Papst Franziskus
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Kolumne: Römische Notizen

Der Papst und seine Generalaudienz

Woche für Woche das gleiche Schauspiel: Tausende Menschen aus aller Herren Länder strömen in den Vatikan, um den Papst zu sehen. Warum nur? Unsere Kolumnistin Gudrun Sailer hat eine Generalaudienz mit Franziskus auf dem Petersplatz besucht.

Von Gudrun Sailer |  Rom - 04.09.2019

Gudrun Sailers Kolumne Römische Notizen (Bildquelle: Fotolia.com/Delphotostock/BillionPhotos.com)

Gibt es eigentlich auf der Welt noch andere Monarchen, die große Sammelaudienzen halten? Ich meine ja, würde die Queen welche offerieren, dann kämen die London-Touristen in erklecklicher Zahl, einzeln und in Busladungen vom Kreuzfahrtschiff, um Majestät mal aus der Nähe zu sehen, ihren Palast zu begutachten und in Bild und Ton zu dokumentieren: been there, done that. Bedauerlicherweise hält die Queen nur Privataudienzen. Was sollte sie den Leuten auch sagen, wenn sie zu Hunderten vor ihr stünden mit dem einzigen Anliegen, sie zu filmen?

Der Papst hat es da besser. Gefilmt und bejubelt wird auch er, das ist unausrottbar Teil des Arrangements. Aber im Unterschied zur Queen steht er als Kirchenoberhaupt nicht für sich selbst, für ein Land, eine Regierungsform oder auch fürs Nettsein miteinander. Der Papst ist als religiöse Figur gewissermaßen nicht er selbst. Er ist durchlässig. Er verkündet die Frohe Botschaft, er redet vom Heil, das Gott für den Menschen will. Eines seiner bewährten Instrumente dazu ist der Mittwochs-Termin im Vatikan.

Rosenkranz beten bis der Papst vorbeikommt

Und so strömen sie zusammen: Aufgekratzte Firmlinge aus italienischen Bistümern mit zugehörigem Bischof, der gleich am Telefon im Interview resümieren wird, wie toll es für die jungen Leute war. Eine Trachtenkapelle aus dem Salzburgischen. Familien mit Kindern im Rollstuhl. Frisch in Rom eingetroffene Seminaristen aus den USA. Schwestern eines internationalen Ordens, alle Hautfarben, gleicher Habit. Hinter mir sitzen indische Eheleute mit einem Baby, das dem Papst - oder der Hitze? - wenig abgewinnen kann. Tief ergriffen ist dafür die Frau aus Brasilien neben mir. Und während Tausende ihre Smartphones startklar machen, steht weiter hinten ein schönes, ganz junges Paar aus Polen, das tatsächlich Rosenkranz betet, bis der Papst kommt.

Orgel und Jubel setzen gleichzeitig ein. Die Großbildschirme verraten: Franziskus ist erschienen. Er steht auf der Ladefläche eines offenen weißen Jeep, Spezialanfertigung, und fährt durch die abgezirkelten Schneisen auf dem Petersplatz. Alle ran an die Schneisen, alle rauf auf die Stühle, Fimlinge, Schwestern, Pfarrer, alle. Wer jetzt kein Handy zückt, der hat gar keins. Da! Er kommt! Der Papst schaut im Vorbeifahren nach links und rechts, er lächelt und segnet in die hochgereckten Telefone und fährt dahin in einer gleichmäßigen Wolke des Jubels, die aufebbt, wenn er in Sichtweite gerät, und abebbt, wenn er vorbei ist (dann werden die Videos gecheckt). Heute lässt er den Wagen nicht anhalten, aber fleißige Medienkollegen haben einmal addiert, dass Franziskus über die Jahre gut 800 Kinder und Jugendliche zu sich auf den Jeep gebeten hat. Er drehte mit ihnen eine Runde auf dem Petersplatz. Ist nicht direkt Evangelisierung, vergisst man aber nicht so schnell im Leben, wenn man dabei war.

Papst Franziskus inmitten von Ministranten auf dem Petersplatz.

Bei der internationalen Ministrantenwallfahrt 2015 ist Papst Franziskus wieder mit vielen jungen Menschen zusammengekommen.

Pünktlich um halb zehn startet die eigentliche Audienz mit einem päpstlichen "Buongiorno!" Jetzt wird es vielsprachig und förmlich: Priester des Staatssekretariats bringen eine Schriftstelle zu Gehör, auf Italienisch, Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch, Portugiesisch, Arabisch und Polnisch. Der Papst sitzt auf der Bühne im Schatten eines Daches, hinter ihm die wuchtige Fassade des Petersdoms. Sitzend, quasi vom Lehrstuhl, liest er seine Glaubensunterweisung vor. Mehrmals hebt er den Blick und spricht frei, führt einen Gedanken fort. Das kann man auch hören, er wird dann langsamer und leiser, ab und zu redet er sich in Fahrt. Und fast immer liefert Franziskus dabei die Schlagzeile. Der Apparat wird umgehend jedes Wort abtippen und nach Abnahme durch zuständige Stellen ins Redemanuskript einfügen, oder eben nicht, das Ganze in mindestens sieben Sprachen übersetzen und auf der Archivwebseite www.vatican.va zugänglich machen.

Franziskus - Freund der Kürze und der Würze

Auf dem Platz verlesen die Monsignori nacheinander in ihren Sprachen vorbereitete Kurzfassungen, ohne die freien Worte des Chefs. Jeder setzt seinen eigenen Schwerpunkt, es ist geradezu journalistische Freiheit, die da im Staatssekretariat waltet. Hernach singen die Gläubigen mit dem Papst und der Orgel das Vaterunser auf Latein, einziges Relikt der alten Kirchensprache in der Audienz. Mit einem Segen auf Italienisch, der auch mitgebrachten Rosenkränzen gilt, entlässt der Papst seine Gäste in den römischen Vormittag.

Papst Franziskus, Freund der Kürze und der Würze, hat das Format der Generalaudienz gestrafft. Eine Stunde liegt zwischen "Buongiorno" und Segen, mit der Katechese ist er in acht Minuten durch, seine Vorgänger nahmen sich doppelt so viel Zeit. Und worüber reden Päpste bei der Generalaudienz? Johannes Paul II. entwickelte über fünf Jahre jeden Mittwoch seine "Theologie des Leibes". Franziskus ist flott, er hat in sechs Jahren zwölf Themenreihen abgeschlossen, über Familie, Eucharistie, Barmherzigkeit, die Zehn Gebote oder das Vaterunser. Frisch wirkt auch seine Ansprechhaltung. Wie jeder Bischof ist er ein Lehrender, klar, aber damit die Vorlesungen verfangen, würzt er sie mit Denkanstößen und Fragen ans Gewissen, ahmt Dialoge nach, fordert die Leute auf, ihm dreimal nachzusprechen und bringt zwischendurch mal eine Episode aus "dem anderen Bistum", also Buenos Aires.

Attentat auf Papst Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 durch den türkischen Terroristen Mehmet Ali Agca. Der Papst sinkt nach den Schüssen im Papamobil zusammen.

Attentat auf Papst Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 durch den türkischen Terroristen Mehmet Ali Agca. Der Papst sinkt nach den Schüssen im Papamobil zusammen.

Audienz kommt von audire, also hören: Die Gläubigen hören den Hirten. Mindestens ebensowichtig ist bei der Generalaudienz aber das Sehen des Papstes. Und das ist keine Entwicklung des Medienzeitalters, das Nahaufnahmen, Riesenmonitore und Livestreams bietet und braucht. Das "Vorbeiziehen" des Papstes galt lange als zentrales Moment der Audienz. Den Tragesessel, den Herrschende vieler Kulturen nutzten, schickte 1978 erst Johannes Paul II. in Pension. Der weiße Jeep erfüllt heute denselben Zweck: Er macht den Papst sichtbar, hebt ihn heraus, hält ihn in Bewegung und schützt ihn vor dem Bedrängtwerden, nicht aber vor Attentaten. Johannes Paul II. fuhr im offenen Papamobil, als Ali Agca bei einer Generalaudienz 1981 auf ihn schoss.

Die Menschen wollen sich "ergreifen" lassen

Höhepunkt früher Generalaudienzen etwa in den 1950er Jahren war der Ringkuss. Den hat kein Papst gewagt abzuschaffen, aber immer mehr Gläubige wissen, dass Franziskus diese alte Geste der Verehrung nicht mag. Was ein wenig im Gegensatz zum haptischen Sinn steht, den der Argentinier wieder stärker in den Petrusdienst eingebracht hat: Mit ihm ist bei der Generalaudienz an die Seite des Hörens und des Sehens das Fühlen getreten, die Umarmung.

Das lässt sich gut beim letzten Teil der Audienz erkennen, den die Großbildschirme nicht mehr zeigen. Nach dem Segen nämlich schaut der Papst bei drei Besuchsgruppen vorbei: Da sind die "Prima-Fila-Gäste", deren Antrag auf eine Karte in der ersten Reihe ("prima fila") die Apostolische Präfektur zuvor gebilligt hat, zweitens und drittens begrüßt der Papst Frischvermählte in Hochzeitskleidern und Kranke. Bei ihnen geht ihm sichtlich das Herz auf. Das Bild, das seine Umarmung mit einem schwer entstellten Mann zeigt, hat Einzug gehalten in die Ikonografie des Papsttums. Überhaupt liegt wohl nicht falsch, wer meint, dass die Leute trotz Livestreams von weit her zur Generalaudienz strömen, weil sie sich umarmen, "ergreifen" lassen wollen. Sie wünschen sich die Erfahrung christlicher Gemeinschaft.

Katholisch musste man übrigens noch nie sein, um eine Karte für die Generalaudienz zu erhalten. Die Präfektur fragt kein Bekenntnis ab - wie auch, bei 20.000 Gästen im Schnitt? Der Papst empfängt alle, die sich vorher um Karten bemüht und am Mittwoch keinen Revolver im Rucksack haben. Und ja, er ist die einzige Weltgröße, die Sammelaudienzen anbietet. Themen und Gäste werden ihm nie ausgehen.

Von Gudrun Sailer

Kolumne "Römische Notizen"

In der Kolumne "Römische Notizen" berichtet die "Vatikan News"-Redakteurin Gudrun Sailer aus ihrem Alltag in Rom und dem Vatikan.