Ein Mönch geht in Siegburg durch das Kloster der Abtei Michaelsberg.
Wie es mit ehemaligen Ordensleuten weitergeht

"Ein Ordensaustritt ist wie eine Scheidung"

Ordensleute, die ihre Gemeinschaft verlassen, müssen privat wie beruflich noch einmal ganz von vorn anfangen. Auch finanzielle Fragen stellen sich. Schwester Katharina Kluitmann ist die Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz. Sie erklärt, wie der Trennungsprozess abläuft und warum viel mehr Männer als Frauen gehen.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 24.04.2019

Rund 50 Ordensleute, so schätzt Schwester Katharina Kluitmann, treten im Bereich der Ordensobernkonferenz jährlich aus den Orden aus. Obwohl deutlich mehr Frauen als Männer in den Orden sind, gehen viel mehr Männer. Wie der schmerzliche Prozess des Ablösens gelingen kann und was Fallstricke sind, sagt sie im Interview.

Frage: Schwester Kluitmann, wie oft passiert es, dass Frauen oder Männer aus einem Orden austreten?

Kluitmann: Im Bereich der Deutschen Ordensobernkonferenz sind es durchschnittlich rund 50 Fälle pro Jahr – und das bei etwa 18.000 bis 19.000 Ordensleuten. Unter den Ausgetretenen sind doppelt so viele Männer wie Frauen. Das ist insofern auffällig, als es viel mehr weibliche Ordensleute gibt – etwa dreimal so viele Frauen wie Männer. Die meisten Männer, die austreten, sind Priester, also keine Brüder.

Frage: Was sind die häufigsten Gründe für einen Austritt?

Kluitmann: Darüber gibt es keine Erhebungen oder Statistiken. Ich habe aber vor zwölf Jahren in meiner Doktorarbeit einmal genauer untersucht, warum Frauen ihren Orden verlassen. Das Ergebnis: Ein Drittel der Frauen geht, weil sie in einer anderen Lebensform leben wollen, ein Drittel geht wegen Schwierigkeiten mit der eigenen Persönlichkeit und ein Drittel geht wegen Schwierigkeiten mit der Gemeinschaft. Bei Männern ist der Zölibat ein recht häufiger Grund – ausgenommen natürlich diejenigen, die Priester sind und bleiben – und sich etwa einer Diözese anschließen.

Sr. Katharina Kluitmann

Schwester Katharina Kluitmann ist seit 2018 die Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK). Sie ist zudem Provinzoberin der Franziskanerinnen von der Buße und der christlichen Liebe.

Frage: Wie lange dauert es, bis eine Entscheidung zum Ordensaustritt gereift ist?

Kluitmann: Wer versucht, Ordensaustritte zu verstehen, der denkt am besten an eine Scheidung. Ein Leben im Orden ist wie eine Beziehung. Vor der Ewigen Profess – also der "Eheschließung" mit Gott – kann man im Prinzip an jedem Tag "Schluss machen", auch wenn das für beide Seiten durchaus schmerzlich und mit so einer Art Liebeskummer verbunden ist. Nach der Ewigen Profess ist der Ordensaustritt dann wirklich wie eine Scheidung. Die kann relativ friedlich vonstattengehen oder eben auch mit Zankereien und fliegenden Tassen. Grundsätzlich gilt: Je mehr Kommunikation im Vorfeld passiert, umso besser. Es ist gut, wenn jemand dem Orden offen sagt, dass er Zweifel hat, sich vielleicht sogar eine externe Begleitung sucht. Es gibt auch die sogenannte "Exklaustration", also die Möglichkeit, eine Zeitlang außerhalb des Ordens zu leben. In einer Beziehung würde man wohl sagen, man trennt sich, aber reicht noch nicht die Scheidung ein.

Frage: Aber ist so ein Austritt rein kirchenrechtlich überhaupt vorgesehen?

Kluitmann: Solange jemand noch keine Ewige Profess hat, betrifft das nur die jeweilige Gemeinschaft – das Kirchenrecht regelt das auf gemeinschaftsinternem Weg. Nach der Ewigen Profess ist die Frage, ob es sich um eine Gemeinschaft bischöflichen oder päpstlichen Rechts handelt – entsprechend ist eine bischöfliche Stelle oder der Vatikan zuständig. So oder so: Die Lösung von Gelübden ist kirchenrechtlich sehr klar geregelt und nicht sehr kompliziert – manchmal geht das sogar erschreckend schnell. Die Profess ist ja kein Sakrament. Schwieriger wird es, wenn ein Priester aus dem Orden austritt und nicht mehr Priester sein will, also von den Pflichten und Rechten des Klerikerstandes entbunden werden will.

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Was sind Orden? Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger".

Frage: Letztendlich hat es jemand, der aus dem Orden austritt, aber doch noch schwerer als nach einer Scheidung. Unter Umständen muss jemand im fortgeschrittenen Alter noch einen Beruf erlernen, erstmals für den eigenen Lebensunterhalt sorgen...

Kluitmann: Ja, das kann schon schwierig sein. Dann müssen außerdem Fragen der Nachversicherung geklärt werden, zum Beispiel in der Renten- oder Krankenversicherung. Und natürlich braucht derjenige in seiner akuten Situation oft finanzielle Hilfe. Diese Unterstützung liegt ebenfalls in der Hand der Gemeinschaft. Und da gibt es von "peinlich wenig" bis "Auto plus X" alles. Manche Ordensgemeinschaften richten ihren früheren Mitgliedern sogar die neue Wohnung ein. Allerdings gehen diese organisatorischen und finanziellen Fragen nicht immer ganz glatt ab. Für solche Fälle gibt es bei der Ordensobernkonferenz eine Schlichtungsstelle. Aber auch an die Ordensreferate in den Diözesen können sich ausgetretene Ordensleute wenden. Übrigens ist es von Rom her eigentlich so vorgesehen, dass Ordensfrauen und -männer in ihrer Ausbildung ein Grundwissen in finanziellen und organisatorischen Fragen mitbekommen sollten.

Frage: Welche weitere Unterstützung brauchen ausgetretene Ordensleute – jenseits der Finanzen?

Kluitmann: Viele wünschen sich geistliche Begleitung, teilweise auch eine therapeutische Begleitung oder Supervision. Auch Freunde, Bekannte und Familie können wertvolle Ansprechpartner sein.

Bekannte Orden: Benediktiner, Dominikaner und mehr...

Die kirchliche Ordenslandschaft ist bunt und vielfältig. Zahlreiche unterschiedliche Ordensgemeinschaften prägen das geistliche Leben in Deutschland. Katholisch.de stellt bekannte Orden mit ihrer Geschichte und ihren Traditionen vor.

Frage: Wie reagieren die Orden, wenn jemand austritt?

Kluitmann: Um im Bild von Ehe und Scheidung zu bleiben: Die Orden reagieren so unterschiedlich wie verlassene Ehepartner. Das kann sehr gut laufen: So wie es Aufnahmerituale gibt, gibt es teilweise auch Abschiedsrituale. Dann bekommt das scheidende Ordensmitglied beispielsweise in der Vesper noch den Segen, es treffen sich alle nochmal zu einem gemeinsamen Essen. Manchmal gibt es auch im Nachhinein noch informelle Kontakte. Die Ehemaligen bekommen eine Einladung zum Provinztag oder es wird ein Extra-Treffen der Ex-Mitschwestern oder -brüder veranstaltet. Manche Ehemalige schließen sich einem sogenannten Dritt-Orden an, Gemeinschaften von Laien, die einem Orden eng verbunden sind. Oder sie behalten bestimmte Aufgaben, leiten zum Beispiel weiter den Chor. Gäbe es von Seiten des Ordens Kontaktverbote, wäre das für mich ein Alarmzeichen. Der Umgang mit denen, die gehen, ist ein Indikator für die Gesundheit der Gemeinschaft – bis hin zum Stichwort "geistlicher Missbrauch". Wer geht, darf nicht unter Druck gesetzt oder auf irgendeine Weise bestraft werden. Andererseits ist es aber vollkommen legitim, wenn das Ex-Ordensmitglied sagt, da ist etwas für mich abgeschlossen und ich will keinen Kontakt. 

Frage: Ist das Thema Ordensaustritt ein Tabu-Thema?

Kluitmann: Ich erlebe da eigentlich keine Tabus. Sicher gibt es kirchenfeindliche Kreise, die es gut finden, wenn sich jemand "aus den Fängen der Kirche" befreit. Aber genau das ist ja meist nicht der Fall. Man verlässt den Orden, nicht die Gottesbeziehung und die Kirche. Aber auch innerkirchlich sind Austritte nicht mehr geächtet. Ich könnte Ihnen viele Namen von Frauen auf höheren kirchlichen Ebenen etwa von Diözesen nennen, die früher einmal Ordensfrauen waren. Übrigens gibt es auch Übertritte von einem Orden in den nächsten – zum Beispiel aus spirituellen Gründen. Es könnte jemand von einer kontemplativen Gemeinschaft in eine tätige gehen oder umgekehrt. Da sind heute beide Wege möglich. Früher war es leichter, von einer tätigen in eine kontemplative Gemeinschaft zu gehen als andersherum, weil das sozusagen noch eine Portion mehr an Frömmigkeit zu sein schien. Da sind wir heute glücklicherweise weiter!

Von Gabriele Höfling