In einem Propagandavideo des "Islamischen Staates" werden 21 koptische Christen zu ihrer Hinrichtung geführt.
Pater Philipp König über das Sonntagsevangelium

Lieben, auch wenn es weh tut

Die Feindesliebe ist ein Alleinstellungsmerkmal des Christentums. Sie ruft große Kritik hervor und ist besonders für leidgeprüfte Menschen die wohl größte Herausforderung. Gerade deshalb faszinieren Pater Philipp König Menschen, die sich auf dieses Gebot Jesu eingelassen haben.

Von P. Philipp König OP |  Bonn - 23.02.2019

Impuls von Pater Philipp König

Auf die Frage, wer eigentlich mein Feind ist, fällt mir so recht keine Antwort ein. Habe ich überhaupt Feinde? Klar gibt es Leute, die mir unsympathisch sind, deren Vorstellungen ich nicht teile oder die sich unfair oder fies verhalten. Solche Personen gehen mir auf die Nerven und sind mir unangenehm. Ich würde sie wohl als "Gegner" oder als "Ekel" bezeichnen, vielleicht als "Idioten", aber als "Feinde" wohl eher nicht.

Wahrscheinlich habe ich einfach das große Glück, dass ich in meinem Leben noch kein so schweres Unrecht erleiden musste, um von wirklichen "Feinden" sprechen zu können. Vielen Menschen geht es da anders: Ich denke an Opfer von Gewaltdelikten, Missbrauch und Erpressung, an unterdrückte Minderheiten und versklavte Völker. Sie mussten Schreckliches erleben, mussten am eigenen Leib erfahren, wie es ist, von anderen gehasst, gefoltert, misshandelt zu werden. Sie hätten allen Grund, von "Feinden" zu sprechen.

Angesichts dessen schütteln viele den Kopf über Jesu Aufruf zur Feindesliebe. Es kommt ihnen einfach nur grotesk, ja geradezu unerträglich vor: Wie um alles in der Welt sollten beispielsweise Eltern die Mörder ihrer Kinder segnen oder Anne Frank ihrem Mörder vergeben? Ist das nicht eine Verhöhnung der Opfer, die passiv alles still erdulden sollen, was ihnen an Unrecht widerfährt?

Die Liebe zu den Feinden ist wahrscheinlich die schwerste Herausforderung im ganzen Evangelium. Zwar sagt schon der Heilige Thomas von Aquin in seiner "Summa theologiae", dass es dabei keineswegs darum geht, sympathische Gefühle für den Feind zu hegen. Das wäre pervers und der Liebe zuwider (vgl. STh. II-II,25,9c). Dennoch handelt es sich auch beim Feind – selbst wenn er der schlimmste Verbrecher ist – um einen Menschen, und insofern muss ihm meine Nächstenliebe gelten. Das ist oft schon Herausforderung genug!

In der Liebe zu den Feinden besteht wohl die größte Besonderheit in Jesu Verkündigung, der "Lackmustest" des christlichen Lebens, wie sie der Wiener Kardinal Christoph Schönborn genannt hat. Es geht darum, in der Logik von Gewalt und Gegengewalt nicht mitzumachen, bewusst herauszutreten aus der Spirale der Gewalt und sich nicht der blinden Wut hinzugeben, die zerstörerisch ist. Jesus selbst hat das vorgelebt, als er am Kreuz für seine Mörder gebetet hat.

So unerträglich die Botschaft der Feindesliebe anmutet: Es gibt unzählige Beispiele von Menschen, die genau das getan haben, wozu Jesus in der Feldrede aufruft: Ich denke an die Hinterbliebenen der 21 koptischen Christen, die 2015 von der Terrormiliz ISIS in Lybien grausam hingerichtet wurden. Ich denke an Papst Johannes Paul II., der seinen Attentäter Mehmet Ali Agca im Gefängnis besucht und ihm vergeben hat.

Das Beispiel dieser Menschen lässt mich staunen und stellt mich vor die Frage, ob ich auch in der Lage wäre, so zu vergeben, zu lieben – auch dann, wenn es wehtut.

Von P. Philipp König OP

Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 6,27-38)

Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln. Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd. Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück. Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen.

Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern in der Hoffnung, alles zurückzubekommen.

Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!

Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden.

Der Autor

Pater Philipp König ist Dominikaner und arbeitet als Kaplan und Jugendseelsorger in Leipzig.

Ausgelegt!

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