Kardinal: Italien macht Menschen zu Tauschware
Italienische Kirche kritisiert Salvinis Umgang mit Flüchtlingen

Kardinal: Italien macht Menschen zu Tauschware

Italien - Knapp eine Woche durften die 137 Passagiere des Rettungschiffs "Diciotti" nicht an Land. Nun nimmt die katholische Kirche 100 der Flüchtlinge auf. Mit drastischen Worten kritisiert ein Kardinal die Flüchtlingspolitik seines Landes.

Rom - 26.08.2018

Nach dem tagelangen Tauziehen um die Flüchtlinge auf der "Diciotti" nimmt die katholische Kirche in Italien knapp 100 der 137 Passagiere auf. Die Migranten durften in der Nacht auf Sonntag von Bord, nachdem das Rettungsschiff der italienischen Küstenwache fünf Tage im Hafen des sizilianischen Catania gelegen hatte. Der Sprecher der Italienischen Bischofskonferenz, Ivan Maffeis, sagte im Fernsehen, man habe eine "unerträgliche" humanitäre Situation beenden müssen.

Zugleich erhob er Vorwürfe gegen Innenminister Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Lega. Dieser betreibe "Politik auf dem Rücken der Armen", sagte Maffeis. Die Regierung habe die Migranten benutzt, um Europa zu einer Antwort zu zwingen; diese sei teils parteiisch, teils schwach ausgefallen.

Scharfe Kritik eines Kardinals

Vorerst sei nur die Blockadehaltung von Innenminister Matteo Salvini beendet, so der Sprecher der Bischofskonferenz weiter. Die eigentliche Aufgabe bleibe, kulturelle und politische Lösungen für den "Exodus der Völker" zu finden. In welchen kirchlichen Einrichtungen die Migranten genau untergebracht werden, stand laut Maffeis zunächst noch nicht fest. Es hätten aber zahlreiche Bistümer angeboten, Flüchtlinge von der "Diciotti" aufzunehmen.

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Zahlreiche Hilfsorganisationen, auch katholische wie der Jesuiten-Flüchtlingsdienst und die Caritas, hatten in den vergangenen Tagen die harte Haltung Salvinis verurteilt. Auch mehrere Bischöfe meldeten sich kritisch zu Wort. Am Freitag sagte der sizilianische Kardinal Francesco Montenegro, Präsident der italienischen Caritas, der Zeitschrift "Famiglia Cristiana" zur Lage der Flüchtlinge: "Wenn es Hunde wären, wäre schon der Tierschutz eingeschritten." Im Wissen um die schwerwiegende Situation der Menschen an Bord mache man sie zu "Tauschware". Darüber sei er "angewidert", sagte der Kardinal.

Montenegro widersprach dem Argument, dass auch viele Katholiken den Kurs von Innenminister Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Lega teilten. Man könne sich als Christ nicht einzelne Seiten des Evangeliums aussuchen und andere ablehnen. "Wer den Nächsten zurückweist, weist Christus zurück", sagte der Kardinal. Es gehe nicht an, Jesus im Brot der Eucharistie zu empfangen, "das nicht spricht, sauber und weiß ist, aber wenn dieser Jesus, an den ich glaube, den Fehler macht, sich in zerrissenen Hosen zu präsentieren, und stinkt und Hunger hat, dann halte ich ihn mir vom Leib", sagte Montenegro.

Kardinal: In Europa ankommende Boote nur kleiner Teil der Fluchtbewegung

Zum Einwand, man könne nicht alle aufnehmen, sagte der Kardinal, die in Europa ankommenden Boote seien nur ein kleiner Teil einer weltweiten Bewegung von 245 Millionen Migranten. "Wenn die Völker wandern, ist es die Geschichte, die sich verändert", sagte Montenegro. Man dürfe nicht "so blind" sein, sich dies nicht klarzumachen.

Nach Medienberichten hatten 137 Migranten kurz nach Mitternacht die "Diciotti" verlassen. Sie wurden am frühen Sonntagmorgen zunächst in eine ehemalige Kaserne in Messina gebracht, um von dort weiterverteilt zu werden. Albanien sagte die Aufnahme von 20 Personen zu; auch Irlands Außenminister Simon Coveney erklärte per Twitter, 20 bis 25 Migranten einreisen zu lassen. (luk/KNA)