Jesus Wüste
Ein Interview mit dem Bamberger Dogmatiker Jürgen Bründl

"Ohne Teufel wäre der Glaube zu schön, um wahr zu sein"

Papst Franziskus spricht immer wieder über den Teufel. Was können die Menschen in Deutschland damit anfangen? Spielt der Teufel im Glaubensleben noch eine Rolle? Nein, meint der Bamberger Dogmatiker Jürgen Bründl – und erklärt, warum die Theologie trotzdem am Teufel festhält.

Von Tobias Schulte |  Bonn - 14.07.2019

Frage: Herr Bründl, Papst Franziskus redet oft über den Teufel, für manche Theologen zu oft. Wenn Sie an ihre Studenten oder die Gläubigen in den Gemeinden denken: Welche Rolle spielt der Teufel in deren Glaubensleben?

Bründl: Gar keine, in der Regel. Als handlungsbestimmendes Moment hat der Teufel heute keine Aussagekraft. Für einige Menschen ist er aber bisweilen noch eine angstbesetzte Figur, demgegenüber "das ist doch Schmarrn" eine gesunde Reaktion ist.

Frage: Welche Konsequenz hat es, dass der Teufel im Glaubensleben nicht mehr vorkommt?

Bründl: Es bedeutet einen rationaleren Umgang mit Schuld, der nach Zurechnung fragt. Es ist ein großer Vorteil, wenn man erkennt, dass man selbst Schuld trägt und nicht von einem bösen Geist – oder eben dem Teufel – zu etwas veranlasst wurde.

Frage: Ist das Selbsteingestehen der Schuld denn tatsächlich ausgeprägter als früher?

Bründl: Ich glaube nicht, dass wir besonders gut darin sind, uns Schuld, die wir tragen, selbst zuzurechnen. "Wenn du das tust, dann gehörst du dem Teufel" – so eine Drohbotschaft funktioniert heute aber auch nicht mehr. Und das ist auch gut so. Die Suche nach Vertretung in der Schuld ist jedoch ein urmenschliches Bedürfnis, das es weiterhin massiv gibt. Wir befördern es heute institutionell nur nicht mehr so stark wie früher.

Jürgen Bründl
Bild: © Uni Bamberg

Jürgen Bründl lehrt Dogmatik an der Universität Bamberg. In seiner Promotion hat er sich mit einer Theologie des Teufels auseinandergesetzt.

Frage: Könnte die Kirche dann den Teufel nicht abschaffen und sich auf die positiven Botschaften konzentrieren?

Bründl: Eine harmlose Rede vom "lieben Gott" wäre einseitig und damit unglaubwürdig. Im Markus-Evangelium wird Christus als Erlöser zum Beispiel dadurch charakterisiert, dass er das Böse besiegt. Damit daraus kein Teufels-Aberglaube wird, braucht es auch eine Theologie, die das Böse und die Rettung aus seiner zerstörerischen Macht zu Wort bringt.

Frage: Weil der Glaube ohne Teufel zu schön wäre?

Bründl: Zu schön, um wahr zu sein.

Frage: Dann könnte man schlussfolgern: Es glauben immer weniger Mensch an Gott, weil der Teufel für sie keine Bedeutung mehr hat und die Glaubensbotschaften ohne Teufel unglaubwürdig sind?

Bründl: Dass der Glaube schwindet, daran sind vor allem eine Verkündigung und Theologie mitschuldig, die die wirklich drängenden Fragen der Menschen zu einfach oder gar nicht beantworten. Wir systematischen Theologen haben oft Probleme damit, zu erklären, warum unsere Aussagen eine Relevanz für das Leben der Menschen haben. Auch inhaltlich schaffen wir es nicht, deutlich zu vermitteln, was es bedeutet, dass Jesus als Christus unser Heil ist. Wir beschreiben das schnell sehr allgemein, weshalb die Leute denken: "Das ist leeres Gerede." Ich glaube aber nicht, dass der Glaube ohne den Teufel unglaubwürdig ist, sondern dass eine Theologie unglaubwürdig ist, die nicht in der Lage ist, auch die Wirklichkeiten des Bösen in der Welt zu benennen.

Frage: Relevant könnte der Glaube zum Beispiel dann sein, wenn er den Menschen im Umgang mit seiner Schuld helfen könnte. In der katholischen Kirche haben wir dafür das Sakrament der Beichte. Das steckt allerdings in der Krise…

Bründl: Ein gutes Beichtgespräch hat tatsächlich etwas Befreiendes. Ich wage aber zu bezweifeln, dass die Beichtliturgie, die das persönliche Gespräch und Sündenbekenntnis ins Zentrum stellt, dafür ausreicht. Das fängt dabei an, wie das Verhältnis zwischen dem Beichtenden und dem Priester ist. Kennen die sich überhaupt, sodass ein Gespräch entstehen kann? Oder ist das Verhältnis vielleicht zu eng, sodass man dem Pfarrer nicht alles erzählen will? Das Zweite ist: Wie gehen wir mit der Schuld um, die nicht unbedingt einem einzelnen Individuum zugerechnet werden kann? Haben wir Feierformen, die uns einen befreienden Umgang mit dieser strukturellen Schuld erlauben? Ich sage: keine angemessenen.

Frage: Was meinen sie mit Schuld, die nicht unbedingt dem Individuum zugerechnet werden kann?

Bründl: Es gibt in unserer Welt offenkundig Versuchungen, die einen nicht so entscheiden lassen, wie es gerade für die Schwächeren notwendig wäre. Man könnte die neoliberale Ökonomie als so ein System einer solchen Versuchung ansehen: als eine Struktur, die einen Lebensstil befördert, der zwar nicht mit einem persönlichen, bösen Willen ausgestattet sein muss, aber dennoch massiv Böses verursacht. Das wirtschaftliche Modell der Ersten Welt führt ja nicht nur zu Zerstörung in der Dritten Welt, sondern auch bei uns hier.

Frage: Sie denken, dass der Teufel in unserem Wirtschaftssystem steckt und uns darin versucht?

Bründl: Unser Wirtschaftssystem zerstört Leben und das kann theologisch grundsätzlich als eine teuflische Struktur bezeichnet werden. Das Böse ist aber immer etwas, das der Mensch selber tut. Wenn wir uns ein gutes Gewissen einreden für Dinge, die wir anderen antun und die eigentlich nicht zu rechtfertigen sind, dann erliegen wir der Versuchung des Bösen. Für mich zeigt die theologische Figur des Teufels keinen bösen Geist, sondern die Illusion, dass ein guter Zweck auch böse Mittel heiligt.

Frage: Glauben Sie, dass ihre Aussage das erfüllt, was Sie eben bemängelt haben – dass Sie eine Relevanz für das Leben der Menschen hat?

Bründl: Es wäre schon viel gewonnen, wenn vor Ort keiner den anderen zu einem Teufel machen würde. Die Strukturen, die im Kleinen Böses verursachen, tun es auch im Großen. Ich warne davor, sich von den eigenen Selbstverständlichkeiten leiten zu lassen, nur weil sie einem in den Kram passen. Nach dem Motto: "Wir Deutschen haben es verdient, dass es uns wirtschaftlich besser geht, denn wir sind ja fleißig." Was nichts anderes heißt als: "Die anderen sind das nicht, sie haben es verdient, arm zu sein!" Wenn diese Art illusorischer Selbstgerechtigkeit nicht mehr Platz greifen könnte, wäre auch die Macht der teuflischen Versuchung gebrochen.

Von Tobias Schulte