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Fachleute diskutieren über den Papst und soziale Marktwirtschaft

Eine Wirtschaft, die nicht tötet

Franziskus gilt als harscher Kapitalismus-Kritiker. Die Soziale Markwirtschaft würdigte er zunächst nicht. Doch das hat sich geändert. Inzwischen lobt sein Kardinal für soziale Fragen sogar das deutsche Modell.

Von Thomas Jansen (KNA) |  Rom - 13.09.2016

"Diese Wirtschaft tötet": Das Zitat aus dem Programm des Pontifikats von Franziskus, dem Schreiben "Evangelii gaudium", hat sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben wie keine zweite Aussage des amtierenden Papstes zur Wirtschaft. Gemeint war eine "Wirtschaft der Ausgrenzung und der Ungleichheit", die aus Sicht von Franziskus derzeit in der Welt vorherrscht.

Kritik an Franziskus

Für die griffige Formel gab es viel Zustimmung, aber auch viel Kritik. Auch in Deutschland bemängelten nicht nur katholische Unternehmer, Franziskus würdige das Konzept der Sozialen Marktwirtschaftnicht ausreichend, die schließlich maßgeblich von evangelischen und katholischen Christen entwickelt worden sei.

Solchen Kritikern versuchte Kurienkardinal Peter Turkson, Franziskus' Mann für soziale Fragen, am Dienstag in Rom offenbar den Wind aus den Segeln zu nehmen. Turkson stimmte ein Loblied auf das deutsche Modell der Sozialen Markwirtschaft an. "Dieses Ethos muss erneuert und gestärkt werden", sagte er bei einer Konferenz mit dem Titel "Die Wirtschaft nach Franziskus". Dann könne Unternehmertum zu einer "edlen Berufung" werden.

Offenbar sieht Turkson die Soziale Markwirtschaft gegenwärtig jedoch auch in Deutschland in Not. Das sagte der Geistliche aus Ghana zwar nicht direkt; er verwendete in den betreffenden Passagen jedoch durchgehend die Vergangenheitsform. "In der ursprünglichen Sozialen Markwirtschaft hat die Wirtschaft ihre soziale Verantwortung, ihre Verpflichtung zum Gemeinwohl akzeptiert", so der Kardinal. Hier habe ein Bewusstsein dafür geherrscht, dass es nicht nur um das Wohl der Aktionäre gehe. "Dies war in Deutschland besonders deutlich", erklärte der Präfekt der neu geschaffenen vatikanischen Behörde für ganzheitliche Entwicklung des Menschen.

Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson.
Bild: © KNA

Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson.

Dass Turkson die Soziale Markwirtschaft made in Germany derart lobte, mag auch mit seiner Gastgeberin zu tun haben. Das war die deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Annette Schavan. Zusammen mit ihrem österreichischen und niederländischen Kollegen hatte sie die halbtägige Konferenz organisiert. Doch das allein dürfte nicht der Grund sein. Papst Franziskus selbst hatte sich die Kritik an einer bisweilen als zu pauschal empfundenen Verurteilung des gegenwärtigen Wirtschaftssystems zu Herzen genommen. Das jedenfalls legte seine Rede anlässlich der Verleihung des Internationalen Karlspreises im Mai nahe, als er sich positiv über die Soziale Marktwirtschaft äußerte.

Nötig sei eine Suche nach Wirtschaftsmodellen, "die in höherem Maße inklusiv und gerecht sind", sagte er damals im Vatikan. Das verlange den Übergang von einer "verflüssigten" Wirtschaft zu einer sozialen Wirtschaft. "Ich denke zum Beispiel an die soziale Marktwirtschaft, zu der auch meine Vorgänger ermutigt haben". Zuvor hatte er bereits während seiner USA-Reise im vergangenen September deutlich mildere Töne angeschlagen und auch positive Ansätze in der gegenwärtigen Wirtschaft gewürdigt.

Franziskus' Vorstellungen von einer gerechteren und nachhaltigen Wirtschaft müssen kein Wunschtraum bleiben. Sie sind teils sogar bereits Wirklichkeit; diese Ansicht vertrat am Dienstag jedenfalls ein Banker aus Österreich. Dazu stellte Gordian Gudenus von der Bank Gutmann in Wien eine zunächst verblüffende These auf: Familienunternehmen setzten schon jetzt das um, was Franziskus von der Wirtschaft fordere.

Wohlstand für alle

Nicht etwa weil katholische Unternehmer bessere Menschen seien, sondern aus strukturellen Gründen. Familienunternehmen seien von Natur aus auf Nachhaltigkeit ausgerichtet, weil es gelte, das Unternehmen an die nächste Generation zu übergeben. Zudem könnten sie auf einen großen Erfahrungsschatz früherer Generationen in der Unternehmensführung zurückgreifen, was ebenfalls Nachhaltigkeit fördere. Drittens seien Familienunternehmen durch ihre stärkere Verwurzelung im lokalen Umfeld mehr als andere Firmen daran interessiert, in der Öffentlichkeit möglichst gut dazustehen. Kurzum: Wohlstand für alle ist auch mit Papst Franziskus möglich.

Von Thomas Jansen (KNA)