Schachfigur
Standpunkt

Über die "Reinigung" der Kirche

Wenn Kirchenvertreter über Missbrauch in den eigenen Reihen sprechen, ist immer wieder von Dreck und von Saubermachen die Rede. Für Pater Klaus Mertes ist das ein sehr schiefes Bild.

Von Pater Klaus Mertes |  Bonn - 08.10.2018

pater klaus mertes

In einigen kirchlichen Äußerungen über Missbrauch spielte das Begriffspaar Schmutz/Reinigung oder auch Dreck/Putzen eine wichtige Rolle. Mir stößt diese Wortwahl auf, und zwar aus folgenden Gründen:

Erstens: Dreck kommt von außen – dass Problem des Missbrauchs und dessen Vertuschung kommt aber von innen. Zweitens: Dreck kann man wegputzen, dann leuchtet der Raum wieder unverändert im alten Glanz – aus der Missbrauchskrise wird die Kirche aber nur verändert herauskommen können. Drittens: Die Kirche sieht sich, wenn sie sich als Beschmutzte definiert, in der Opferposition – sie befindet sich aber beim Missbrauch durch Kleriker und dessen Vertuschung durch Bischöfe nicht in der Opferposition.

Wer wurde eigentlich beschmutzt? Zunächst die Kinder und Jugendlichen, deren Vertrauen missbraucht und zusätzlich durch das Vertuschen noch mehr beschädigt wurde. Dann kommt zunächst lange mal gar nichts. Und dann – sekundär – die vielen Gläubigen in der Kirche, die in Mithaftung genommen werden für Versagen im Umgang mit Verbrechen, für das sie nicht verantwortlich sind; sie tragen die Stigmatisierung der Kirche in der Öffentlichkeit mit, weil diese der notwendige, unvermeidliche Preis für die Aufklärung ist. Sie kommen allerdings an Grenzen ihrer Loyalität, wenn sich Verantwortliche in der Kirche als Opfer von Pressekampagnen, Generalverdächtigungen und Beschmutzungen aller Art selbst bemitleiden. Das Selbstmitleid im Klerus ist für die Normalos in der Kirche eine schwere Prüfung ihrer Loyalität zur Kirche.

Es gibt kein Leben ohne Dreck. Und es gibt sogar Dreck, der Schmuck ist: Schmach, die Ehre ist. Wenn Bischöfe und Priester in diesen Tagen ihr Gesicht der berechtigten Wut hinhalten, dabei die Ambivalenzen von Trittbrettfahren ertragen, Verantwortung übernehmen und die Ärmel hochkrempeln, um an die so oft genannten Knackpunkte heranzugehen, an die systemischen Ursachen des institutionellen Versagens, dann haben sie meinen vollen Respekt. Wenn sie daraus „zerbeult“ – wie Papst Franziskus formuliert – hervorgehen, dann möchte ich zerbeult mit an ihrer Seite stehen, tausendmal lieber als mit ihnen in dreckfreien Hochämtern zu konzelebrieren.

Von Pater Klaus Mertes

Der Autor

Der Jesuit Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald.

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