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Standpunkt

Die Eucharistie bietet unerwartetes Einigungspotential

Die fehlende Möglichkeit, zur Sonntagsmesse zu gehen, ist einer der Gründe, der oft für die Weihe von "viri probati" angeführt wird. Diese Hochachtung für die Eucharistie verbindet Reformer mit konservativen Katholiken, hat Theresia Kamp festgestellt.

Von Theresia Kamp |  Bonn - 07.10.2019

"Den Gläubigen wird durch den Priestermangel die entscheidende und lebensnotwendige Quelle des Heils vorenthalten und zugleich die Möglichkeit genommen, Sonntag für Sonntag gemeinsam mit den Menschen, die ihren Glauben teilen, den Höhepunkt des christlichen Lebens zu begehen", so der Kirchenhistoriker Hubert Wolf in seinem aktuellen Buch zum Zölibat.

Diese Argumentationsweise hat den Vorteil, dass sie im Gegensatz zu biblisch oder kirchengeschichtlich gestützten Argumenten nicht davon abhängig ist, welche Autorität man welchen Quellen zuspricht. Zählen die Pastoralbriefe ("Deshalb soll der Bischof […] Mann einer einzigen Frau […] sein") mehr als das Evangelium ("Wer es erfassen kann, der erfasse es")? Welcher Synode wird gegenüber welchem Konzil Vorrang gegeben? Bibelstellen und Konzilsbeschlüsse können je nach Auslegung für unterschiedliche Meinungen herhalten.

Die von Wolf und anderen Theologen angeführte Argumentation geht dagegen systematisch vor. Sie fragt an, ob nicht die Zugangsbedingungen zum Priestertum auf einer weniger wichtigen Ebene angesiedelt sind – und entsprechend geändert werden könnten – als die Möglichkeit für Gläubige, an einer Eucharistiefeier teilzunehmen.

Für die gerade eröffnete Amazonas-Synode könnte diese Argumentation entscheidend sein. Laut dem emeritierten Bischof Erwin Kräutler haben in seiner ehemaligen brasilianischen Diözese 90 Prozent der Gemeinden nicht die Möglichkeit, am Sonntag regelmäßig die Eucharistie besuchen.

In Deutschland jedoch fehlt der Argumentation die entscheidende Grundlage. So sehr man nachvollziehen kann, dass sich Gläubige nach der Eucharistie sehnen, fällt auf, dass von diesen vielen Sehnsüchtigen nur wenige tatsächlich in den Kirchenbänken sitzen. Und zwar nicht deswegen, weil diese unerreichbar wären – noch ist Deutschland von den Verhältnissen im Amazonasgebiet weit entfernt. Von einer überbordenden Nachfrage, die die bestehenden Gottesdienstorte zum Bersten brächte, kann nicht die Rede sein.

Schon lange wird angemahnt, dass es zu wenig inhaltlich tiefe Katechese zur Eucharistie gibt. Dass Jesus Christus darin real gegenwärtig ist, wird selten angesprochen – Stichwort "Jesus-Oreo". Kein Wunder, dass sie im Leben der Gläubigen immer weiter an Bedeutung verliert.

Die Argumentation der Zölibatsgegner zeigt also einen sehr spannenden Punkt: dass sich erbittert streitende Reformbefürworter und -kritiker darin einig sind, dass es die Feier der Eucharistie ist, die die Kirche ausmacht. Nach katholischem Glauben ist sie der Ort par excellence, an dem die Anwesenheit Jesu erfahrbar wird. Die nötigen Reformen sollten aus dieser Nähe heraus gestaltet werden – vielleicht wird es dann auch möglich, die trennenden Gräben zu überwinden.

Von Theresia Kamp

Die Autorin

Theresia Kamp ist Theologin und Romanistin. Sie arbeitet als freie Mitarbeiterin für verschiedene katholische Medien.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.