Christlicher Jugendlicher berichtet von steigender Gewalt in Pakistan

"Ich habe Angst vor dem Blasphemie-Gesetz"

Aktualisiert am 17.08.2018  –  Lesedauer: 
Pakistan-Flagge aus Rauch
Bild: © Fotolia.com/Vlad
Pakistan

Karatschi ‐ Als Christ gehört der 16-jährige Robin Mahanga zu einer kleinen Minderheit in seinem Heimatland Pakistan. Der Jugendliche aus Karatschi berichtet von Beleidigungen und von seiner großen Angst.

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Robin Mahanga ist 16 Jahre alt und besucht die zehnte Klasse der katholischen St. Paul High-School in Karatschi, der größten Stadt Pakistans. Er hört gern angesagte Musik, liest Thriller und Fantasy-Romane und hat ein Faible für Technik – besonders für die aktuellsten Smartphones. Alles wie bei Millionen Jugendlichen seines Alters überall auf der Welt. Doch Robin lebt in einem Land, in dem er in ständiger Lebensgefahr schwebt: "In Pakistan bin ich wegen des islamistischen Terrors nicht in Sicherheit. Es gibt auch viele Überfälle: Mir wurde schon mal das Smartphone mit vorgehaltener Pistole aus der Hand gerissen."

Angst vor religiösen Beschuldigungen ist allgegenwärtig

Hinzu kommt, dass Christen in Pakistan als Bürger zweiter Klasse gelten. Sie stellen nur gut zwei Prozent der Gesellschaft. "Muslime geben uns Schimpfnamen; sie essen nicht vom selben Tisch, wenn Christen dabeisitzen", erzählt Robin. Auch die Schulbücher zeichneten ein fürchterliches Bild von den Christen. Doch die Diskriminierung ist noch nicht alles: "Ich fürchte, ich oder meine Familie könnten Opfer des Blasphemie-Gesetzes werden", sagt Robin.

Pakistanischer Christ Robin Mahanga
Bild: ©Kirche in Not

Der Christ Robin Mahanga ist 16 Jahre alt und lebt in Pakistans größter Stadt Karatschi.

Das auch in Pakistan umstrittene Blasphemie-Gesetz wurde 1986 zur Zeit der islamistischen Militärdiktatur eingeführt. Es sieht bei Verstößen gegen den Islam drakonische Strafen vor: Die Schändung des Korans wird mit lebenslanger Haft bestraft, für abschätzige Bemerkungen über den Propheten Mohammed wird die Todesstrafe verhängt. Vage Anschuldigungen reichen oft schon aus, damit Verdächtige verhaftet werden. Nicht selten stehen hinter solchen Anschuldigungen persönliche Streitigkeiten.

Religiöse Minderheiten wie Christen oder Hindus werden besonders häufig der Blasphemie beschuldigt: Internationale Aufmerksamkeit erlangte der Fall der Christin Asia Bibi, die im November 2010 wegen angeblicher Gotteslästerung zum Tod verurteilt wurde. Unter anderem hatten sich Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus für die fünffache Mutter eingesetzt. Die Berufung gegen das Urteil wurde im Oktober 2014 zurückgewiesen, ein weiteres Verfahren vor dem höchsten pakistanischen Gericht wurde immer wieder vertagt und steht bis heute aus.

"Der Rest der Welt sieht uns Pakistaner doch nur als Terroristen"

Robin kennt einige Beispiele, wie auch Jugendliche unter die Räder des Blasphemie-Gesetzes kommen können: "Mein Kumpel Raja wurde von seinen Mitschülern in der staatlichen Oberschule beschuldigt, er habe den Koran geschändet. Sie erzählten unsinnige Dinge darüber." Das habe aber die Schulleitung nicht gehindert, drastisch zu handeln: "Er musste die Schule verlassen, sonst hätte man ihn wohl umgebracht. Jetzt arbeitet er als Hilfsarbeiter in einer Fabrik. Seine Zukunft sieht nicht gut aus", sagt Robin.

Sicherheitskontrollen vor einem christlichen Wohnviertel in Pakistan
Bild: ©Kirche in Not

Sicherheitskontrollen vor einem christlichen Wohnviertel in Lahore - auch Robin Mahanga wohnt in Karatschi in einer ähnlich stark bewachten Gegend: in einer Wohnsiedlung für Angestellte der indischen Küstenwache.

Was seine eigenen Entwicklungsmöglichkeiten in Pakistan angeht, ist er sehr pessimistisch: "Eigentlich möchte ich nicht hierbleiben. Die religiöse Gewalt wird immer brutaler." Viele Menschen, die sich für Frieden und Gleichberechtigung eingesetzt hätten, seien ermordet worden. "Der Rest der Welt sieht uns Pakistaner doch nur als Terroristen", stellt Robin fest. Seine Familie jedoch würde nie die Heimat verlassen. Und so bleibt auch er – in der Hoffnung auf Solidarität aus dem Ausland: "Ich wünsche mir, dass wir mithilfe der Christen im Westen sicherer und freier leben – und etwas über moderne Technologien lernen können", bringt es Robin auf den Punkt, wieder ganz Sechzehnjähriger.

Immerhin kann er mit seiner Familie in einem Stadtteil von Karachi wohnen, in dem Christen relativ sicher sind. Es ist eine Wohnsiedlung für Angestellte der indischen Küstenwache. Viele Christen arbeiten dort als Reinigungskräfte. Der Arbeitgeber sorgt für Sicherheitskräfte an den Eingängen. So ist ein Hauch von Normalität möglich, erzählt Robin: "Die schönste Zeit verbringe ich mit meiner kleinen Schwester – sie ist meine ganze Freude!"

Er selbst würde später gern in einer Bank arbeiten – ein gewagter Wunschtraum, wie er selbst zugibt. "Aber was auch immer geschieht: Ich vertraue stets auf Gott. Ich habe immer einen Rosenkranz bei mir und wenn ich mich fürchte oder leide, bete ich: 'Vater unser im Himmel …'."

Von Tabassum Youssaf und Tobias Lehner (Kirche in Not)