Eine beschädigte Kinderpuppe liegt auf dem Boden
Start von neuem Institut zur Missbrauchsprävention

"Betroffene möchten, dass jemand persönlich Verantwortung übernimmt"

Heute nimmt das "Institut für Prävention und Aufarbeitung" seine Arbeit auf. Dessen Leiter Oliver Vogt, der bisher für das Erzbistum Köln arbeitete, will die Opfer in den Mittelpunkt stellen. Das soll durch ein spezielles Gremium sichergestellt werden.

Von Joachim Heinz (KNA) |  Köln - 17.09.2019

Bisher war Oliver Vogt Interventionsbeauftragter des Erzbistums Köln für den Umgang mit Fällen von sexuellem Missbrauch. Am heutigen Dienstag übernimmt der 49-Jährige die Leitung des neu gegründeten Instituts für Prävention und Aufarbeitung (IPA) im rheinland-pfälzischen Lantershofen. Im Interview erläutert Vogt, was das neue Institut leisten soll. Und wie er den Stand der kirchlichen Aufarbeitung in Sachen Missbrauch beurteilt.

Frage: Herr Vogt, wozu braucht es neben allen Studien, Kommissionen und Arbeitsgruppen zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche noch ein zusätzliches Institut?

Vogt: Das neue Institut soll Standards und Grundlagen für die Fortentwicklung der Präventionsarbeit und der Aufarbeitung entwickeln. Es hat nicht die Aufgabe, selber Aufarbeitung durchzuführen, sondern es soll vernetzen und Wissenschaftler, Politik und andere gesellschaftliche Gruppierungen mit den Diözesen zusammenbringen.

Frage: Warum ist das wichtig?

Vogt: Es gibt derzeit noch keine Definition dessen, was zu einer gelungenen Aufarbeitung gehört und wie eine gelungene Aufarbeitung aussehen kann. Das Gleiche gilt für die Prävention. Wir wollen die Arbeit der katholischen Kirche im Präventions- und Interventionsbereich evaluieren, sie weiter entwickeln und die Erkenntnisse auch anderen Gruppen und Institutionen zur Verfügung stellen, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Oliver Vogt im Portrait

Oliver Vogt, Leiter des neuen Instituts für Prävention und Aufarbeitung (IPA) von sexualisierter Gewalt in Lantershofen.

Frage: Das setzt eine gewisse Unabhängigkeit von der Kirche voraus.

Vogt: Das IPA ist eigenständig und wird durch Drittmittel finanziert. Ein Großteil der aktuell benötigten Gelder kommt aus dem Stiftungsbereich. In der Anfangsphase steuert der Bischöfliche Stuhl von Trier außerdem eine Anschubfinanzierung bei.

Frage: Die Idee kommt aus dem Bistum, das der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Triers Bischof Stephan Ackermann, leitet. Sie selbst sind seit Jahren Interventionsbeauftragter des Erzbistums Köln. Wie haben andere Bistümer auf die Initiative reagiert?

Vogt: Bislang durchweg positiv. Viele Bischöfe begrüßen, dass es ein solches Institut gibt, das auf einer übergeordneten Ebene Grundsatzfragen diskutieren kann.

Frage: Über den Fortgang der Aufarbeitung gibt es aber durchaus unterschiedliche Ansichten unter den Bischöfen.

Vogt: Natürlich. Eine Anforderung wird sein, die entsprechenden Bemühungen und unterschiedlichen Initiativen auf eine einheitliche Ebene zu heben.

Frage: Wie sind Betroffene und ihre Belange in das neue Institut eingebunden?

Vogt: Die Sichtweise der Betroffenen ist für uns das Allerwichtigste. Deswegen wollen wir einen Beirat einrichten, in dem Wissenschaftler, Vertreter gesellschaftlicher Gruppierungen, Politiker und Betroffene gleichberechtigt mitwirken und auch die Arbeit des Instituts mit steuern.

Frage: Was bewegt nach Ihren Erfahrungen aus Ihrer bisherigen Tätigkeit die Betroffenen derzeit am meisten?

Vogt: Das eine Thema ist die Verantwortungsübernahme. Die Betroffenen möchten, dass irgendjemand persönlich Verantwortung für das übernimmt, was geschehen ist. Dies gilt insbesondere auch für jene kirchlichen Führungskräfte und andere Personen, die nicht angemessen und konsequent mit den Missbrauchsfällen umgegangen sind.

Frage: Und das andere?

Vogt: Ich höre von Betroffenen immer wieder, dass sie die Leistungen der Kirche zur Anerkennung erlittenen Leides als unzureichend empfinden. Derzeit gibt es ja auch eine Arbeitsgruppe auf Ebene der Bischofskonferenz, an der Betroffene beteiligt sind. Dort sollen Vorschläge für diese Thematik erarbeitet werden. Auch die kommende Herbstvollversammlung der Bischöfe wird sich mit diesem Thema befassen.

Linktipp: Deutsche Bischöfe gründen Institut zur Aufarbeitung von Missbrauch

Das Ziel ist die Einführung von einheitlichen, hohen Standards im Bereich Prävention und Aufklärung in allen Bistümern: Dafür gründen die deutschen Bischöfe ein neues Institut, das schon bald seine Arbeit aufnehmen wird.

Frage: Ein immer wiederkehrender Streitpunkt ist die Offenlegung der kirchlichen Akten - ist ein Ende der Debatte in Sicht?

Vogt: Ich erlebe, dass es im Moment Bewegung in diesem Bereich gibt, aber wie und in welche Richtung sich das klären wird, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehen. Klar ist, dass die Interessen der Betroffenen in diesem Punkt berechtigt sind. Sie wollen wissen: Was steht in den Akten und wer hat wann von den Vorfällen gewusst?

Frage: Aber?

Vogt: Auf der anderen Seite gibt es eben auch die staatliche Gesetzgebung, die bestimmte Dinge etwa aus Gründen der Persönlichkeitsrechte und des Datenschutzes einschränkt. Das ist im Moment ein Hindernis für die Akteneinsicht von Betroffenen, denn auch die Kirche ist an diese Gesetze gebunden.

Frage: Lauter wird in letzter Zeit der Ruf nach einer bundesweiten unabhängigen Wahrheitskommission, die Missbrauchsfälle weiter aufarbeiten soll und daraus Empfehlungen und Forderungen ableitet. Was halten Sie davon?

Vogt: Das ist ein Thema, dass auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, immer wieder, nicht nur für den Bereich der Kirche, anspricht. Ich denke, dass ein solcher Schritt kommen wird und dass man dann sehen muss, wie das gestaltet werden kann. Es muss beispielsweise geprüft werden, ob eine einzige Kommission sinnvoll ist oder ob solche Gremien besser dezentral einzurichten sind. Wichtig ist in jedem Fall, dass es sich um unabhängige Kommissionen handelt.

Frage: Vor einiger Zeit warb ein Seelsorger im Bistum Münster dafür, Priestern, die Minderjährige sexuell missbraucht haben, zu vergeben. Der Fall sorgte bundesweit für Diskussionen. Im Raum steht weiter die Frage, wie die Kirche sich angemessen gegenüber den Tätern verhält.

Vogt: Dies ist neben dem Umgang mit den Betroffenen, der lange alles andere als gut gelaufen ist, die wohl schwierigste Herausforderung. Ein Täter muss sanktioniert und bestraft werden. Aber wenn er dann in der Gesellschaft unterwegs ist und gar keiner Kontrolle mehr unterliegt, dürfte dies auch nicht im Sinne der Betroffenen sein. Erste Bistümer denken bereits über so etwas wie eine Führungsaufsicht und Bewährungskommissionen nach. Hier müssen aber noch weitere konsequente Maßnahmen entwickelt und umgesetzt werden.

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Aufarbeitung, Entschädigung und Vorbeugung: Die deutschen Bischöfe wollen weiter gegen Missbrauch in der Kirche vorgehen. Katholisch.de dokumentiert bei der bei der DBK-Frühjahrsvollversammlung 2019 das Pressegespräch mit dem Sonderbeauftragten der Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann.

Frage: Gehört die katholische Sexualmoral auf den Prüfstand, um künftig Missbrauch wirkungsvoller entgegentreten zu können?

Vogt: Missbrauch ist in erster Linie die Tat eines Einzelnen, die er entweder begeht, weil er eine psychische Störung hat, oder weil es um Macht und das Ausleben der eigenen Fantasien geht. Aber man sollte nicht die Augen davor verschließen, dass eine Diskussion über Sexualität oder den Zölibat, die verpflichtende Ehelosigkeit der Priester, notwendig ist.

Frage: Unlängst erst sorgte der Fall von Jeffrey Epstein für Schlagzeilen. Der US-Millionär erhängte sich in seiner Zelle, weil er einen Sexhandelsring mit Minderjährigen unterhalten haben soll. Warum eigentlich sind die Täter - nicht nur im kirchlichen Milieu - fast ausschließlich Männer?

Vogt: Statistiken wie die polizeiliche Kriminalstatistik belegen, dass auch außerhalb der katholischen Kirche mehr Männer als Frauen zu Tätern werden. Bei der Suche nach Ursachen für das Begehen eines sexuellen Missbrauchs greifen eindimensionale Erklärungsversuche, etwa selbst erlebter Missbrauch in der Kindheit, zu kurz. Es besteht heute weitgehend Einigkeit darüber, dass verschiedene Faktoren in der Persönlichkeit und der persönlichen Biographie eine Rolle spielen.

Frage: Was folgt daraus für Männer, die zu Tätern werden?

Vogt: Ein Erklärungsansatz für die größere Anzahl von männlichen Tätern ist die These, dass psychosozialer Stress oder als unbefriedigend empfundene Partnerschaften als auslösende Faktoren angenommen werden. Diese Faktoren können zu Selbstzweifeln, Zweifel an der Männlichkeit und geringem Selbstwertgefühl führen und damit auslösend für Missbrauchshandlungen sein. Unbestritten spielt aber auch das Thema Macht und der Umgang damit bei Männern eine wesentlich größere Rolle als bei Frauen.

Von Joachim Heinz (KNA)