Helmut Dieser wurde am 23. September 2016 zum neuen Bischof von Aachen ernannt.
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Aachener Oberhirte: In Zukunft verheiratete Priester möglich

Bischof Dieser will an "Zölibat als Lebensform" festhalten

In einem Interview äußert sich der Aachener Bischof Helmut Dieser zum Zölibat, zur Homosexualität und zur kirchlichen Haltung zu künstlicher Empfängnisverhütung. Er spricht auch eine "Gefahr der Spaltung" unter den deutschen Bischöfen an.

Aachen - 23.03.2019

Aus Sicht des Aachener Bischofs Helmut Dieser sollte die verpflichtende Ehelosigkeit katholischer Priester bestehen bleiben. Der "Zölibat als Lebensform" solle "auf jeden Fall" erhalten werden, sagte Dieser im Interview der "Aachener Zeitung/Aachener Nachrichten" vom Samstag. Der Zölibat sei "keine negative Auflage, kein Zwang". Er sei eine "biblische Lebensform in der Nachfolge Jesu, ein Charisma".

Sollte es "irgendwann" keine Priester mehr geben, die dies wählen wollten, "müssen wir nach geeigneten verheirateten Männern Ausschau halten", betonte der Bischof. "Außerdem gibt es ja verheiratete katholische Priester – in den Ostkirchen oder wenn ein protestantischer oder anglikanischer Geistlicher zum Katholizismus konvertieren." Dieser sagte, dass auch ein homosexueller Mann den Zölibat versprechen und leben könne. Ende 2016 hatte der Vatikan neuen Richtlinien zur Ausbildung von Priestern erlassen. Darin sind Homosexuelle praktisch weiter von der Weihe ausgeschlossen. 

Bischof: Kirche müsse Empfängnisverhütung differenzierter wahrnehmen

Auf die Frage, ob er es für richtig halte, dass die katholische Kirche an der Ablehnung der künstlichen Empfängnisverhütung festhalte, sagte Dieser: "Das kann ich nicht mit Ja oder Nein beantworten. Sexualität ist eine positive Gabe, die zu dem gehört, was jeden von uns als Person ausmacht. Davon ausgehend, können wir in Einzelfragen zu neuen Auffassungen kommen." Die Weitergabe des Lebens durch Mann und Frau sei etwas sehr Kostbares und Großes, sagte der Bischof. Dazu gehöre "verantwortete Elternschaft und damit Familienplanung und damit auch Empfängnisregelung".

Dieser sagte: "Wenn Eltern von drei Kindern ein viertes nicht verantworten können und zu einer künstlichen Methode greifen, müssen wir das differenzierter als bisher wahrnehmen. Das katholische Lehramt hat die Entwicklung der Moraltheologie - über das Naturrechtsdenken hinaus - in den letzten Jahren nicht ausreichend wahrgenommen." Das müssten die Bischöfe in dem jetzt beschlossenen synodalen Prozess tun. "Ich hoffe sehr, dass wir da weiterkommen."

Mit Blick auf Homosexualität sagte Dieser: "Auch hier entwickelt sich die Position im Katechismus aus dem Naturrecht und der Vorstellung von zwei sich ergänzenden Geschlechtern, die das Leben weitergeben. Diesen doppelten Sinn stelle ich nicht infrage." Laut der bisherigen Position der katholischen Kirche sei diese Vorgabe für jemanden, der seine Homosexualität lebe, "so bindend, dass er in schwere Sünde" falle.

"Diese Position hinterfrage ich. Ich wäre sehr froh, wenn das Lehramt das aufnehmen würde, was moraltheologisch schon vorgedacht ist, und wir zu einer anderen Auffassung kommen, die die Personalität eines homosexuellen Mannes oder einer homosexuellen Frau berücksichtigt. So würde ich das auch jetzt schon handhaben", sagte Dieser. Es gehe um eine Unterscheidung im Einzelfall.

Dieser: Wir spüren den Ernst der Stunde

Weiter kündigte der Aachener Bischof Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal und dem kirchlichen Vertrauensverlust an. "Wir Bischöfe spüren den Ernst der Stunde, wir sehen die Zäsur, wir werden handeln", sagte. Er halte es aber für übertrieben, dass es "eine Art Kernschmelze" gebe. Das Gefühl, gerne zur Kirche dazuzugehören, sei bei nicht wenigen bedroht. Zugleich gebe es "ein inneres Zutrauen, dass sich die Kirche diesem Thema stellt und die Situation wieder besser wird". Weiter sagte der Bischof, wenn Geistliche die kirchliche Gemeinschaft zerstörten, "stehen wir am Abgrund". Es gebe eine "Sehnsucht danach, dass die Stimme der Kirche wieder Vertrauen gewinnt".

Mit Blick auf Fragen zu Machtmissbrauch, Zölibat oder Sexualmoral betonte Dieser, dass "wir als Einzelkirche in Deutschland nicht handeln können". Und weiter: "Diese Lage hat sich insofern verändert, als wir uns jetzt als deutsche Kirche insgesamt diesen Themen in einem synodalen Prozess stellen – auch mit der möglichen Konsequenz, dass wir mit unseren Ergebnissen in der Weltkirche zunächst einmal alleine dastehen. Dann müssen wir darum ringen – auch mit dem Heiligen Vater."

Der Bischof hob hervor, man wolle "synodale Ergebnisse in möglichst großer Übereinstimmung, um die Kirche zusammenzuführen, statt sie zu spalten." Trotzdem könne es zu Frustrationen kommen – "denn die Weltkirche ist ein Riesentanker". Aber der Papst habe die regionale Synodalität und die Zuständigkeiten von Bischofskonferenzen betont.

Mit Blick auf Beschlüsse einer synodalen Versammlung sagte Dieser: "Wir haben uns festgelegt, dass wir die Ergebnisse akzeptieren und gemeinsam dafür eintreten. Aber jeder Bischof muss natürlich für sein Bistum entscheiden. Wir stehen vor der Gefahr der Spaltung. Ich sehe es als meine Verantwortung, dass wir beieinander bleiben – im Bistum und in der Bischofskonferenz." (luk/KNA)