Die Kreuzverhüllung: Damit das Wesentliche sichtbar wird
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Die Ursprünge des Brauchs am Passionssonntag

Die Kreuzverhüllung: Damit das Wesentliche sichtbar wird

In vielen Kirchen werden am fünften Fastensonntag, auch "Passionssonntag" genannt, die Kreuze verhüllt. Doch warum geschieht das ausgerechnet kurz vor Ostern? Katholisch.de erklärt, woher dieser Brauch kommt – und was die Hungertücher damit zu tun haben.

Von Matthias Altmann |  Bonn - 07.04.2019

Der fünfte Fastensonntag ist in zweifacher Hinsicht besonders. Erstens, weil er oft gar nicht als fünfter Fastensonntag bezeichnet wird, sondern als Passionssonntag. Zweitens werden an diesem Tag in den allermeisten Kirchen Kreuze sowie Jesusbilder und -figuren mit einem violetten Tuch verhüllt – der liturgischen Farbe der Fastenzeit entsprechend. Vielerorts wird die Osterkerze aus dem Altarraum entfernt und in die Sakristei getragen, ehe sie am Ostersonntag durch die neue ersetzt wird.

Auf den ersten Blick ergibt der Brauch, die Kreuze zu verhüllen, eigentlich keinen Sinn. Wieso werden ausgerechnet kurz vor Ostern in den Kirchen die Kreuze verhüllt? Steht doch gerade in der Fasten- oder Passionszeit das Kreuz als Symbol für das Leiden und Sterben Jesu im Fokus.

Verhüllung der Gottheit in der Zeit des Leidens?

Eine erste Auslegung liefert Wilhelm Durandus, Bischof des südfranzösischen Mende, im 13. Jahrhundert. Er deutet die Verhüllung der Kreuze allegorisch auf eine Stelle im Johannesevangelium, die den Abschluss der  Streitgesprächen Jesu mit den Juden bildet. Dort heißt es: "Da hoben sie [die Jerusalemer Juden] Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und verließ den Tempel" (Joh 8,59). Laut Durandus hat Jesus in der Zeit seines Leidens seine Gottheit verhüllt. Dass Jesus sich gemäß dem Johannesevangelium in der letzten Zeit vor seinem Einzug in Jerusalem nicht mehr in der Öffentlichkeit bewegte (Joh 11,54), könnte ebenfalls eine Rolle gespielt haben.

Im Mitelalter waren ausgeschmückte "Triumphkreuze" weit verbreitet – daraus könnte der Brauch der Kreuzverhüllung entstanden sein.

Wie genau diese Tradition entstanden ist, liegt allerdings im Dunkeln. Möglicherweise ist sie darin begründet, dass das Kreuz im Laufe der Zeit immer mehr zum Symbol für die Auferstehung Jesu wurde. Der Aspekt des grausamen Todes rückte dabei meist in den Hintergrund. Im Mittelalter etwa waren Kreuze, die den leidenden und geschundenen Jesus zeigen, eher selten. Verbreitet waren sogenannte Triumphkreuze, die mit Gold und Edelsteinen geschmückt waren. Teilweise hatten sie keinen Korpus oder zeigten den "erhöhten Christus" mit Heiligenschein oder Krone. Damit das Wesentliche wieder sichtbar wird, musste alles, was ablenkt, verborgen werden: Daraus könnte die Tradition der Kreuzverhüllung entstanden sein. Sie sollte an den leidenden Jesu in der Passion erinnern – in der Absicht, dass sich sein Bild den Gläubigen umso tiefer einprägt.

Eine weitere Deutungsmöglichkeit bietet sich mit Blick auf die mittelalterliche Bußpraxis an: Früher waren die Büßer vom Gottesdienst ausgeschlossen. Bei der Verhüllung der Kreuze und Bilder könnte es sich um einen Gestus der Solidarität mit ihnen handeln – ein "Fasten der Augen" als Zeichen der eigenen Buße. So gab es schon um das Jahr 1000 die weit verbreitete Tradition, den ganzen Chorraum, später nur noch den Hauptaltar, mit einem Fasten- oder Hungertuch zu verhüllen. Diese wurden später reich mit Motiven aus der Passion Christi bebildert. Diese Darstellungen dienten auch der Veranschaulichung, um den Gläubigen, die nicht lesen konnten, die Heilsgeschichte näher zu bringen. So wurden aus diesen Hungertüchern "Armen-Bibeln". An diese Interpretation schließt sich auch die Wiederbelebung der Tradition der "Hungertücher" durch das kirchliche Hilfswerk "Misereor" nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) an.

Trienter Konzil schreibt den Brauch vor

Als Zeitpunkt der Verhüllung kristallisierte sich ab dem Konzil von Trient (1547 bis 1563) der Passionssonntag heraus – der Sonntag vor Palmsonntag. Ab dann handeln auch die liturgischen Texte deutlicher vom Leiden und Sterben Jesu. Im Messbuch von 1570 wurde der Brauch schließlich offiziell festgelegt: "Vor der ersten Vesper des Passionssonntages werden die Kreuze und Bilder verhüllt", heißt es darin.

Das römische Messbuch von 1969 stellt den Brauch grundsätzlich frei, plädiert aber für seine Fortführung. Die deutsche Einführung zum messbuch bestimmt: "Der Brauch, die Kreuze und Bilder in den Kirchen zu verhüllen, soll beibehalten werden. In diesem Fall bleiben die Kreuze verhüllt bis zum Ende der Karfreitagsliturgie, die Bilder jedoch bis zum Beginn der Osternachtsfeier." Zur Palmprozession am Palmsonntag bleibt das Kreuz allerdings unverhüllt: Hier ist es nämlich ein Siegeszeichen – und gibt somit einen Vorgeschmack auf Ostern.

Von Matthias Altmann