Schachfigur
Standpunkt

Eindeutig mehrdeutig

Auf die meisten Fragen gibt es heutzutage keine eindeutigen Antworten. Das auszuhalten, ist eine der größten Aufgaben unserer Welt, findet Regina Laudage-Kleeberg. Doch gerade die Kirche sei ein Beispiel für Mehrdeutigkeit und Vielfalt.

Von Regina Laudage-Kleeberg |  Bonn - 21.01.2019

Auf der einen Seite die Bilder vom Weltjugendtag: junge, fromme Gläubige, die gemeinsam beten und in allen Sprachen den Glauben feiern. Auf der anderen Seite: verkrustete und unbewegliche Machtstrukturen, in denen Veränderungen unmöglich erscheinen. Wer katholisch ist, kennt diese Vielseitigkeit in der eigenen Kirche.

Katholisch sein bedeutet, in der Vielfalt unseres Glaubens nicht nur verschiedene Frömmigkeitsformen zu akzeptieren, sondern auch mit Paradoxien und Widersprüchen umgehen zu können. Das beginnt mit dem Glauben an Auferstehung und Jungfrauengeburt, die der ratio schon immer schwer vermittelbar waren, und endet im größten Geheimnis, das unsere Kirche feiert: der Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi.

Das kluge kleine Büchlein des Islamwissenschaftlers Thomas Bauer nennt die katholische Kirche in ihrer Geschichte ein Vorbild der Mehrdeutigkeit. Er beschreibt, wie nützlich es der Kirche war, sich an wahrscheinliche Deutungen anstatt an absolute Wahrheiten zu binden, sich der eigenen Geschichte und ihrer vielen Umwälzungen bewusst zu sein und sich nicht als Herrin über Reinheit und Unreinheit zu verstehen.

In manchen Debatten, gerade auch in "sozialen" Netzwerken, ist von dieser Freude an Mehrdeutigkeit nichts mehr zu spüren. Die Erwartung an Medien, Kirchen und Politik, eindeutige Antworten zu geben, ist groß. Eindeutigkeit bringt (vermeintlich) in der heutigen komplexen Welt Sicherheit. Und Sicherheit empfinden viele als ein rares Gut. Gerade Religionen können aber nicht überleben, wenn sie nur auf Eindeutigkeit setzen, dann verkommen sie – wie Thomas Bauer völlig richtig sagt – zu Fundamentalismen.

Eine Religion und ihre Gläubigen müssen sich jederzeit von Zweifelnden und Kritischen anfragen lassen. Auf diese Anfragen gibt es oft keine eindeutigen Antworten. Das auszuhalten, ist eine der größten Aufgaben unserer komplexen Welt. Aber eine bewältigbare Aufgabe, wenn man daran glaubt, dass Gott – eindeutig – dreieinig mitgeht.

Von Regina Laudage-Kleeberg

Die Autorin

Regina Laudage-Kleeberg leitet die Abteilung Kinder, Jugend und Junge Erwachsene im Bistum Essen.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.