Hände ziehen an einem Tau
Schwester Ursula Hertewich über das Sonntagsevangelium

Jesus, der Unruhestifter? Warum Gott so herausfordernd sein kann

Zwietracht und Spaltung? Jesu Worte klingen alles andere als einladend. Doch es sind gerade die schwierigen Momente, die uns innerlich wachsen lassen, weiß unsere Autorin Schwester Ursual Hertewich.

Von Sr. M. Ursula Hertewich OP |  Arenberg - 17.08.2019

Impuls von Schwester Ursula Hertewich

Ruhe und Frieden sind hoch im Kurs. Jedenfalls stelle ich das fast täglich im Gespräch mit unseren Gästen fest. Die meisten von ihnen kommen zu uns ins Kloster, weil sie in einer bewegten Lebenssituation zur Ruhe kommen und Frieden finden wollen. Ich finde es spannend, dass insbesondere Menschen, die kirchlich ungebunden sind, und denen der christliche Glaube nur wenig vertraut ist, ausgerechnet hinter Klostermauern den Frieden wittern. Und tatsächlich bekommen wir Schwestern häufig zurückgemeldet: "Sie strahlen ja alle eine solche Ruhe und Zufriedenheit aus, das tut einfach gut."

Wenn mir anfangs solche Äußerungen zu Ohren kamen, glaubte ich immer, die Wahrnehmung der Gäste zurechtrücken zu müssen: Tag für Tag erlebe ich ja unsere Gemeinschaft "von innen", spüre zwischenmenschliche Spannungen und Konflikte, die zuweilen eine große Belastung und Zerreißprobe für das alltägliche Miteinander darstellen. Es ist und bleibt eine große Herausforderung, zusammen mit 45 Menschen, die man sich noch nicht einmal ausgesucht hat, Leben zu gestalten. Dennoch kann ich nicht leugnen, dass mich persönlich diese Lebensform in dieser konkreten Gemeinschaft glücklich und zufrieden macht, und den meisten meiner Mitschwestern geht es glücklicherweise genauso.

Diese Widersprüchlichkeit hilft mir, das heutige Tagesevangelium zu verstehen. "Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen", sagt Jesus zu seinen Jüngern, und "Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen? Nein, sage ich, sondern Spaltung!" Zunächst einmal schroffe Worte, die aus dem Munde Jesu eher verstörend als einladend klingen. Wer will schon mit läuterndem Feuer konfrontiert werden? Was bleibt denn nach einer solchen "Feuertaufe" überhaupt noch von uns übrig? Und haben wir nicht auch ohne Jesus schon genug mit Spaltung und Zwietracht in dieser Welt zu kämpfen?

Meine eigene Erfahrung zeigt tatsächlich, dass die Ausrichtung des Lebens auf Gott mit Auseinandersetzungen und immer neuen Ent-Scheidungen verbunden ist. Manchmal laufen diese Kämpfe im eigenen Herzen ab, manchmal auch auf zwischenmenschlicher Ebene. "Wer es mit Gott zu tun bekommt, hat die ruhigsten Zeiten seines Lebens in der Regel hinter sich!", sagte einmal schmunzelnd ein befreundeter Theologe.

Umgekehrt erlebe ich bei mir selbst und vielen anderen, wie gerade die ungeliebten Krisen und ausgestandenen Kämpfe manchmal unmerklich zu einem Mehr an Lebensqualität führen. Für mich ist es faszinierend: Diejenigen unserer älteren Mitschwestern, die die größte Zufriedenheit ausstrahlen, sind meist auch diejenigen, die in ihrem Leben am meisten zu kämpfen hatten. Diese Wirklichkeit ermutigt mich, nicht eher zu ruhen, bis ich der tiefen Wahrheit meines Lebens auf den Grund gegangen bin, allen Widerständen zum Trotz.

Von Sr. M. Ursula Hertewich OP

Evangelium nach Lukas (Lk 12,49-53)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen! Ich muss mit einer Taufe getauft werden und wie bin ich bedrängt, bis sie vollzogen ist. Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Spaltung.

Denn von nun an werden fünf Menschen im gleichen Haus in Zwietracht leben: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei; der Vater wird gegen den Sohn stehen und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.

Die Autorin

Sr. Ursula Hertewich OP ist promovierte Apothekerin und Buchautorin. Sie arbeitet in der Seelsorge des Gästehauses des Dominikanerinnen-Klosters Arenberg.