Vor 75 Jahren fielen Bomben auf die Berliner Gedächtniskirche

Die Turmruine, die zum Frieden mahnt

Aktualisiert am 23.11.2018  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ Sie ist eines der Wahrzeichen Berlins und ein weltbekanntes Mahnmal für den Frieden: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mit ihrem abgebrochenen Kirchturm. Vor 75 Jahren wurde das Gotteshaus bei alliierten Bombenangriffen zerstört.

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Eigentlich, so erzählten Augenzeugen später, habe an diesem Tag niemand in Berlin mit einem Luftangriff gerechnet. Schließlich habe die Reichshauptstadt an diesem neblig-nasskalten 22. November 1943 den ganzen Tag unter einer geschlossenen Wolkendecke gelegen – ein Wetter, so die Hoffnung der Berliner, das sie vor den auf gute Sicht angewiesenen Bombenflugzeugen der Alliierten schützen würde.

Doch die Flugzeuge kamen trotzdem. Und sie kamen in einer so großen Zahl, wie es Berlin im Zweiten Weltkrieg zuvor noch nicht erlebt hatte. 764 Flugzeuge der britischen Royal Air Force flogen ab 19.30 Uhr aus Westen kommend gegen die Reichshauptstadt. Die erste Angriffsreihe bildeten Flugzeuge, die den Himmel mit Leuchtmunition beinahe taghell erleuchteten und die anvisierten Ziele in der Stadt markierten; "Christbäume" wurden diese Leuchtbomben von der Bevölkerung genannt. Anschließend folgten die eigentlichen Bombenflugzeuge, die ihre tödliche Fracht in großer Zahl über der Stadt abwarfen.

Ein Inferno, dass die Stadt in Schutt und Asche legte

Der Angriff war ein Inferno, das ganze Stadtteile in Schutt und Asche legte. 9.000 Menschen starben, 240.000 wurden obdachlos. Von den Bomben getroffen wurden viele bekannte Gebäude – darunter das Schloss Charlottenburg, die Synagoge in der Oranienburger Straße und Teile der schon damals berühmten Museumsinsel. Doch zum Symbol dieses verheerenden Luftangriffs wurde ein anderes Bauwerk: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Das Gotteshaus am Kurfürstendamm, das in den Jahren 1891 bis 1895 in Erinnerung an Kaiser Wilhelm I. errichtet worden war, war nach der Feuersbrunst nur noch ein Schatten seiner selbst – der Kirchenraum ausgebrannt, der Dachstuhl eingestürzt und der einst 113 Meter hohe Turm bei knapp über 70 Metern weggebrochen.

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Vor 75 Jahren begann die "Operation Gomorrha": Zehn Tage lang flogen die Alliierten dabei Luftangriffe auf Hamburg. Ausgerechnet eine Kirche diente den Piloten dabei als Zielmarkierung. (Artikel von Juli 2018)

Die Kirche, die einst für das neu erwachte Selbstbewusstsein und die Großmannssucht des kaiserlichen Deutschlands gestanden hat, wurde durch den Bombenangriff vom 22. November 1943 zum Fanal der unaufhaltsam näher rückenden Kriegsniederlage des NS-Regimes. Auch die genaue Uhrzeit des Bombenangriffs konnten die Berliner fortan an der Kirche ablesen: Die Zeigen der Turmuhr waren bei 19.40 Uhr stehen geblieben.

Über den rund eineinhalb Stunden dauernden Angriff und die Zeit unmittelbar danach berichtete vor fünf Jahren der Augenzeuge Baldur Ubbelohde im Berliner "Tagesspiegel". Nachdem die Sirenen angefangen hatten zu heulen, war der damals 14-Jährige in einen Luftschutzkeller am Kurfürstendamm geflohen. Bald darauf setzte ein Dröhnen, Jaulen und Pfeifen ein; Luftminen, Spreng-, Brand- und Phosphorbomben detonierten. "Mit jeder Explosion hörte man die fremden Menschen im Keller wimmern, alle hatten schreckliche Angst", erzählte Ubbelohde.

Als er nach dem Angriff wieder an die Erdoberfläche kam, sah er als erstes die brennende Gedächtniskirche mit der abgebrochenen Turmspitze. Auch die Straßenzüge um die Kirche brannten lichterloh, es war taghell. In der Budapester Straße versperrten ihm ein Berg aus Trümmern und ein Bombenkrater voller Wasser den Weg. "Ich konnte kaum atmen", erinnerte sich Ubbelohde, "Asche und Staub bliesen mir ins Gesicht". Seine größte Sorge galt seinen Eltern und seiner Schwester, das Elternhaus in der Nürnberger Straße war nicht weit entfernt. Hatten sie den Angriff überlebt? Und was war von ihrem Haus übriggeblieben? Es brannte von oben bis unten, aber den Bewohnern war nichts passiert. Seine Eltern und seine Schwester fand er auf der Straße. Drei Koffer waren ihnen geblieben.

Bild: ©dpa/Bernd von Jutrczenka

Am 19. Dezember 2016 tötete ein islamistischer Terrorist bei einem Anschlag an der Gedächtniskirche 12 Menschen.

Bald nach dem Luftangriff gaben die Nationalsozialisten der Gemeinde der Gedächtniskirche die Zusage, das Gotteshaus nach dem Weltkrieg ebenso groß und prachtvoll wiederaufzubauen. Doch dazu kam es nicht. Nach Kriegsende stellte sich deshalb die Frage, was aus den verbliebenen Resten der einst so stolzen Kirche werden sollte. Abreißen? An anderer Stelle neu errichten?

Mahnmal für den Frieden

Nach langen Debatten entschied man sich schließlich für eine andere Lösung: Die Turmruine wurde als Mahnmal für den Frieden erhalten, und drum herum baute der Architekt Egon Eiermann von 1957 bis 1961 ein neues, modernes Gebäudeensemble. Herzstück der Anlage ist die "neue" Gedächtniskirche, die mit ihrem achteckigen Grundriss und den mehr als 20.000 blauen Glasbausteinen heute eines der markantesten Bauwerke Berlins ist. Die neue Kirche wurde über die Jahre zu einem Ort der Stille, des Gebets und der Versöhnung. Sinnbildlich dafür steht in der Kirche das Nagelkreuz von Coventry. Die Nägel, aus denen es geformt wurde, stammen von verbrannten Dachbalken der Kathedrale in der englischen Stadt, die im November 1940 von deutschen Bombern zerstört worden war. Ebenso befindet sich das Original der "Stalingradmadonna" in der Gedächtniskirche. Das Marienbild ist Weihnachten 1942 im Kessel von Stalingrad entstanden und heute ein Zeichen der Versöhnung – Repliken sind in den Kathedralen von Coventry und Wolgograd, wie Stalingrad heute heißt, zu finden.

Dass die Sehnsucht nach Frieden immer wieder schlimme Rückschläge erfahren kann, zeigte sich am 19. Dezember 2016 direkt neben der Gedächtniskirche, als ein islamistischer Terrorist einen Lkw in den Weihnachtsmarkt an der Kirche lenkte. 12 Menschen starben damals, 55 wurden verletzt. An sie erinnert heute das Mahnmal "Der Riss", ein goldfarbener "Riss", der sich 17 Meter über den Breitscheidplatz bis zur Gedächtniskirche zieht. Es ist, als bleibe das Gotteshaus auch 75 Jahre nach der verheerenden Bombennacht mit der Geschichte von Krieg und Gewalt verbunden.

Von Steffen Zimmermann