Ein Mädchen betet an der Bettkante
Thomas Jansen am schwierigsten Punkt der religiösen Früherziehung

Hilfe, mein Kind ist Atheist!

Kinder seien kleine Theologen, heißt es oft. Man müsse sich auf schwierige Fragen einstellen. Doch damit, dass seine vier Jahre alte Tochter eines Abends die Existenz Gottes leugnet, hatte unser Autor Thomas Jansen nicht gerechnet.

Von Thomas Jansen |  Bonn - 02.06.2018

Bei uns zuhause endet jeder Tag mit einem festen Ritual: Vor dem Zu-Bett-gehen beten meine Frau oder ich mit unserer kleinen Tochter. Wir bedanken uns dann bei Gott für den "schönen Tag" und erzählen ihm, was uns daran am besten gefallen hat, und manchmal auch, was nicht so toll war. Und immer wieder stellt unsere Tochter hierbei Fragen, die mich in Verlegenheit bringen, etwa, ob es einem, wenn man gestorben ist, im Himmel nicht ganz schön langweilig sei. Auf solche Fragen unserer kleinen Theologin versuche ich dann so gut es geht eine Antwort zu geben.

Doch vor einigen Wochen hat mich meine Tochter sprachlos gemacht. Schon nach dem Kreuzzeichen ahnte ich, dass dieses Gebet kein uneingeschränkter Lobpreis Gottes werden würde. Auf die Frage, was ihr heute denn besonders gut gefallen habe, kam nur ein patziges: "Nix!" Und damit nicht genug, sagte unsere Tochter trotzig, so als wüsste sie ganz genau, wie sehr sie ihren Papi damit trifft: "Gott gibt es doch sowieso nicht".

Ich war geschockt, brach das Gebet ab und verzichtete auf die übliche Schlussformel "Und beschütze alle, die wir lieb haben". Ich stammelte stattdessen noch etwas davon, dass es Gott sehr wohl gebe, aber das muss ziemlich hilflos geklungen haben.

Mit allem hatte ich gerechnet nur damit nicht: einem frühkindlichen Bekenntnis zum Atheismus. Oder war es vielleicht doch nur eine Trotzreaktion, um den Papi zu ärgern? Überhaupt fragte ich mich: Wie kommt unsere vier Jahre alte Tochter, die bis dahin weder an der Existenz des Christkinds noch der des Nikolaus' Zweifel artikuliert hatte, dazu, Gott zu leugnen?

Wenn kleine Kinder etwas sagen, von dem man sicher ist, dass sie das nicht zuhause aufgeschnappt haben können, steht erstmal immer der Kindergarten unter Generalverdacht. Aber der hat in diesem Fall ein wasserdichtes Alibi: es ist ein katholischer Kindergarten. Ich brach meine Ermittlungen vorzeitig ab.

Ohnehin trieb mich etwas Anderes viel mehr um: Wie sollte ich mit der Gottesleugnung meiner Tochter umgehen? Sollte ich sie ernstnehmen und das Thema am nächsten Abend nochmal aufgreifen? Sollte ich meine Tochter fragen, warum es Gott ihrer Meinung nach gar nicht gibt und sie versuchen, vom Gegenteil zu überzeugen? Oder sollte ich die Sache einfach nicht so ernst nehmen und so tun, als wäre nichts gewesen?

Ich entschied mich für letzteres. Am nächsten Abend also, fragte ich wie gewohnt, was ihr denn heute am besten gefallen habe und wofür sie Gott danke sagen wolle. Und unsere Tochter antwortete, im Kindergarten habe es ihr heute am besten gefallen. Mir fiel ein Stein vom Herzen! Gott war wieder zurückgekehrt ins Leben unserer Tochter!

Wochen später eröffnete sie meiner Frau, dass es das Christkind und den Nikolaus gar nicht gebe, und dass wir ja dahinter steckten. An der Existenz Gottes hat unsere Tochter seit jenem Abend nicht mehr gezweifelt. Ich habe sie nicht mehr darauf angesprochen.

Von Thomas Jansen

Der Autor

Thomas Jansen ist Chef vom Dienst bei katholisch.de.