Panoramaaufnahme des Kölner Doms mit Blick zum Vierungsaltar aus der Froschperspektive.
Zwischen Kulturvermittlung und Verkündigungsauftrag

Abenteuer Kirchenführung: Wie vermittelt man heilige Räume?

Heute öffnen sich deutschlandweit mehr als 1.500 Kirchentüren – nicht nur zur Messe, sondern auch für interessierte Besucher. Es ist "Tag des offenen Denkmals". Und Kirchenführer versuchen zu erklären, warum der Speyerer Dom oder die "Zitronenpresse" St. Engelbert so besondere Orte sind.

Von Cornelius Stiegemann |  Bonn - 08.09.2019

Wenn Andreas Baumerich mit einer Besuchergruppe in den Kölner Dom geht, sagt er zunächst einmal gar nichts. Stattdessen sollen die Besucher die Möglichkeit bekommen, diesen besonderen Raum auf sich wirken zu lassen. "Die meisten Menschen empfinden den Dom erstmal als sehr eng. Das ist auch logisch, denn im Eingangsbereich stehen die gigantischen Pfeiler, die die Türme tragen. Wenn man dann in den Mittelgang des Langhauses tritt, finden sie sich in einem schmalen, korridorartigen Raum wieder, der sehr stark auf den Weg zum Altar hin ausgerichtet ist." Baumerich, der seit fast 20 Jahren durch den Dom und verschiedene Kirchen in Köln führt, geht es um das subjektive Wahrnehmen dieses Ortes. Dafür tritt er als Domführer selbst auch zuerst in den Hintergrund.

Denn das "Reinkommen in den Dom ist enorm wichtig", sagt er. Bei vielen Menschen beobachteten er und seine Kollegen, dass sie schon beim Betreten des Gotteshauses ruhiger würden, draußen noch geführte Gespräche verstummten. An diese Stimmung und die ersten eigenen Eindrücke der Besucher versuche er mit seiner Führung anzuknüpfen. Natürlich seien einige Gäste primär an Daten und Fakten interessiert, die teile er auch mit. Aber nicht direkt am Anfang. "Ich würde nie nach der Devise anfangen: Wir gehen jetzt einfach rein, setzen uns in eine Bank und ich erzähle Ihnen was über die Geschichte des Doms." Ihm sei sehr daran gelegen, dass "die Menschen über den Raum und über das, was sie darin sehen, eine Information über die damit verknüpfte Bedeutung erhalten." Und in einem Sakralraum ist das eben vornehmlich eine spirituelle Bedeutung.

Besucher im Dom zu Speyer

Eine Besuchergruppe steht im Dom zu Speyer.

Evangelische Kirchen werden rein funktional als Versammlungsort der Gemeinde verstanden. Das Gebäude selbst hat keine eigene Qualität, wenn darin kein Gottesdienst gefeiert wird. Im Gegensatz dazu ist eine katholische Kirche ein heiliger Ort. Dieser sakrale Charakter ist natürlich "schwer in Worte zu fassen", räumt Eva Malz ein. Sie ist Referentin für Kirchen- und Museumsführungen am Dommuseum Hildesheim. "Es ist ein besonderer Ort, an dem Besonderes stattfindet. Katholiken spüren im Dom vielleicht die Gegenwart Gottes, aber auch auf Nicht-Christen wirkt der Raum. Warum, kann man nicht erklären." Die Domführer, die Malz aus- und weiterbildet, stehen vor der Herausforderung, diesen Sakralraum Gruppen mit unterschiedlichem Vorwissen zu vermitteln – jedes Mal ein Abenteuer.

Der Dom ist eine große Bühne

Eine Kathedrale scheint da viele Anknüpfungspunkte zu bieten: "Der Kölner Dom ist wie eine große Bühne, mit dem Figurenreichtum seiner Portale oder dem Sich-Öffnen des Baus nach Oben", sagt Baumerich. Dadurch sei der Dom fast ein Selbstläufer. "Bei einer modernen Kirche müssen Sie stattdessen Hürden überwinden, insbesondere wenn der Bau nicht mit den klassischen Formen des Sakralen spielt." Der diesjährige "Tag des offenen Denkmals" am 8. September steht unter dem Motto "Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur" und bezieht sich damit hauptsächlich auf die Architektur des 20. Jahrhunderts. So wirbt auch die Deutsche Bischofskonferenz in einer Pressemitteilung für "Kirchliche Denkmale der Avantgarde": Sonderführungen sollen sowohl "Inkunabeln moderner Architektur" als auch Kirchen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts für Besucher erschließen.

Andreas Baumerich wird am Sonntag keine Gruppen führen, er hat frei und kann selbst in die Rolle des Denkmalbesuchers schlüpfen. Doch sonst bietet er über das Kölner Domforum auch Führungen durch moderne Kirchenbauten an, zum Beispiel durch die "Zitronenpresse" im Kölner Stadtteil Riehl. Diese Kirche heißt eigentlich St. Engelbert und wurde Anfang der 1930er Jahre nach Plänen von Dominikus Böhm gebaut. Ihre Formensprache unterscheidet sich auf den ersten Blick radikal vom Gewohnten. "Sie wirkt durch die großen Parabelbögen ihrer Fassade geradezu exotisch in ihrer Umgebung, die von ganz normalen Wohnhäusern eines typischen Vorortes geprägt ist. Dann wird sie durch das Podest, auf dem sie steht und die Treppenanlage noch stärker herausgehoben." Dadurch fällt der Bau jedoch nicht nur im Stadtbild auf, er gibt sich zugleich auch als Kirche zu erkennen.

Die Kirche Sankt Engelbert in Köln wird wegen ihrer ungewöhnlichen Architektur auch "Zitronenpresse" genannt.

Architekt Böhm habe Aspekte einfließen lassen, die man von Tempelarchitekturen kennt. "Wir haben eine Sockelstruktur, auf die oben ein denkmalartiger Bau aufgesetzt ist. Hier wird die Kirche als Tempel thematisiert." Über kulturelle Grenzen hinweg kann dieser Bau also als religiöses Gebäude, als Gotteshaus erkannt werden. Böhm griff aber auch klassische Elemente auf (Turm, Zentralbau, Altar) und interpretierte sie nach seinen künstlerischen und den liturgischen Vorstellungen der Zeit. Für ihn waren bei dem expressionistischen Gebäude sogar direkte Bezüge zu Kirchen der Stadt gegeben: Die Kirche St. Gereon ist auch ein mehreckiger Zentralbau und die Laterne des Vierungsturms von St. Aposteln sehe seinem Bau doch auch recht ähnlich, so Böhm. "Diese Details hat natürlich nicht jeder direkt vor Augen, da zeige ich Abbildungen. Es wäre Unsinn davon zu sprechen, ohne dass man es zeigt", sagt Baumerich.

Diese Aussage ist charakteristisch für sein Vorgehen: "Ich versuche Verbindungen für die Menschen herzustellen", außerdem zwinge er niemanden, moderne Kirchenbauten schön zu finden. "Ich biete an, ihnen bestimmte Aspekte näherzubringen. Wenn die Leute am Ende immer noch nichts damit anfangen können, dann ist das eben so." Aber wenigstens hätten sie sich dann mit dem Kirchenbau beschäftigt.

Was die Position des Altares aussagt

Man kann einen Kirchenraum unter verschiedenen Blickwinkeln wahrnehmen, die jedoch miteinander verbunden sind. Das, was man als architektonische Wirkung wahrnimmt, hat mit funktionaler Nutzung zu tun und vermittelt gleichzeitig spirituellen Inhalt. So sagt die Position des Altares viel über das aus, was und wie an ihm gefeiert wird. Das ist auch Teil von Stefan Häußlers Führungen. Der Priesteramtskandidat führt seit 2017 durch den Dom zu Speyer und vermittelt Veränderungen in der Feier der Liturgie anhand der dort vorhandenen Altäre. Durch die große Treppe über der Grablege der Salier-Kaiser ist der Bischofsaltar sehr weit von den Gläubigen im Mittelschiff des Langhauses entfernt. Deswegen werden die Gottesdienste überwiegend am Pfarraltar gefeiert, der nahezu in der Mitte des Gotteshauses steht. "Daran kann ich den heutigen Stellenwert tätiger Teilnahme der Gemeinde an der Liturgie und auch die Inhalte des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Liturgiereform erklären." Auch die – heute nicht mehr genutzten – Seitenaltäre bieten ähnliche Anknüpfungsmöglichkeiten. Vor allem von älteren Menschen bekomme er dann positive Rückmeldungen, weil sie sich noch an die alte Form der Liturgie erinnern könnten. "Für die Jüngeren, die gar nichts anderes kennen, ist es oft eine neue Erkenntnis, warum heute an anderen Orten gefeiert wird als früher."

Der Dom St. Mariä Himmelfahrt ist die Kathedrale des Bistums Hildesheim.

"Der Dom ist ein Ort lebendigen Glaubens", betont Eva Malz vom Dommuseum Hildesheim. Seine Geschichte sei mit der baulichen Vollendung keineswegs abgeschlossen: "Die Kunstwerke im Dom sind nicht nur Zierde, sondern entsprechend ihrer liturgischen Bedeutung im Raum angeordnet. Und sie werden auch benutzt. Zu besonderen Anlässen werden die Kerzen auf dem romanischen Radleuchter im Hildesheimer Dom angezündet oder Bischof Heiner Wilmer geht durch die geöffnete Bernwardstür. Auch Kunstgegenstände aus dem Dommuseum werden von Zeit zu Zeit in der Messe eingesetzt." Davon bekommen die Besuchergruppen allerdings kaum etwas mit. Denn Baumerich, Häußler und ihre Kollegen führen natürlich nur durch das Gotteshaus, wenn gerade keine Messe ist. Das heißt, die Besucher erleben den Raum doch nie seiner wirklichen Bestimmung nach, nämlich als Ort der Feier der Liturgie.

Das stellt die Kirchenführer vor Herausforderungen: "Der Museumseffekt ist natürlich ein Problem", sagt Häußler. "Viele Menschen betrachten den Dom aus den Augen eines Museumsbesuchers, vor allem, wenn sie selbst keine Gottesdiensterfahrungen haben." Er versuche den Besuchern dann zu verdeutlichen, dass dieser Raum etwas Besonderes ist. Es handele sich um einen Andersort, der von jahrhundertelanger Gottesdienstpraxis gesättigt sei. Und auch, dass Kirche heute noch in der Welt wirkt: Auf einem Paneel des noch recht jungen Chorgestühls des Speyerer Doms "ist Paul VI. zu sehen, wie er vor der UNO-Generalversammlung eine Rede hält. Ein ganz zeitgenössischer Impuls – zumindest aus der Sicht des Jahres 1970." Ein katholisches Gotteshaus ist – auch wenn sich seine Türen am "Tag des offenen Denkmals" öffnen – eben kein rein museales Denkmal, sondern Ort gelebten Glaubens.

Von Cornelius Stiegemann