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So wie Bruce Springsteen: Offen über Depression reden!

Bruce Springsteen und die bald beginnende Woche für das Leben haben eines gemeinsam: Beide wollen, dass psychische Krankheiten kein Tabu mehr sind. Auch Dominik Blum unterstützt dieses Anliegen - und sieht besonders die Christen in der Pflicht.

Von Dominik Blum |  Bonn - 02.05.2019

Fast scheint es, als wolle der Boss persönlich das Anliegen der diesjährigen Woche für das Leben unterstützen. Mehr als fünf Jahre mussten die Fans von Bruce Springsteen auf neue Songs warten. Ende April kündigte der Altrocker für den 14. Juni sein neues Album "Western Stars" an, mit Musik, die vom Pop der Siebziger aus Südkalifornien beeinflusst sei. Der erste Track wurde dann am vergangenen Freitag veröffentlicht. In "Hello Sunshine" setzt sich Springsteen zu melancholischem Westcoast-Country-Pop mit den eigenen Depressionen auseinander. Von heartbreak, pain und dem Blues ist die Rede. Und von seiner Vorliebe für menschenleere Straßen und den grauen Himmel. Der Refrain klingt da wie eine Bitte an trüben Tagen: "Hello Sunshine, won't you stay?"

Als Springsteen in seiner Autobiografie "Born to run" öffentlich darüber sprach, dass ihn lebenslang schwere Depressionen und Suizidgedanken quälten, war überall von einer 'Beichte' die Rede. Genau da setzt die Woche für das Leben 2019 mit ihrem Thema "Leben schützen, Menschen begleiten, Suizide verhindern" an. Warum muss man Burnout und Lebensangst beichten, während Prostatakrebs und Diabetes normale Erkrankungen sind? Warum sind psychische Probleme, die im schlimmsten Fall zu Suizidversuchen führen können, ein Tabuthema, über das in Nachbarschaft und Kirchengemeinde wenn überhaupt nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen werden kann?

Etwa 10.000 Menschen nehmen sich in Deutschland jährlich das Leben, die meisten von ihnen sind Männer über 70. Zehn- bis vierzigmal so viele Suizidversuche sind zu verzeichnen, sehr viele werden von jungen Frauen unternommen. Risikofaktoren sind Lebenskrisen, Einsamkeit, Suchterkrankungen, Haft. Der Katechismus der Katholischen Kirche spricht angesichts dessen in der deutschen Fassung leider immer noch von Selbstmord und bezeichnet ihn als Verfehlung, Verstoß, ja Ärgernis. Sogar das Seelenheil von Menschen, die sich getötet haben, wird in Frage gestellt. Kein Wunder also, dass Angehörige immer noch davon berichten, wie sie sich vor einer kirchlichen Bestattung unangenehme Fragen gefallen lassen mussten.

Enttabuisierung und Prävention von Suiziden sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wo im therapeutischen Zusammenhang von der "stellvertretenden Hoffnung" als notwendiger Haltung gegenüber Menschen in einer suizidalen Krise gesprochen wird, müssen gerade Christen aufmerksame und gesprächsbereite Helfer sein.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum ist Dozent für Theologie an der Katholischen Akademie in Stapelfeld.

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