Die irische Flagge vor einem Regierungsgebäude in Dublin.
Endergebnis der Abstimmung wird für Samstagnachmittag erwartet

Prognosen: Iren für Lockerung von Abtreibungsverbot

Irland - Bislang gilt in Irland ein strenges Abtreibungsverbot. Bei einem Referendum haben die Iren laut Prognosen nun jedoch für eine teilweise Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen gestimmt.

Dublin - 26.05.2018

Beim Abtreibungsreferendum in Irland zeichnet sich eine große Mehrheit für eine Lockerung des strikten Verbots von Schwangerschaftsabbrüchen ab. Einer Prognose im Auftrag der "Irish Times" zufolge stimmten am Freitag rund 68 Prozent der Wähler für die Streichung eines Verfassungsartikels, der Schwangerschaftsabbrüche faktisch unmöglich gemacht hatte. Eine zweite Nachwahlbefragung im Auftrag des irischen Senders RTE kam sogar auf 69,4 Prozent Ja-Stimmen.

Beiden Prognosen zufolge stimmten vor allem junge Wähler und Frauen mit überwältigender Mehrheit für die Lockerung des Abtreibungsverbots. Bei den 18- bis 24-Jährigen lag die Zustimmung zu der Verfassungsänderung demnach sogar bei rund 87 Prozent. Die Wahlbeteiligung war Berichten zufolge außergewöhnlich hoch. Rund 3,2 Millionen Iren waren aufgerufen, ihre Stimme abzugeben.

Ministerpräsident: "Es sieht so aus, als würden wir morgen Geschichte schreiben"

Ministerpräsident Leo Varadkar, der für eine Zustimmung der Wähler zu der Verfassungsänderung geworben hatte, schrieb nach Bekanntwerden der Prognosen auf Twitter: "Es sieht so aus, als würden wir morgen Geschichte schreiben." Sollte das Ergebnis der Prognosen bestätigt werden, kann das Parlament neue Regeln für Schwangerschaftsabbrüche festlegen. Geplant ist eine Legalisierung von Abtreibungen bis zur zwölften Schwangerschaftswoche. Ausgezählt werden die Stimmen erst am heutigen Samstag. Mit einem endgültigen Endergebnis wird erst am späten Nachmittag gerechnet.

Im katholisch geprägten Irland galt bisher eines der strengsten Abtreibungsverbote der Europäischen Union. Wer dagegen verstieß, konnte mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft werden. Selbst nach einer Vergewaltigung war ein Schwangerschaftsabbruch untersagt. Tausende irischer Frauen reisten jährlich nach Großbritannien und in andere Länder, um Abtreibungen vornehmen zu lassen.

Linktipp: Abtreibungen bald legal?

Irland hat eines der strengsten Abtreibungsgesetze der Welt. Die Tötung ungeborenen Lebens ist dort nahezu vollständig verboten. Das könnte sich im kommenden Jahr ändern. (Artikel von September 2017)

Mehr als 168.700 Schwangere ließen von 1980 bis 2016 den Eingriff in Großbritannien vornehmen. Das geht aus britischen Statistiken hervor, für die die Heimatadressen der behandelten Frauen ausgewertet wurden. Auch in anderen Ländern lassen Irinnen abtreiben, jedoch sind die Zahlen niedriger. Grundlage für das strikte Verbot war ein Verfassungszusatz von 1983. Demnach waren ungeborene Kinder genauso in ihrem Recht auf Leben geschützt wie ihre Mütter. Dieser Artikel soll nun wegfallen. Der UN-Menschenrechtsausschuss hatte das Abtreibungsverbot 2016 als Verstoß gegen internationale Menschenrechtsvereinbarungen kritisiert und die irische Regierung aufgefordert, es zu überarbeiten.

Vor dem Referendum hatte es eine erbitterte Debatte gegeben. Abtreibungsgegner wartnen vor einem leichtfertigen Umgang mit Schwangerschaftsabbrüchen. Die katholische Kirche befürchtete einen "Dammbruch" in Sachen Lebensschutz. Die Gesellschaft dürfe nicht akzeptieren, "dass ein Mensch das Recht habe, das Leben eines anderen zu beenden", so der Vorsitzende der Bioethik-Kommission der Irischen Bischofskonferenz, Bischof Kevin Doran von Elphin, in einem Hirtenbrief.

Katholische Kirche warb dafür, "das Leben zu wählen"

In einer gemeinsamen Stellungnahme vom März hatte die Bischofskonferenz alle Katholiken ermutigt, sich "im Namen von Gleichheit, Fairness und Mitgefühl für jedermann" für das "Recht auf die Wahrung des Lebens" einzusetzen und "das Leben zu wählen". Auch nach Vergewaltigungen und bei schweren Behinderungen des Embryos dürfe man nicht vergessen: "Diese Kinder sind unschuldig und haben Anspruch auf die beste Unterstützung und Fürsorge."

Erst kürzlich begründete Irlands Primas Diarmuid Martin in einer Botschaft seine Nein-Stimme: Es sei widersinnig, den Verfassungsschutz für das ungeborene Kind in einer Zeit "wegzuwerfen", in der man durch medizinischen Fortschritt mehr als je zuvor über die Entwicklung des Babys im Mutterleib und "dessen Originalität und einzigartige Identität" wisse, so der Erzbischof von Dublin. Auch der Primas der anglikanischen Kirche von Irland, Richard Clarke, nannte die Abschaffung des Zusatzartikels "ethisch nicht tragbar". (stz/dpa/KNA)