Stephan Ackermann, Bischof von Trier, am 26. September 2017 in Fulda.
Bischof Ackermann über den Papstbrief zum Missbrauchsskandal

"Papst ruft auch uns zu Gewissenserforschung auf"

Für Bischof Stephan Ackermann ist der Papstbrief zum Missbrauchsskandal auch an die Kirche in Deutschland adressiert. Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz äußert jedoch auch vorsichtige Kritik.

Bonn - 21.08.2018

Als "aufrüttelndes Schreiben" hat der Trierer Bischof Stephan Ackermann den am Montag veröffentlichten Brief von Papst Franziskus zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche gewürdigt. Das knapp vierseitige Dokument rufe auch die deutschen Kirchenvertreter zu "Gewissenserforschung und Erneuerung" auf, so der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz.

In seinem an alle Christen adressierten Brief bittet der Papst um Vergebung für das Versagen der Kirche im Umgang mit Missbrauch an Kindern und anderen Schutzbedürftigen. Konkreter Anlass sind unter anderem die jüngsten Berichte über Missbrauchsfälle in den USA und in Chile.

"Mit Scham und Reue geben wir als Gemeinschaft der Kirche zu, dass wir nicht dort gestanden haben, wo wir eigentlich hätten stehen sollen und dass wir nicht rechtzeitig gehandelt haben, als wir den Umfang und die Schwere des Schadens erkannten", so Franziskus wörtlich.

Linktipp: Missbrauch: Papst bitte um Vergebung

Nach dem Missbrauchsskandal in Pennsylvania hat sich der Papst zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen: Er hat einen Brief an alle Gläubigen geschrieben. Darin räumt er kirchliches Versagen ein und prangert Klerikalismus als eine Hauptursache für sexuellen Missbrauch an.

Ackermann hob den besonderen Charakter des Schreibens hervor. Noch nie in seiner fünfjährigen Amtszeit habe der Papst so deutlich ausgedrückt, "dass der sexuelle Missbrauch durch Priester immer zugleich auch ein Macht- und ein Gewissensmissbrauch ist".

Vorsichtige Kritik am Papst

Weiter heißt es in der Erklärung Ackermanns: "Sicher wird die Frage gestellt werden, warum der Papst dieses Schreiben an das ganze Volk Gottes richtet, wo doch die Schuld und Verantwortung in erster Linie bei den Priestern, den Bischöfen und Ordensoberen liegt. Spricht der Papst nicht allzu leicht in der Wir-Form und nimmt damit diejenigen in der Kirche mit in Haftung, die aufgrund des skandalösen Verhaltens von Priestern selbst eher zu den Leidtragenden gehören? Der Brief wird sich diese Frage gefallen lassen müssen."

Andererseits lasse Franziskus keinen Zweifel daran, "dass er dem Klerus allein nicht die notwendige Kraft zur Erneuerung zutraut". Vielmehr setze er dabei auf die Hilfe des ganzen Gottesvolkes. Ackermann kündigte an, dass die deutschen Bischöfe auf ihrer bevorstehenden Herbstvollversammlung in Fulda Ergebnisse eines Forschungsprojektes vorstellen wollen. Die Studie, an der sich alle 27 deutschen Bistümer beteiligten, trägt den Titel "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz".

Auch der Mitbegründer des Eckigen Tisches zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche, Matthias Katsch, würdigte den Papstbrief zum Missbrauch. Franziskus habe starke Worte gefunden, sagte er am Dienstag im Deutschlandfunk. Jetzt müssten aber Taten folgen, insbesondere im Vatikan.

Für Katsch steht die Aufarbeitung auch der katholischen Kirche in Deutschland erst am Anfang. Das Beispiel des gerade veröffentlichten US-Berichts aus Pennsylvania zeige, wie wichtige eine externe Aufarbeitung durch staatliche Stellen sei. Auch in Deutschland müssten die Ermittlungen durch externe Kommissionen verstärkt werden. (tja/KNA)