmerksam gemacht.

Neben vielen anderen Dingen ist nun auch noch ungeklärt, ob die Anlage gegenwärtig überhaupt noch in Betrieb ist. Laut Domdekan Wolf habe der BND gegenüber der Kirche bislang erklärt, das Gerät nicht mehr zu nutzen. Experte Schmidt-Eenboom gab jedoch zu bedenken, dass das Kommando "QB30" nach wie vor bestehe. Denkbar sei zudem, dass es die Einrichtung im Domturm zwar nicht mehr selber nutze, aber an eine andere Behörde weitergegeben hat. So oder so: Wohl auch gefördert durch die öffentliche Kritik beteuerte Wolf, bereits in Gesprächen mit dem BND über einen Abbau der Anlage zu stehen.

Von Kilian Martin

Aktualisierung: BND will Anlage abbauen

Der Bundesnachrichtendienst will den bis zum Jahr 2011 von ihm genutzten Funkverstärker auf dem Münchner Liebfrauendom abbauen. Der BND habe mit den zuständigen Stellen im Erzbistum München und Freising Kontakt aufgenommen und angeboten, die Anlage zu entfernen, teilte der deutsche Auslandsgeheimdienst am Freitag in Berlin mit. Der sogenannter "Repeater" sei bis 2011 zur Reichweitenerhöhung von vom BND genutzen Funkstrecken für interne Kommunikation verwendet worden. Seitdem sei die Anlage nicht mehr genutzt worden. "Zu keiner Zeit war die Anlage geeignet, fremde Funkverkehre abzuhören", hieß es weiter. (dpa, Ergänzt am 23.3., 14:00 Uhr)