Papst Franziskus sitzt mit Kardinälen aus dem Kardinalsrat an einem Konferenztisch zusammen.
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Vor fünf Jahren kündigte Papst Franziskus seine Kurienreform an

Ein Mammutprojekt mit hohen Erwartungen

Die Kurienreform gilt als Inbegriff des Reformkurses von Papst Franziskus. Nach fünf Jahren sind etliche Neuerungen umgesetzt. Doch ein Gesamtkonzept ist nicht absehbar – und die Arbeit zieht sich hin.

Von Johannes Schidelko |  Vatikanstadt - 13.04.2018

Kaum ein Reformprojekt von Papst Franziskus hat so hohe Erwartungen geweckt wie die Kurienreform. Die nach dem Rücktritt von Benedikt XVI. versammelten Kardinäle führten beredte Klage über Pannen und unglückliches Management an der Kurienspitze - beim Dokumentendiebstahl "Vatileaks", bei der Affäre um den Holocaustleugner Williamson oder den Missbrauchsskandalen – und forderten Abhilfe. Daher wirkte die Ankündigung einer Kurienreform am 13.4.2013, exakt einen Monat nach der Papstwahl wie ein Befreiungsschlag. Sie galt und gilt als Indiz und Gradmesser für den Reformwillen und die Durchsetzungskraft des Pontifex.

Ideen gab es von Anfang an viele, wie der Verwaltungs-Apparat des Vatikan schlanker, effizienter, transparenter, kostengünstiger und personalfreundlicher werden sollte. Aber die Umsetzung ist komplexer als zunächst vermutet. Zudem verstärkt sich der Eindruck, dass die bisherige Arbeit der Kurialen nicht nur schlecht war. Der anfängliche Hype, der die Reform als eine Sache von Monaten sah, ließ bald nach. Und intern meldeten sich manche Widerstände.

Weltkirche statt Kurie

Mit dem Projekt betraute Franziskus einen achtköpfigen Kardinalsrat. Ihm gehörten zunächst keine Kurienvertreter an, wohl aber reformoffene Ortsbischöfe aus allen Kontinenten - für Europa der Münchener Erzbischof Reinhard Marx. Mit der Folge, dass die Mitglieder zwar mit unverstelltem Blick die Erwartungen der Weltkirche einbrachten, dass sie sich aber erst in die ganz eigene Welt der Kurie einarbeiten mussten. Bislang trat das Gremium bereits 23-mal zu jeweils dreitägigen Sitzungsrunden mit 140 Einzelkonferenzen zusammen.

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Arbeitssitzung des K9-Rates zur Kurienreform mit Papst Franziskus. Die europäischen Bischöfe sind durch den Münchener Kardinal Reinhard Marx vertreten.

Freilich ist jede Kurienreform ein Mammutprojekt. Seit Gründung der neueren Kurie 1588 haben sich erst drei Päpste an eine Neustrukturierung ihres Apparats getraut: Pius X. 1908 nach dem Ersten Vatikanischen Konzil und dem Verlust des Kirchenstaates, und Paul VI. 1967 nach dem Zweiten Vatikanum. Johannes Paul II. beschränkte sich in der Konstitution "Pastor bonus" 1988 auf kleinere Nachbesserungen.

Anders als bei früheren Kurienreformen wartet Franziskus nicht bis zum Abschluss der Planungen, um dann ein fertiges Gesamtprodukt zu präsentieren. Vielmehr hat er bereits aus den laufenden Beratungen heraus schrittweise etliche Neuordnungen in Kraft gesetzt. Damit nimmt er etwas Zeitdruck aus dem Reformprozess.

Verschlossene Türen, Lecks und Skandale

Der Kardinalsrat – seit später Staatssekretär Pietro Parolin hinzukam heißt er K9-Rat – tagt hinter verschlossenen Türen, meist in Anwesenheit des Papstes. Die dürren Kommuniques lassen wenig Rückschlüsse auf den Stand des Reformprojekts zu. Ein roter Faden,  ein präzises Beratungskonzept ist nicht zu erkennen. Nacheinander wird über einzelne Behörden oder über bestimmte Aufgaben gesprochen, die später nochmals in zweiter und dritter Lesung aufgerufen werden. (In der Anfangsphase wurden auswärtige Experten eingeschaltet – nicht ohne Pannen. In der Wirtschaftsberatungsgruppe COSEA gab es ein Leck, vertrauliche Daten wurde von einem Enthüllungsautor verbreitet – und sorgten für einen handfesten Skandal.)

Vatikan-Staatssekretär Kardinal Pietro Parolin im Porträt
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Aus K8 wird K9: Mit Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin sitzt auch die Kurie mit am Tisch.

Schon in einer frühen Etappe befassten sich die Kardinäle mit dem Vorwort der künftigen Kurienordnung, das die Leitlinien der Reform formulieren und seinen Dienstcharakter für die Weltkirche unterstreichen soll. Denn sehr bald wurde klar, dass es dem Papst nicht vorrangig um neue Strukturen geht, sondern um eine neue Mentalität im Umgang der römischen Zentrale mit den Ortskirchen.

Große Themen

Das erste große Thema des Kardinalsrats war die Bischofssynodeauch aus praktischen Gründen. Für 2015 stand eine Synode zur Familienpastoral bevor, der – vermutlich als Ergebnis der ersten Kardinalstreffens – eine Sonder-Synode 2014 vorgeschaltet wurde.  Darüber hinaus wollte Franziskus zeigen, welche zentrale Bedeutung Synodalität und Kollegialität in seinem Pontifikat haben. Zugleich berief er einen neuen Generalsekretär, Lorenzo Baldisseri, und wertete sein Amt auf: Er verlieh ihm sofort den Kardinalspurpur. Baldisseri soll der Synode neuen Schwung geben, in die Vorbereitungen auch die Kirchenbasis einbeziehen. Die Beratungen sollten effizienter und dialogischer werden, weniger vorbereitete Statements und mehr offene Aussprache. Lebendiger wurde die Synode, aber bislang wurde die Hoffnung auf ihre Aufwertung enttäuscht. Sie bleibt weiterhin nur Beratungs- und nicht Beschlussorgan.

Zweites Projekt war das Dauerproblem der Vatikanfinanzen. Schon Benedikt XVI. hatte mit einschneidende Personal- und Strukturmaßnahmen versucht, die skandalumwitterte Vatikanbank IOR in Einklang mit internationalen Normen zu bringen. Jetzt geht es darüber hinaus um eine Neuaufstellung der Finanzstrukturen im Vatikan, um eine einheitliche Rechnungsführung der hier bislang autonomen Kurienbehörden. Das von Franziskus mit Motu proprio vom 24.2.2014 gegründete Wirtschaftssekretariat, dem zur Kontrolle ein Wirtschaftsrat vorgeschaltet ist, kann bislang jedoch noch keinen durchschlagenden Erfolg vermelden. Dem ehrgeizigen Ziel stehen Sachzwänge, aber auch manche persönliche Widerstände und institutionelle Eigenständigkeiten entgegen.

Personalprobleme und Superbehörden

Zudem erschweren Personalprobleme den Fortgang der Arbeiten.  Kardinal George Pell, der Chef des Sekretariats, ist seit einem dreiviertel Jahr für eine Gerichtsanhörung wegen Missbrauchsvorwürfen in seiner australischen Heimat freigestellt. Generalsekretär Alfred Xuereb wurde zum Nuntius auf dem wichtigen Diplomatenposten in Südkorea berufen. Und die mit viel Mühe besetzte Stelle des Revisors wurde nach zwei Jahren wieder vakant. Über seine Abberufung kursieren Verschwörungsszenarien. Bleibt aus der Führungsriege derzeit nur Behörden-Sekretär Luigi Misto.

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2015 äußerte sich Kardinal Reinhard Marx, einer der K9, nach einer intensiven Konferenzwoche im Vatikan zu den Beratungen zur Kurienreform.

Weniger problematisch war dagegen die Zusammenlegung von sechs Päpstlichen Räten zu zwei neuen Super-Behörden, Im Dikasterium für "Laien, Familie und Leben" sind seit Mitte 2016 der Laienrat und der Familienrat zusammengefasst und die Akademie für das Leben angegliedert. Vier Behörden - "Iustitia et pax", der Migrantenrat, "Cor unum" und Krankenrat - sind im Dikasterium für die "ganzheitliche Entwicklung des Menschen" aufgegangen. Angesichts von Überschneidungen und Doppelarbeit macht die Zusammenlegung Sinn. Aber auch hier brauchen die neuen Oberen Zeit, um die verschiedenen Traditionen, Kompetenzen, Arbeitsweisen und das Personal zu einer neuen Einheit zusammenzuführen.

Großreform Medien

Eine komplizierte Groß-Baustelle bleibt unterdessen der Mediensektor. Er ist der Vatikan-Bereich mit dem meisten Personal – zum größten Teil Laien – und auch der teuerste. Zudem entsprechen viele seiner Angebote nicht mehr der heutigen Mediennutzung. Etliches wird am Markt vorbei produziert, wie die vielen Kurzwellenprogramme von Radio Vatikan. Folglich reichen die geplanten Eingriffe hier besonders tief – sollen aber personalverträglich sein.

Screenshot einer Website des Vatikan.

Das neue Internetangebot des Vatikan, www.vaticannews.va, ging pünktlich zum Geburtstag des Papstes am 17. Dezember 2017 online.

Franziskus errichtete 2015 ein Kommunikationssekretariat, in dem in wenigen Jahren alle neun Medienbereiche – Radio, Zeitung "Osservatore Romano", Fernsehen CTV, Medienrat, Verlag, Druckerei, Fotodienst, Internet-Büro und Presseamt - zusammengefasst und neu ausgerichtet werden sollen. Der zum Präfekten ernannte Mailänder Priester und Kommunkations-Professor Dario Edoardo Vigano ging seinen Auftrag energisch an – und stieß zunächst auf heftige Widerstände. Fast alle Bereiche reklamierten Eigenständigkeit und mahnten eine Sonderstellung an.

Die dürfte letztlich aber nur das Presseamt behalten – für seinen operativen Bereich, die Informationsgebung. Am heftigsten setzte sich die Zeitung gegen eine Vereinnahmung zur Wehr, vermutlich aber erfolglos. Die Zukunft der italienischen Tagesausgabe und der einzelnen Spracheditionen scheint im Moment offen.

Vigano stolpert über Benedikt-Brief

An die Stelle von Radio Vatikan und CTV ist unterdessen eine interessante Plattform getreten. Sie produziert Material in acht Sprachen für unterschiedliche Medienformate: Meldungen für den eigenen Internet-Auftritt, für die Newsletter, für Facebook, dazu Audiostücke für Radio, Filmsequenzen für Fernsehen und Youtube, Kurznachrichten für Twitter. Ein besonderer Akzent liegt dabei auf den neuen Medien.

Mit den harten Einschnitten hat sich Vigano nicht nur Freunde gemacht. Zudem hat er sich soeben mit der irreführenden Präsentation eines Briefes von Benedikt XVI. vergaloppiert. Franziskus, der den Präfekten persönlich schätzt, hat dessen Rücktrittsgesuch angenommen. Zugleich machte ihn aber zum Sonderbeauftragten für die Medienreform. Er kann sich ihr jetzt ohne die Ablenkung durch andere Verwaltungsaufgaben voll widmen.

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Dario Edoardo Viganò machte sich als vatikanischer Medienchef etliche Feinde. Die freuen sich nun über seinen Rücktritt. Doch einen musste er erst von der Notwendigkeit dieses Schritts überzeugen: den Papst.

Ungewöhnlich ruhig blieb es lange um das Staatssekretariat. Im Vorfeld wollten Stimmen seinen Einfluss als kuriale Superbehörde beschneiden. Stattdessen sollte die neue Figur eines "Kurienmoderators" geschaffen werden. Die Idee war freilich rasch vom Tisch; denn dies war bereits die Aufgabe des Staatssekretariats und soll es wohl auch bleiben. Franziskus baute die Behörde sogar noch aus. Ende 2017 richtete er eine dritte Abteilung ein, "für den Diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls". Für Ausbildung und die Begleitung des Botschaftspersonals war hier bislang ein Delegat zuständig. Um ihn herum wird nun ein Arbeitsstab gebildet.

Der Umbau geht weiter

Der Reformprozess hat auch in anderen Behörden bereits Veränderungen eingeleitet. Wie die künftige Kurie aussehen wird, ist aber auch nach fünf Jahren noch nicht absehbar. Kerngerüst dürften weiterhin die Sachbereiche der Kongregationen, der "großen" Ministerien bilden. Wie ihr Zuschnitt und ihr Rechtsrahmen aussehen sollen, ist offen. Ähnliches gilt für die Behörden für Ökumene und den interreligiösen Dialog. Unklar scheint unterdessen die Zuordnung des bisherigen Kulturrates. Der rührige, aber bereits 75jährige Kardinal Angelo Ravasi stand dem K9 mehrfach Rede und Antwort. Dass freilich die drei Gerichtshöfe zusammen mit dem Rat für Gesetzestexte zu einer Art neuem Justizministerium verbunden werden sollen, wie auch vermutet wurde, gilt als unwahrscheinlich.

Ein Gesamtbild des Reformprojekts wird sich freilich erst zeigen, wenn die Beratungen abgeschlossen sind und der Papst die neue Kurien-Konstitution veröffentlicht. Ein Termin dafür ist noch nicht absehbar.

Von Johannes Schidelko