Ersten Vatikanischen Konzils auf dem Petersplatz im Vatikan
Vor 150 Jahren berief Pius IX. das Erste Vatikanische Konzil ein

So kam es zur Proklamation des Papstprimats

Es war eines der kürzesten Konzilien der Kirchengeschichte. Vor 150 Jahren einberufen, fällte das Erste Vatikanum eine Entscheidung, die die Kirche bis heute prägt.

Von Johannes Schidelko (KNA) |  Vatikanstadt - 29.06.2018

Es war die bis dahin größte Kirchenversammlung aller Zeiten. Insgesamt 774 der 1.050 stimmberechtigten Kardinäle und Bischöfe der Weltkirche nahmen am Ersten Vatikanischen Konzil teil, das am 8. Dezember 1869 eröffnet wurde. Doch schon nach acht Monaten wurde dieses nach römischer Zählung 20. Ökumenische Konzil aufgrund der politischen Wirren auf unbestimmte Zeit vertagt.

Mehrjährige Geheimsondierungen

Über 300 Jahre lang, seit dem Konzil von Trient (1545-63), hatte keine Allgemeine Synode mehr getagt. Am 29. Juni 1868, zur 1.800-Jahrfeier des Martyriums der Apostel Peter und Paul, kündigte Pius IX. (1846-1878) nach mehrjährigen Geheimsondierungen das Konzil an. Es sollte die katholische Welt zu einer machtvollen Manifestation der Wahrheit versammeln, die kirchliche Disziplin den veränderten Zeitverhältnissen anpassen und angesichts der "Irrtümer der Zeit" die kirchliche Lehre neu bekräftigen. Bereits 1864 hatte Pius IX., der sich nach einem liberalen Beginn seines Pontifikats zunehmend von der Welt abgrenzte, im sogenannten Syllabus errorum diese "Irrtümer" zusammengefasst und verurteilt.

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Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger". Die Zeichentrickserie erklärt auf einfache und humorvolle Art zentrale Begriffe aus Kirche und Christentum. In dieser Folge geht es um das Dogma der Unfehlbarkeit.

Schon vor dem Konzil spitzten sich die Spannungen zu, als publik wurde, bei der Kirchenversammlung solle die Unfehlbarkeit des Papstes verkündet werden, notfalls durch Akklamation ohne formale Abstimmung. In Deutschland war der angesehene Theologe Ignaz Döllinger Wortführer im Kampf gegen dieses Ziel.

Das Konzil tagte im rechten Querhaus des Petersdoms, das durch eine bemalte und Marmor vortäuschende Holzwand abgetrennt war. Die Akustik war miserabel. Denn praktisch nur die jüngeren Konzilsväter konnten den meist in schleppendem Kirchenlatein vorgetragenen Interventionen problemlos folgen. Erstmals wurden wie im parlamentarischen Geschäft stenografische Protokolle angefertigt. Anders als bei früheren Konzilien waren die Vertreter der politischen Mächte nicht geladen, wohl aber die Patriarchen der von Rom getrennten Ostkirchen - die jedoch der Einladung nicht folgten.

Nur über zwei Dekrete wurde abgestimmt

Zwar waren vor dem Konzil 51 Entwürfe für Dekrete erarbeitet worden, zur Beratung und Abstimmung kamen jedoch nur zwei. In seiner dritten Sitzung am 24. April 1870 verabschiedete das Konzil die dogmatische Konstitution "Dei filius" über den katholischen Glauben. Darin entfaltete es die Lehre von Schöpfung und Glaubensakt sowie das Verhältnis von menschlicher Vernunft und göttlicher Offenbarung. Zugleich verurteilte es Atheismus, Materialismus, Pantheismus, Rationalismus und Traditionalismus. Die Behandlung des zweiten Teils über die Dreifaltigkeit sowie über Erschaffung, Fall und Erlösung des Menschen wurde auf Drängen vieler Konzilsväter verschoben.

Denn mit Spannung erwarteten sie die Debatte über den Papstprimat - also über den Papst als höchste Rechtsgewalt (Jurisdiktionsprimat) und als höchste Lehrvollmacht, wenn er Entscheidungen zu Lehr- und Moralfragen "ex cathedra" als unfehlbar verkündet. Eine beachtliche Minderheit, darunter 15 der 20 deutschen Bischöfe, äußerte Bedenken. Eine solche Definition öffne dem Missbrauch des kirchlichen Lehramts Tür und Tor, so der Tenor der meisten Einwände.

In der Vorbereitungssitzung stimmten von 601 anwesenden Konzilsvätern 451 mit Ja, 88 mit Nein, und 62 verlangten Änderungen. Nachdem ein letzter Vermittlungsversuch der Kritiker bei Pius IX. gescheitert war, reisten 57 von ihnen vorzeitig ab, um nicht in Anwesenheit des Papstes gegen die Dogmatisierung stimmen zu müssen. So erhielt die Konstitution "Pastor aeternus" bei der feierlichen Verabschiedung am 18. Juli 1870 lediglich zwei Gegenstimmen.

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Auf dem Ersten Vatikanischen Konzil in den Jahren 1869/1870 wurde lange darum gerungen - bis die Gegner Rom schließlich verließen. Verabschiedet wurde es am Ende trotzdem: das Dogma der Päpstlichen Unfehlbarkeit.

Während der Sitzung ging ein schreckliches Unwetter mit Blitz und Donner über Rom nieder. In der Basilika war es trotz des Julitags so dunkel geworden, dass nur mit Hilfe von Kerzenleuchtern der Text verlesen werden konnte. Die Kardinäle und Bischöfe waren durchnässt, der Boden der Aula lehmverschmiert. Ein Tag später, am 19. Juli 1870, begann der deutsch-französische Krieg. Die meisten Bischöfe reisten ab, das Konzil wurde unterbrochen. Napoleon III. zog seine zum Schutz des Papstes in Rom gelassenen Truppen ab. Am 20. September wurde Rom von den piemontesischen Truppen eingenommen, der Kirchenstaat hörte auf zu bestehen. Genau einen Monat später vertagte Pius IX. schließlich das Konzil "sine die" - auf unbestimmte Zeit.

Nacheinander akzeptierten die kritischen deutschen Bischöfe die Entscheidung des Konzils. Das Papsttum ging aus dem Konzil - trotz des gleichzeitigen Verlustes seiner weltlichen Macht - gestärkt hervor. Rom wurde mehr und mehr zum Zentrum der Weltkirche.

Dem Konzilsentscheid folgte aber auch ein Exodus zahlreicher Intellektueller. Aus der Protesthaltung bildete sich im deutschsprachigen Raum die Altkatholische Kirche, deren Einfluss in den folgenden Jahren freilich zurückging. Übrigens hat nur ein Papst bislang von einer Ex-cathedra-Entscheidung Gebrauch gemacht: Pius XII., als er 1950 das Dogma von der Aufnahme Mariens in den Himmel verkündete.

Von Johannes Schidelko (KNA)