Hunderte Grundschulkinder stehen auf dem Schulhof rund um Lehrer/innen, die mit Gitarre Lieder singen und beten.
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Bischof Hans-Josef Becker über kirchliches Profil im Bildungssektor

Katholische Schulen sollen anders sein, nicht besser

Oft ist der Vorwurf zu hören, katholische Schulen seien elitär. Dem widerspricht Erzbischof Becker, der Schul-Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz. Das Unterscheidende seien die christlichen Werte.

Von Joachim Heinz (KNA) |  Bonn - 24.03.2018

Die katholische Kirche ist der größte freie Schulträger in Deutschland. Ihre Schulen erfreuen sich reger Nachfrage. Die Debatte um geplante Schulschließungen im Erzbistum Hamburg hat katholischen Schulen zusätzliche Aufmerksamkeit gebracht. Im Gespräch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) betont Paderborns Erzbischof Hans-Josef Becker, Vorsitzender der Kommission für Erziehung und Schule der Deutschen Bischofskonferenz, dass Schulen zum "Kerngeschäft" der Kirche gehören.

Frage: Erzbischof Becker, die katholische Kirche engagiert sich in Krankenhäusern, in der Pflege und anderen sozialen Bereichen sowie über ihre Hilfswerke weltweit in der Entwicklungshilfe - warum tut sie das auch im Bildungswesen?

Becker: Bildung und Schulen gehören zum "Kerngeschäft" der Kirche. Sie sind ein Dienst der Kirche an den Kindern und Jugendlichen und deren Eltern in unserer Gesellschaft. Die Kirche versteht es als ihre Aufgabe, aus dem Geist der Frohen Botschaft die Gesellschaft mitzugestalten.

Frage: Inwiefern profitiert die Gesellschaft von dem kirchlichen Engagement?

Becker: Wenn man Gesellschaft nachhaltig gestalten will, kommt der Bildung eine Schlüsselrolle zu. Zudem ist es für eine freiheitliche demokratische Gesellschaft wichtig, dass die Bildung nicht staatlich monopolisiert ist, sondern dass es eine Vielfalt unterschiedlicher Angebote und Träger gibt. Mit unseren Schulen geben wir Eltern die Möglichkeit, für ihre Kinder eine Schule zu wählen, deren Erziehungs- und Bildungskonzept auf dem Glauben der katholischen Kirche basiert.

Frage: Was kann eine katholische Schule besser als eine staatliche Schule?

Becker: Na ja, ich glaube, es wäre vermessen, unsere Schulen grundsätzlich für die besseren gegenüber den staatlichen Schulen zu halten. Unsere Schulen haben auch nicht den Anspruch, die besseren Schulen zu sein. Sicher - sie sollen nicht schlechter sein als die staatlichen.

Bild: © KNA

Hans-Josef Becker ist Bischof im Erzbistum Paderborn.

Frage: Aber?

Becker: Aber vor allem sollen und wollen sie anders sein. Im Gegensatz zu staatlichen Schulen, die zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet sind, sind katholische Schulen eben klar im christlichen Glauben verortet.

Frage: Was genau meinen Sie damit?

Becker: Konkret äußert sich das nicht nur darin, dass unsere Schulen einen besonderen Akzent bei der religiösen Bildung setzen. Wichtig ist uns in unserem Bildungsverständnis, dass die Würde der Menschen und somit die Person immer im Mittelpunkt steht. Ein hohes Maß an Reflexion und Wertorientierung zeichnet den Unterricht in allen Fächern aus. Teilhabe, Gerechtigkeit und Gemeinschaft in Vielfalt sind wichtige und durchgängige Themen.

Frage: Privatschulen haftet oft noch das Image an, ausschließlich Eliten zu fördern - was sagen Sie denjenigen, die solche Kritik mit Blick auf katholische Schulen formulieren?

Becker: Wer solche Kritik gegenüber katholischen Schulen vorbringt, kennt katholische Schulen offensichtlich nicht aus eigener Anschauung. Ich würde ihm oder ihr empfehlen, einfach einmal drei oder vier der insgesamt über 900 Katholischen Schulen in Deutschland zufällig auszuwählen, sie zu besuchen und sich dort ein Bild zu machen über die Zusammensetzung der Schülerschaft. Es gehört zur grundlegenden Programmatik katholischer Schulen, für alle da zu sein. Eine ausschließliche Elitebildung stünde dem diametral entgegen. Daran müssen wir uns natürlich auch immer wieder messen lassen.

Frage: Kirchliche Schulen sind beliebt - daran hat auch die Debatte um Missbrauch-Vorfälle nichts geändert. Wie erklären Sie das Phänomen, dass viele Eltern ihre Kinder auf solche Schulen schicken, aber gleichzeitig der vielzitierte "Grundwasserspiegel des Glaubens" stetig weiter sinkt in der Gesellschaft?

Becker: Wir wissen, dass der wichtigste Faktor bei der Entscheidung von Eltern für oder gegen eine bestimmte Schule die Auskunft anderer Eltern ist, die ihr Kind auch auf dieser Schule haben. Die Schüler unserer katholischen Schulen und ihre Eltern sind meistens mit ihrer Schule außerordentlich zufrieden. Und für diese Zufriedenheit ist vor allen Dingen auch die Atmosphäre, das Klima, an unseren Schulen verantwortlich. Das möchte immer ein freundliches, wertschätzendes, den Kindern und Jugendlichen zugewandtes Klima sein, das letztlich vom Geist der Frohen Botschaft inspiriert ist.

Ein Junge hält am 24. Februar 2018 bei einer Demonstration auf dem Hamburger Rathausmarkt für den Erhalt von 21 katholischen Schulen in der Stadt ein Plakat mit der Aufschrift "Rettet unsere Schule" in die Höhe.

Frage: Mit anderen Worten - der Glaube ist auf Eltern- oder Schülerseite keine zwingende Voraussetzung für den Besuch einer katholischen Schule?

Becker: Wir erwarten schon eine gewisse Offenheit für die christliche Botschaft, denn immerhin ist es eine bewusste Entscheidung der Schüler und deren Eltern für eine Schule in kirchlicher Trägerschaft. Aber man muss nicht viel über den Glauben wissen und sich noch nicht einmal aktiv zu diesem Glauben bekennen, um doch eine Erziehung wertzuschätzen, die von diesem Glauben getragen ist: eine Erziehung im Geist der Freude und Hoffnung, des aufrichtigen gegenseitigen Wohlwollens und der solidarischen Verantwortung. Und wir sind davon überzeugt, dass durch das erfahrene christliche Zeugnis in der Schule der Glaube in den Menschen Frucht trägt.

Frage: Kirchliche Schulen finanzieren sich durch einen Trägeranteil, staatliche Zuschüsse und manchmal Schulgeld. Hat sich dieser Finanzierungs-Mix bewährt?

Becker: Die Finanzierung von Schulen in freier Trägerschaft ist in Deutschland eine ständige Herausforderung für die Träger. Und zwar einfach deswegen, weil die staatliche Refinanzierung einerseits nicht auskömmlich ist und wir andererseits die Eltern nicht zu sehr mit eigenen Beiträgen belasten wollen - sonst würden wir ja solche Familien von unserem Angebot ausschließen, die sich das nicht leisten können. Das darf nicht sein.

Frage: Was ist zu tun?

Becker: Die kirchlichen Schulen werden von ihren Trägern, also etwa den Bistümern oder den Orden, mit beachtlichen Summen unterstützt. Das tun wir, weil es uns wichtig ist. Aber wir kommen natürlich auch irgendwann an unsere Grenzen. Die Orden werden kleiner und können die notwendigen Beiträge oft nicht mehr aufbringen. Und auch die finanziellen Möglichkeiten der Bistümer sind in Zeiten rückläufiger Kirchenmitgliederzahlen endlich.

Frage: Letzteres zeigt sich gerade im Erzbistum Hamburg. Mittel- oder langfristig betrachtet: Könnte eine Lösung ein ökumenisches Engagement sein, also eine gemeinsame Trägerschaft und damit gemeinsame Finanzierung von katholischer und evangelischer Kirche?

Becker: Die Zusammenarbeit zwischen evangelischer und katholischer Kirche ist uns - gerade auch im Bildungsbereich - sehr wertvoll und wichtig. Aber ich kann nicht erkennen, inwiefern eine gemeinsame Trägerschaft von Schulen das Problem mit der Finanzierung lösen könnte. Die evangelische Kirche ist ja in der Trägerschaft von Schulen auch sehr engagiert. Wenn wir nun alle evangelischen und katholischen Schulen unter einem gemeinsamen Träger vereinen würden, würde dies an den Finanznotwendigkeiten nichts ändern. Das strukturelle Problem wäre also damit nicht gelöst. Das heißt aber nicht, dass man nicht ökumenisch weiterdenken kann.

Von Joachim Heinz (KNA)