Ein Paderborner "Domkind" mit bewegter Geschichte

Herr Peckelsen, der Jahrhundert-Pilger

Aktualisiert am 21.05.2019  –  Lesedauer: 
Franz Peckelsen
Bild: © katholisch.de

Paderborn ‐ Als Herr Peckelsen das erste Mal mit seinem Vater von Paderborn nach Verne pilgert, ist Friedrich Ebert Reichspräsident und Pius XI. Papst. Er sollte die Strecke danach noch 84 Mal gehen. Heute pilgert Herr Peckelsen zwar nicht mehr – zu erzählen hat er aber einiges: über seinen Dom, seine Kriegsgefangenschaft und seine Emmy.

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Als Franz Peckelsen das erste Mal in das kleine Dorf Verne pilgert, ist Friedrich Ebert gerade Reichspräsident und Pius XI. Papst. Der Wallfahrtstag beginnt damals um fünf Uhr morgens mit der Pilgermesse im Paderborner Dom. Wann die Gläubigen dann endlich lospilgern können, hängt in diesen Jahren vom Zelebranten ab. "Domvikar Schmittinger nahm es immer sehr genau, sein Nachfolger Schwingenheuer war später in 20 Minuten fertig", erinnert sich Herr Peckelsen. Vom Dom im Zentrum ziehen die Pilger nach Osten aus der Stadt aus. "Über die alte B1 – da konnte man früher noch hergehen – bis nach Salzkotten." Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gilt bei solchen Wallfahrten noch das Nüchternheitsgebot. Weil sie im Salzkottener Forst aber ihr mitgebrachtes Butterbrot essen, dürfen sie in Verne nicht an der Kommunion teilnehmen.

"Wir sind früher mit 1.000 Leuten gepilgert. Die Jugendverbände mit ihren Wimpeln und die Männervereine und die Frauenverbände mit ihren Fahnen." Angekommen an der Wallfahrtskirche in Verne wird die Messe gefeiert. Für die Predigt prozessiert man zu der einen Kilometer entfernten "Brünnekenkapelle". Zurück in der Kirche gibt es noch eine Schlussandacht. Und dann geht es wieder nach Paderborn. Herr Peckelsen ist fünf Jahre alt, als sein Vater ihn das erste Mal mit nach Verne nimmt. Das war 1924. Von da an ist er jedes Jahr nach Verne gelaufen. "Hin und zurück. Alles zu Fuß."

Aufgewachsen ist Herr Peckelsen "im Schatten des Domes". Er kommt auf die Domschule und ist bei den katholischen Pfadfindern. Nach der Volksschule beginnt er eine Lehre zum Orthopädie-Schuhmacher. Und immer am Sonntag nach Mariä Heimsuchung geht er nach Verne. Das Dorf liegt auf halber Strecke zwischen Lippstadt und Paderborn und ist der älteste lebendige Marienwallfahrtsort Westfalens.

Doch dann bricht der Zweite Weltkrieg aus. Ob er vor oder nach der Wallfahrt 1940 eingezogen wurde, weiß Herr Peckelsen nicht mehr genau. In jedem Fall ist er unter den ersten Rekruten, die nach nur sechswöchiger Ausbildung zur Marine nach Norwegen kommen. Hier macht Herr Peckelsen auf einem zum Kriegsschiff umfunktionierten Walfänger Jagd auf U-Boote und Seeminen. Bei Temperaturen von 40 bis 50 Grad Minus steht er an Deck und schlägt das Eis von den Tauen des Schiffes. Denn das gefrorene Seewasser wird sonst so schwer, dass das Schiff Schlagseite bekommt.

Bild: ©Fotolia.com/Tobias Arhelger

Die sogenannte Totenleuchte am Paderborner Dom (im rechten Giebel) leuchtet an jedem 17. Januar, 22. März und 27. März, um an die Luftangriffe auf Paderborn gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zu erinnern. Dazu leutet die Totenglocke.

Wie die anderen Matrosen in Norwegen, wird er nicht an andere Kriegsschauplätze versetzt und bekommt kaum Heimaturlaub. Nach Verne kann Herr Peckelsen während des Krieges deshalb nicht gehen. "Die Jahre sind für mich ausgefallen", bemerkt er auf seine trockene westfälische Art. 1942 ist er dann doch mal wieder in Paderborn, als seine Eltern Nachricht aus dem sauerländischen Niedermarsberg erhalten: Sophie ist gestorben. Lungenentzündung, heißt es. Aber das stimmt nicht. Seine geistig behinderte Schwester, das einzige Mädchen unter den sechs Kindern, war damals im Johannes-Stift untergebracht, einer Heilanstalt. "Euthanasie", sagt Herr Peckelsen nur.

Erst drei Jahre später, kurz vor Ostern 1945, kommt Herr Peckelsen wieder in seine Heimat. Sein Kommandant hatte ihm – wohl das nahende Ende des Krieges vor Augen – Heimaturlaub gestattet. Eines Abends geht Herr Peckelsen gerade über den Rathausplatz, als es plötzlich Fliegeralarm gibt. "Der nächste Luftschutzkeller war unter dem alten Amtsgericht", keine 25 Meter von den Fundamenten des Domes entfernt. Herr Peckelsen rennt. In dem Moment, in dem er den Einstieg erreicht, schlagen die ersten Bomben ein. "Da bin ich durch die Explosion so richtig in den Keller reingeflogen. Hab Glück gehabt." Das Bombardement durch britische Fliegerverbände dauert nur eine knappe halbe Stunde. Doch die Mischung aus Spreng- und Brandbomben zeitigt verheerende Wirkung auf den Stadtkern: "Als ich aus dem Keller trat, war alles am Brennen." Auch der Dom hatte einen Volltreffer bekommen.

"Wir konnten die Türme der Kathedrale von Chartres immer sehen"

Weil die Feuerwehr des tobenden Feuersturms nicht Herr werden kann, brennt der Dom komplett aus. Nachts wird der Turm zu einer gewaltigen Fackel. Die amerikanischen Soldaten, die Paderborn am 1. April besetzen, müssen noch immer brennende Feuer löschen. "Und dann komme ich nach Hause, da war das elterliche Haus auch ausgebombt", sagt Herr Peckelsen. Die Familie überlebt und kommt zunächst in der Garage von Verwandten im Norden der Stadt unter.

Die Amerikaner fragen Herrn Peckelsen schließlich, ob er Soldat sei. Er verneint. Seine Uniform und sein Soldbuch hatte er bei Bekannten versteckt. Doch bei einer Hausdurchsuchung werden seine Sachen gefunden. Herr Peckelsen muss in Kriegsgefangenschaft. Zusammen mit knapp 40.000 weiteren Soldaten kommt er in ein Lager vor den Toren der nordfranzösischen Stadt Chartres. Herr Peckelsen ist auch in diesem Jahr nicht unter den Paderbornern, die aus den Trümmern ihrer Stadt nach Verne pilgern.

Eine Mutter geht mit ihrem Kind durch die zerstörte Stadt Paderborn, im Hintergrund ragt die Ruine des Domes auf.
Bild: ©pdp / Erzbistum Paderborn

Noch 1949 gingen die Paderborner durch eine Stadt in Trümmern. Das Schiff des Domes hatte schon ein Notdach bekommen, aber der Turm ragte weiterhin als leeres Gehäuse in den Himmel. Erst Anfang der 1950er Jahre erhielt er seine charakteristische Turmhaube zurück.

Die Versorgung im Lager ist schlecht, Herr Peckelsen magert stark ab. Wenn es dann Essen gibt, sieht er Andere, die sich überessen und daran sterben. Er sieht die "Intelligenten und Studierten", wie er sagt, die im erzwungenen Nichtstun nichts mehr mit sich anzufangen wissen. "Die tauschten nach kurzer Zeit ihre Eheringe gegen Zigaretten." Herr Peckelsen hat Glück im Unglück. Er kommt ins Lazarett. Dort fragen ihn die Ärzte zuallererst, ob er Sanitäter sei. "Und man war ja all das gewesen, was sie einen fragten. Man war schon verheiratet, man war Sanitäter …" Den Gefangenen geht es nur darum, die eigene Haut zu retten. Verheiratet war Herr Peckelsen noch nicht, bei der Marine hatte er aber tatsächlich eine medizinische Grundausbildung bekommen.

Monatelang wechselt Herr Peckelsen Verbände und setzt Spritzen. Und er lernt einen deutschen Geistlichen kennen, der mit Erlaubnis der Franzosen zu den Gefangenen kommt: Abbé Franz Stock. "Das war ein fürsorglicher, emotionaler Mensch, der den Menschen immer mit einem Stückchen Hoffnung und Mut begegnete." Stock gilt heute als Wegbereiter der deutsch-französischen Freundschaft. Auch Herrn Peckelsen merkt man die Hochachtung vor dem in Paderborn geweihten Priester immer noch an.

Eine andere Art von Pilgerschaft

Neben dem Lazarett liegt die Lagerbäckerei. Und Herr Peckelsen findet heraus, dass dort noch ein weiterer Paderborner arbeitet. Abends, wenn Herr Peckelsen Verbände und Bettlaken wäscht, kommt der Bäcker vorbei. "Der brachte dann ein bisschen frisches Weißbrot mit" und die beiden unterhalten sich. Sie treffen eine Vereinbarung: Derjenige von ihnen, der als erster in die Heimat zurückkommt, sollte der Familie des jeweils anderen sagen, dass der Sohn oder Ehemann überlebt hat.

"An Sankt Martin 1946 kam ich aus der Gefangenschaft", sagt Herr Peckelsen. Vor seinem Kameraden dem Lagerbäcker. Und er hält sein Versprechen. Das Haus des Bäckers in Paderborn ist auch ausgebombt worden. Deshalb fährt er Mitte Oktober mit der Bahn nach Bad Driburg. Dort ist die Frau des Bäckers untergekommen. Nachdem Herr Peckelsen seine Nachricht überbracht hat, muss die Familie noch ins Nachbardorf. Nur Emmy, die Schwester der Frau des Lagerbäckers, bleibt zuhause. Die beiden unterhalten sich. Eine Freundin, die zufällig vorbeikommt, sagt Emmy beim Rausgehen: "Du Emmy, das will ich dir gleich sagen: Das wird dein Mann." Herr Peckelsen muss lachen. Für ihn beginnt eine andere Art von Pilgerschaft: Jeden Sonntag nach dem Mittagessen läuft er los. Nach Driburg, um Emmy zu treffen. Und abends dann zurück, sodass er gegen Mitternacht wieder Zuhause ist. "Das sind insgesamt gute 50 Kilometer gewesen."

Generalvikar Alfons Hardt verleiht Herrn Peckelsen den Orden "Pro Ecclesia et Pontifice".
Bild: ©pdp/Maria Aßhauer

2013 bekommt Herr Peckelsen in Verne den päpstlichen Verdienstorden "Pro Ecclesia et Pontifice" durch Generalvikar Alfons Hardt verliehen.

Die durchgelaufenen Sohlen des Schuhmachers haben sich gelohnt, Herr Peckelsen und Emmy verloben sich 1947. Im gleichen Jahr läuft sie auch zum ersten Mal mit ihm nach Verne. "Sie hatte ja einen kleinen Hüftschaden, aber sonst war sie eine ganz prächtige Frau", sagt Herr Peckelsen. Am 17. November 1949 feiern sie in St. Peter in Bad Driburg Hochzeit. Seitdem spricht Herr Peckelsen von "seiner" Emmy. Das Ehepaar bekommt eine Wohnung am Busdorfwall zugeteilt: klein, aber mit einem sehr schönen Wohnzimmer. "Ich sag immer: Da war ein Engel im Wohnungsamt mehr wert als zehne im Himmel." Herr Peckelsen lacht wieder sein helles Lachen.

Herr Peckelsen und seine Emmy sind nicht nur zusammen gepilgert, sondern haben auch eine Ansprache des Wanderpredigers Johannes Leppich miterlebt. Der Mann, der "Maschinengewehr Gottes" genannt wurde, tritt Ende der 50er Jahre auf dem kleinen Domplatz auf. "Der zog ordentlich vom Leder und fand klare Worte. Der Platz war voll mit tausenden jungen Menschen und sogar Eltern mit ihren Kindern." Emmy und Herr Peckelsen sind ihr Leben lang kirchlich sehr engagiert: erst im Leppich-Kreis, dann in der Equipe Notre-Dame. Außerdem ist Herr Peckelsen Mitglied im Kolpingwerk. "Bin nächstes Jahr im Januar 70 Jahre drin", sagt er.

Handwerksmeister mit 80-Stunden-Woche

Die ersten Jahre nach dem Krieg macht Herr Peckelsen Gelegenheitsjobs, "was gerade so anfiel", Emmy näht. 1950 kann er sich selbstständig machen. In der ersten Zeit gibt es sehr viel zu tun. Herr Peckelsen arbeitet bis zu 80 Stunden die Woche. "Wenn ich Freitagsmorgens zur Arbeit ging, kam ich erst Samstagabend wieder", erinnert er sich.

Das viele Arbeiten habe er aber nicht lange durchgehalten. Deshalb lässt sich Herr Peckelsen Ende der 1960er Jahre eine Stelle als Arbeitserzieher vermitteln. Nach vier Jahren kehrt er jedoch in seinen alten Beruf zurück. Bis zu seiner Rente bleibt er Schuhmacher. Aber: "Im Handwerk fließt das Geld nicht so, wie man sich das wünscht. Deshalb hat Emmy auch die Wäsche gemacht, für die Familien im Südviertel. Das hat uns schon viel geholfen." Emmy kann irgendwann nicht mehr so häufig mit nach Verne pilgern, wegen ihrem Hüftschaden. Sie wartet dann immer am Marienplatz auf Herrn Peckelsens Rückkehr. Irgendwann geht auch das nicht mehr. 2008 ist Emmy gestorben.

Herr Peckelsen steht hinter dem Tresen der Informationsstelle des Paderborner Domes.
Bild: ©katholisch.de

Herr Peckelsen 'im Dienst': Die ehrenamtlichen Mitglieder der Domgilde sind erste Ansprechpersonen für Besucherinnen und Besucher des Gotteshauses.

2013 hat die Stadtwallfahrt nach Verne Jubiläum: Denn die Paderborner pilgern in diesem Jahr seit einem Vierteljahrtausend zur "Trösterin der Betrübten". Fürstbischof Wilhelm Anton von der Asseburg hatte die Stadtwallfahrt 1763 offiziell eingeführt. Auch für Herrn Peckelsen ist es ein besonderer Tag. Denn ihm wird der päpstliche Orden "Pro Ecclesia et Pontifice" verliehen. Vorher sei der Generalvikar zu ihm gekommen und habe ihn gefragt, wo man ihm den Verdienstorden denn verleihen solle. "Och, sag ich, wenn Verne schon der Anlass ist, dann in Verne!" Ob er stolz auf den Orden ist? Nein, lenkt Herr Peckelsen bescheiden ein. Es hätte ja noch so viele gegeben, die genauso häufig oder nur ein bisschen weniger häufig nach Verne mitgegangen seien als er. Nur seien die eben vor ihm verstorben. "Hätte man ja selber nicht geglaubt, dass man mal so ein Alter erreicht."

Heute ziehen keine Pilger mehr über die B1. Dafür ist dort zu viel Verkehr. Die Wimpel und Fahnen fehlen. Und hinter der ehemaligen Mülldeponie Alte Schanze verteilen die Malteser nun Kaffee oder Tee, denn das Nüchternheitsgebot gilt schon lange nicht mehr. "Viele Jahre sind es noch 300 bis 400 Teilnehmer gewesen", sagt Herr Peckelsen. Auch sein Sohn sei einige Male mitgekommen. "In den letzten Jahren hat man aber nur noch zwei Gruppen zu je 40 bis 50 Pilgern zusammengekriegt", sagt Herr Peckelsen. Seine Kinder, seine Enkel und Urenkel gehören nicht dazu.

"Ich bin jetzt über 85 Male nach Verne gegangen", sagt Herr Peckelsen. Wenn man das hochrechnet, entspricht das der Strecke von Paderborn bis Jerusalem. Heute kann auch Herr Peckelsen nicht mehr nach Verne pilgern.  Er habe jetzt eben ein paar Handycaps. Am 21. Oktober wird er hundert. Doch nur in der Wohnung bleiben, will er auch nicht. "Ich hab ja meinen Dienst im Dom."

Herr Peckelsen ist Mitglied der Domgilde und jeden Freitag bemannt er die Information des Gotteshauses. Sein Wissen ist gefragt: "Franz, du musst kommen", sagen seine Kollegen. "Auch wenn du nicht mehr gut sehen kannst, du weißt so viel, du kannst immer Auskunft geben, wo was ist." Herr Peckelsen ist eben ein Domkind, hat fast sein ganzes Leben im Schatten des Domes gelebt. "Man kommt in Kontakt mit Menschen, das bereitet mir Freude." Herr Peckelsen gibt sein Wissen gerne weiter. Er weiß noch genau, wie der alte Dom aussah. Und auch die aktuellen Veränderungen hat er genau im Blick: "Jetzt wollen sie einen Aufzug zur Krypta bauen. Denn sonst kommen da keine Behinderten hin!" Erzbischof Hans-Josef Becker meinte vor kurzem zu ihm: "Herr Peckelsen, bleiben Sie wacker, ich möchte die zwei Nullen bei Ihnen sehen!" Darauf antwortete Herr Peckelsen: "Hauptsache die eins bleibt davor stehen, sonst kriege ich zu viel Besuch."

Von Cornelius Stiegemann