Kardinal Baltazar Enrique Porras Cardozo, Erzbischof von Merida in Venezuela, im Gespräch.
Einst bot er Hugo Chavez Asyl – aus Priesterpflicht

Baltazar Porras: Ein Kardinal nach Franziskus' Geschmack

Wer kann schon von sich sagen, er habe einem gefallenen Diktator aus christlicher Nächstenliebe Unterschlupf gewährt? Kardinal Baltazar Porras aus Venezuela kann es. Trotzdem blieb er einer der wichtigsten Kritiker des Regimes. Heute wird er 75.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Bonn/Caracas - 10.10.2019

Der katholische Erzbischof von Merida agiert wohl eher unter dem Radar der europäischen Öffentlichkeit. Zu Unrecht. Denn Kardinal Baltazar Enrique Porras Cardozo bietet seit vielen Jahren den linken Autokraten Venezuelas die Stirn, furchtlos gegen deren Anfeindungen und Drohungen.

Porras ist ein Mann von Franziskus' Geschmack. Das belegt nicht nur seine Kardinalsernennung im November 2016, mit der der Papst aus Lateinamerika seinen großen Einsatz als Seelsorger und politischer Vermittler würdigte. Derzeit leitet Porras, der am Donnerstag (10. Oktober) 75 Jahre alt wird, auch gleich zwei der wichtigsten Bistümer des Landes: nicht nur seine eigene Erzdiözese Merida im Westen, sondern seit Juli 2018 zusätzlich als Übergangsverwalter ("Apostolischer Administrator") auch die vakante Hauptstadt-Erzdiözese Caracas im Norden. Für die am Sonntag begonnene Amazonas-Synode in Rom ernannte ihn der Papst zu einem der drei Vorsitzenden, die das Bischofstreffen in seinem Namen leiten sollen.

Porras und die autokratischen Regierungen Venezuelas - dieses schwierige Verhältnis belegt vielleicht am besten eine Anekdote aus dem Jahr 2002: Recht kleinlaut rief damals der sonst so laute Präsident Hugo Chavez (1999-2013), der "starke Mann" des krisengeschüttelten Karibikstaates, in der Putschnacht des 11. April bei der Bischofskonferenz an. Noch zu Jahresbeginn hatte er die kirchliche Hierarchie öffentlich als "Krebsgeschwür" bezeichnet. Nun bat er sie um den Schutz seines Lebens und seiner Familie.

Porras, der Vorsitzende der Bischöfe, und sein Generalsekretär kamen der Bitte nach - "aus priesterlicher Verpflichtung", wie er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) später berichtete. Als Chavez nach den Wirren die Zügel wieder in der Hand hielt, schwenkte der Wieder-Präsident noch ein wenig die weiße Fahne. Doch kaum dass er wieder fest im Sattel saß, warf Chavez wie gewohnt die Propaganda-Maschinerie der Staatsmedien an, zeigte Porras im Gestapo-Mantel mit Hakenkreuz oder als Großinquisitor. Am Ende kein Wunder, war doch die katholische Kirche lange Zeit die praktisch einzige hörbare kritische Stimme im Land.

Graffitis von Venezuelas ehemaligem Präsidenten Hugo Chavez und Revolutionär Che Guevara.

Das hat sich zwar unter Chavez' Ziehsohn und Nachfolger Nicolas Maduro geändert - dem es irgendwann nicht mehr gelang, Misswirtschaft, galoppierende Staatsverschuldung und dramatische Versorgungskrise des Ölstaates weiter unter der Decke zu halten. Doch selbst wenn die Mischung aus Diktatur, Militärherrschaft und einem Marxismus kubanischer Prägung längst bröckelt, konnte sich der auch von der Kirche unterstützte selbst ernannte Interimspräsident Juan Guaido in einem offenen Machtkampf bislang nicht durchsetzen. Venezuelas Generalstaatsanwalt leitete zuletzt ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen Guaido ein, wegen angeblichen Hochverrats.

Nach dem altersbedingten Rückzug von Kardinal Jorge Urosa Savino (77) aus Caracas im Sommer 2018 ist Porras noch sichtbarer die starke Persönlichkeit der Kirche in Venezuela. Am 10. Oktober 1944 in der Hauptstadt geboren, wurde er 1967 zum Priester geweiht. Zunächst als Pfarrer wie auch als Hochschullehrer im Einsatz, war er von 1979 bis 1983 Rektor des Priesterseminars in Caracas und seit 1991 Erzbischof von Merida. An der Spitze der Venezolanischen Bischofskonferenz stand er von 1999 bis 2006. Im Folgejahr übernahm er das Amt des Ersten Vizepräsidenten des Lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM, das er bis 2011 ausübte.

Über das politische Engagement der Kirche sagt Porras, sie sei "immer kritisch gegenüber allen Regierungen des Landes" gewesen - das ja "eigentlich wegen seiner Erdölvorkommen ein reiches Land" sein sollte. Tatsächlich mache man ja nicht Opposition im ursprünglichen Sinne. "Wir werden so gesehen und dargestellt, weil wir auf die gesellschaftlichen und kulturellen Werte, auf die offenkundigen Verstöße gegen die Verfassung des Landes verweisen." Die katholische Kirche sei in Venezuela seit langem die Institution mit der größten Glaubwürdigkeit.

Die verfassungsmäßigen Strukturen der einst stabilen Demokratie sind zu Gunsten einer autokratischen Führungskaste ausgehebelt. Venezuela 2019 ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Das kann Kardinal Porras weiter anprangern. Doch auch er weiß, dass ihm so viele Jahre im Amt nicht mehr bleiben.

Von Alexander Brüggemann (KNA)