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Die Wortmeldungen von Benedikt XVI. gefährden die Einheit der Kirche

Eigentlich wollte Benedikt XVI. nach seinem Amtsverzicht ein Leben in Stille und Gebet führen. Doch in der Vergangenheit hat er sich immer wieder öffentlich zu Wort gemeldet. Das ist eine große Gefahr für die Kirche, findet Roland Müller.

Von Roland Müller |  Bonn - 29.08.2019

Roland Müller, katholisch.de

Er hat es wieder getan: Benedikt XVI. hat sich öffentlich zu Wort gemeldet – wie schon so oft, seit seinem Amtsverzicht im Jahr 2013. Damals hatte er angekündigt, er wolle der Kirche "durch ein Leben im Gebet dienen". Doch aus der Stille des kleinen Vatikan-Klosters Mater Ecclesiae, in dem der 92-Jährige den Ruhestand verbringt, dringt nun mit fast schon gewohnter Regelmäßigkeit seine Stimme an die Öffentlichkeit. So auch jetzt wieder in Form eines Leserbriefs in der "Herder Korrespondenz".

Das ist nicht alles: Ebenso regelmäßig empfängt der ehemalige Pontifex eine Vielzahl von Gästen – seien es Mitglieder des Ratzinger-Schülerkreises, Trachtenabordnungen aus der bayerischen Heimat oder Mönche aus dem Stift Heiligenkreuz. Oft posten die Besucher danach in den sozialen Netzwerken Fotos, die sie an der Seite des emeritierten Papstes zeigen. Sie gleichen Fans, die sich mit einem Promi fotografieren lassen und damit seine öffentliche Präsenz weiter fördern.

Genau diese Präsenz des emeritierten Papstes ruft regelmäßig Kritiker auf den Plan, die Benedikt zu größerer Zurückhaltung auffordern. Diese Kritik ist mehr als berechtigt, denn ein Leben in Schweigen und Gebet, wie es der emeritierte Papst eigentlich führen wollte, sieht anders aus. Selbstverständlich ist es für den ehemaligen Pontifex als herausragenden Theologen und Intellektuellen von Weltrang besonders wichtig, sich über aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten. Auch der Kontakt mit Freunden und anderen Geistesgrößen muss ihm möglich sein.

Doch die regelmäßigen Wortmeldungen des Papa emeritus in theologischen Debatten gefährden die Einheit der Kirche – selbst wenn es, wie meist bewusst betont wird, mit Papst Franziskus abgestimmt ist. Denn mit einem emeritierten Papst im Vatikan befindet sich die Kirche in einer emotional und machtpolitisch heiklen Situation, die die Gefahr einer Spaltung in sich birgt.

Emotional heikel ist die Situation, da viele Gläubige die Meinung vertreten, Papst sei man bis zum Tod. Sie sehen Benedikt - selbst wenn sie vom Rücktritt enttäuscht waren - weiterhin als Pontifex. Machtpolitisch heikel ist sie, da sich konservative Gruppen in der Kirche vom Auftreten und den Entscheidungen von Papst Franziskus bedroht fühlen und den Einfluss, den Benedikt auch nach seinem Rücktritt noch besitzt, für sich nutzen wollen – wohl auch dadurch, dass sie ihn ermutigen, weiterhin öffentlich in Erscheinung zu treten. Daher wäre der emeritierte Papst gut beraten, sein gegebenes Versprechen zu beachten und sich in Zurückhaltung zu üben – zum Wohl der Kirche.

Von Roland Müller

Der Autor

Roland Müller ist Redakteur bei katholisch.de

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