Zu Besuch bei der Päpstlichen Schweizergarde
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Einblicke in den sonst verborgenen Alltag der Schutztruppe

Zu Besuch bei der Päpstlichen Schweizergarde

Vatikan - Jeder hier würde für den Papst sein Leben geben. Das schwören die Schweizergardisten schließlich bei ihrer Vereidigung. Doch wie sieht der Alltag der Schutztruppe hinter den vatikanischen Mauern aus? Eine Führung bietet Einblick.

Von Stefanie Stahlhofen (KNA) |  Vatikanstadt - 16.08.2018

"Es ist schon bisschen ein Kindheitstraum", sagt Andreas Wolfensberger aus dem Kanton Luzern. Der 23-jährige Schweizer spielt mit dem Gedanken, selbst Gardist zu werden, und nimmt gerade an einer Führung im Quartier der derzeit 110 Mann starken päpstlichen Schutztruppe teil. Als er acht war, war er schon einmal mit einer Ministrantengruppe hier, seitdem lässt ihn die Garde nicht los.

Und so steht der gebürtig aus dem Kanton Zürich stammende Schweizer nun wieder in einem Pulk junger Landsleute, die vor der Anna-Pforte warten. Den Namen verdankt das Tor in den kleinsten Staat der Welt der Anna-Kapelle direkt neben dem Eingang. Dieser ist das bekannteste Schlupfloch in den Vatikan-Mauern: Von hier geht es zur Vatikan-Apotheke, dem vatikanischen Fotodienst des "Osservatore Romano" oder dem päpstlichen Almosenamt. Wer etwa ein besonderes Medikament braucht, ein Bild einer Papstbegegnung oder einen Papst-Segen persönlich beantragen oder abholen will, findet hier Einlass.

"Es gaht los!"

Um bei einer Führung Einblick in die Arbeit der Schweizergarde zu bekommen, ist hingegen vorherige Anfrage nötig. Landsleute werden bevorzugt, wenn es viel Interesse gibt, wie während der Ministrantenwallfahrt. Noch steht die Schweizer Gruppe jenseits des Vatikan: Sommerlich gekleidete Mädels werfen sich Tücher über die Schultern und längere Röcke über die Knie - beim Besuch des Kirchenstaats gelten die gleichen Bekleidungsregeln wie beim Betreten einer Kirche.

"Es gaht los!", schallt es auf Schweitzerdeutsch herüber. Im Gänsemarsch passieren die rund 70 Deutsch-Schweizer die Wachposten am Eingang. Diese Gardisten tragen übrigens nicht die bekannte gelb-rot-blaue Uniform, sondern eine dunkelblaue - die Exerzieruniform, wie später erläutert wird.

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Im Gegensatz zu anderen Passanten biegt die Gruppe gleich links ab, durch die Wachstube in den schmalen Innenhof des Garde-Quartiers. Hier ist es angenehm schattig, hin und wieder lässt ein Windhauch die Fahnen der 26 Schweizer Kantone an den Wänden flattern. Davor stehen drei "Man in Black": Manuel von Däniken, Thomas Marti und Roland Bircher. Jeder übernimmt eine Gruppe von etwa 20 Besuchern und einen Teil der Führung, bestehend aus Werbefilm, Besuch der Waffenkammer und der Kapelle. Alle sind Schweizergardisten - auch wenn sie in ihren Anzügen auf den ersten Blick wie übliches Sicherheitspersonal wirken mögen. Zeit, sich Überblick über die verschiedenen Uniformen zu verschaffen!

Dazu geht's mit Gardist Marti links im Hof eine Treppe hinunter in die "Armeria" - die Waffenkammer - wie ein Metallschild verrät. Der kleine Raum birgt nicht nur jede Menge - wie Marti versichert ausrangierte - Waffen, sondern auch alte Uniformen. Die klassische Montur der Gardisten wurde nach historischen Vorlagen entworfen: Kommandant Jules Repond rekonstruierte die Renaissance-Uniform 1915 anhand von Gemälden in den Vatikanischen Museen und im Petersdom.

Treu, redlich, und ehrenhaft dienen

Da die dort abgebildeten Gardisten oft unterschiedliche Farben tragen, entschied er sich für eine Farbkombination in Erinnerung an den Gründerpapst der Garde, Julius II. (1503-1513), und des Papstes, der 1527 von der Garde gerettet wurde: Clemens VII. (1523-1534). Papst Julius II. schuf die Päpstliche Schweizergarde im Jahr 1506. Er gehörte zur Familie Della Rovere, deren Farben Gelb und Blau waren. Das Rot erinnert hingegen an die Familie der Medici, aus der Papst Clemens VII. stammte. Wenn Blau durch Schwarz ersetzt ist, ist der Gardist Musiker, schärft Marti den Blick für Details. An einer Wand reihen sich an Ritterzeiten erinnernde Rüstungen - diese tragen die Gardisten zu ihrer Vereidigung.

Dabei schwören sie gemäß dem Diensteid, "treu, redlich, und ehrenhaft zu dienen" und für den Schutz des Papstes, "wenn es erheischt sein sollte", selbst ihr Leben zu opfern. Dass dies gefordert werden kann, daran erinnert das traditionelle Datum der Vereidigung am 6. Mai: An jenem Tag im Jahr 1527 starben während des "Sacco di Roma", der Plünderung Roms durch Landsknechte Kaiser Karls V., 147 Schweizergardisten bei der Verteidigung von Papst Clemens VII.

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Der ständige Schutz des Heiligen Vaters ist der Grundauftrag der Schweizergarde.

In jüngerer Zeit kam es hingegen kaum zu "wirklich kritischen" Vorfällen, sagt Gardist Bircher aus dem Kanton Luzern. Seit einem Zwischenfall bei Papst Benedikt XVI. (2005-2013) im Jahr 2010, als während der Christmette eine Frau eine Absperrung übersprang, seien keine ähnlichen Ereignisse bekannt. Die Gruppe sitzt im Innenhof des Gardequartiers zur Fragerunde mit dem Korporal. Er verrät etwa, dass es vom jeweiligen Dienst abhängt, wie oft man den Papst sieht und wie nah man ihm kommt, für Gardisten aber immer Zurückhaltung gilt - "schließlich arbeiten wir für ihn".

Nächste Frage: "Zwei Stunden in der Sonne ohne trinken, da ist man doch halb ohnmächtig, oder?" Bircher beruhigt: Dies gelte nur für einen einzigen Dienst auf einem Platz im Schatten. Zuvor genug essen und trinken helfe, und natürlich schwitze man, aber ansonsten gehe die Zeit rum, "ohne dass man es merkt". Zudem schütze die lange Uniform vor Sonneneinstrahlung. Sollte doch der Kreislauf einmal nicht mitspielen, sei das auch kein Problem - falls nötig gehe man zum Arzt.

Schweizergarde ist eine Männertradition

Nicht nur körperliche Fitness ist für Gardisten wichtig, sondern auch Spiritualität. Gottesdienstbesuch am Wochenende ist Pflicht. Damit dies trotz verschiedener Schichten jedem möglich ist, werden vier Messen zu unterschiedlichen Zeiten in der kleinen Kapelle beim Gardequartier gefeiert. Auch der Mehrsprachigkeit der Gardisten wird Rechnung getragen: Das rote Messbuch der Papstbeschützer ist auf Italienisch, Französisch, Deutsch und Latein abgefasst.

Zum Ende des Besuchs ist das Interesse bei vielen geweckt. Nicht nur Wolfensberger will wiederkommen, wenn er den Wehrdienst in der Schweiz geleistet hat. Die 14-jährige Sonja Essig aus dem Kanton Solothurn findet: "Es ist sehr schade, dass Frauen nicht gehen können - mich hat es sehr interessiert." Dazu sagt Gardist Bircher, bis Frauen bei der Schweizergarde zugelassen würden, könne es "vielleicht noch eine längere Zeit dauern". Dies müsse auch von Seiten des Vatikan entschieden werden. Er sagt, die Schweizergarde sei eine Männertradition und der "Vatikan eine Männerdomäne", aber auch: "Es ist nichts ausgeschlossen. Es wird sich zeigen, was die Zukunft bringt."

Von Stefanie Stahlhofen (KNA)