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Was die Bistümer bei Kirchenschließungen übersehen

Immer mehr Gotteshäuser in Deutschland sind von einer Schließung bedroht. Doch die Verantwortlichen lassen bei ihren Entscheidungen oft wichtige Kriterien außer Acht, kommentiert Tobias Glenz.

Von Tobias Glenz |  Bonn - 01.10.2019

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Genau acht Monate sind inzwischen vergangen, seit meine Heimatkirche – wie es offiziell heißt – "außer Dienst gestellt wurde". Die Kirche, in der ich getauft wurde, zur Erstkommunion und Firmung gegangen bin, in der ich viele Jahre als Ministrant gewirkt und Woche für Woche die Messe besucht habe: Nach 110 Jahren war ihr Ende als Gottesdienstort besiegelt – eine "Nachnutzung" und damit die Zukunft sind ungewiss.

Was eine Kirchenschließung wirklich bedeutet, das versteht wohl erst richtig, wer persönlich betroffen ist: Der Abschied von der Heimatkirche ist ein schmerzhaftes Ereignis, bricht doch ein wichtiger Teil des eigenen Glaubenslebens plötzlich weg. Zur Trauer gesellen sich nicht selten Wut oder auch Trotz: Einst aktive Gläubige setzen ihr ehrenamtliches Engagement nicht fort, schränken sogar ihren Messbesuch ein. Treue Kirchgänger drohen verloren zu gehen – doch den Entscheidungsträgern auf Diözesan- und Pfarreiebene scheint das Schicksal der einzelnen Gläubigen selten bewusst, bisweilen sogar egal zu sein. Es wird lediglich auf dem Papier entschieden.

Zweifelsohne müssen sich Pfarreien angesichts schwindender finanzieller oder personeller Ressourcen von der einen oder anderen Immobilie trennen. Doch geschieht das in den vergangenen Jahren oft voreilig und inflationär. Kirchen werden geschlossen, profaniert, umgenutzt oder abgebrochen. Längst werden nicht alle Möglichkeiten ausgelotet – etwa Teilumnutzungen und finanzielle Kooperationen. Nicht selten vegetieren geschlossene Gotteshäuser, für die keine Nachnutzung gefunden wird, einfach vor sich hin und sind – obwohl noch im Besitz der Pfarrei – dem sprichwörtlichen Verfall preisgegeben: Welches Bild von Kirche gibt das in der Öffentlichkeit ab? In Zeiten, in denen die Kirche nach Skandalen und massenhaften Austritten ohnehin schlecht dasteht, wird nach außen hin das Signal gegeben: Wir ziehen uns zurück, sind im Ab- statt Aufbruch begriffen.

Der Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards bezeichnete Sakralgebäude kürzlich als das "Tafelsilber" der Kirche, das heute oft leichtfertig verscherbelt werde. In der Tat sind unsere Kirchen "Leuchttürme", Zeichen, dass wir Christen in der Gesellschaft noch präsent sind. Geben wir sie nicht leichtfertig auf! "Schließen" wir sie erst dann, wenn eine sinnvolle Nachnutzung gefunden wird! Werfen wir unsere Perlen nicht vor die Säue!

Von Tobias Glenz

Der Autor

Tobias Glenz ist Redakteur bei katholisch.de.

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