Amazonas-Synode: Warum aufsehenerregende Figuren im Tiber landeten
Traditionalistische Katholiken warfen Holzfiguren ins Wasser

Amazonas-Synode: Warum aufsehenerregende Figuren im Tiber landeten

Holzstatuen aus einer römischen Kirche landen in den braunen Fluten des Tiber – traditionalistische Kreise feiern diese Bilder. Doch was sollten die indigenen Figuren in einer Kirche nahe dem Vatikan? Ein Fall, der auf eine ganz andere Auseinandersetzung verweist.

Von Christoph Paul Hartmann |  Rom - 22.10.2019

Das vierminütige Video machte in traditionalistischen Kreisen schnell die Runde. Zwei Männer gehen in den frühen Morgenstunden in die römische Kirche Santa Maria in Transpontina nahe dem Vatikan und sammeln in einer Seitenkapelle vier dort aufgestellte Holzfiguren ein, die jeweils eine nackte schwangere Frau darstellen. Unterlegt mit heroischer Musik tragen sie die Figuren auf eine Tiberbrücke in der Nähe der Engelsburg, stellen sie auf die Balustrade und stoßen sie nacheinander ins Wasser.

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Die vier Figuren waren im Zusammenhang mit der im Vatikan tagenden Amazonas-Synode in die Kirche gekommen und hatten den Zorn ultra-konservativer Katholiken auf sich gezogen. Sie stammen von einem indigenen Volk am Amazonas, die dargestellte Frau trägt deshalb auch die Züge der Menschen in der Region. Promiment plaziert wurden die Figuren unter anderem während einer Baumpflanzung und einer Zeremonie jeweils zu Beginn der Amazonas-Synode – im Beisein von Papst Franziskus. In Santa Maria in Transpontina wurden sie Teil eines Arrangements weiterer indigener Kulturzeugnisse, darunter ein Boot, Geschirr, Teppiche und Tierfiguren. Auch beim Kreuzweg am Samstagabend war eine der Figuren dabei, als sichtbares Kulturzeichen vom Amazonas, denn viele Synoden-Bischöfe nahmen an der Prozession teil.

Leben, Fruchtbarkeit und Mutter Erde

Auf Nachfrage von Journalisten äußerte sich der Präfekt des vatikanischen Kommunikationsdikasteriums, Paolo Ruffini, am Montag zur Bedeutung der Figuren: "Wir haben bereits mehrfach wiederholt, dass die Figuren für das Leben, Fruchtbarkeit und die Mutter Erde stehen." Durch die Figuren und die anderen Gegenstände sollte die Kultur der Menschen am Amazonas wohl auch physisch in Rom präsent sein.

Synodenteilnehmer mit der Figur bei der Eröffnung der Amazonas-Synode im Petersdom.

Unter traditionalistischen Katholiken sorgten die Figuren von Anfang an für Aufregung. Von "heidnischer Liturgie" ist da die Rede und dass mit der Figur eigentlich die "Pachamama", eine heidnische Göttin, gemeint sei. Das kanadische Portal "LifeSite" veröffentlichte eine Stellungnahme, die von den Männern hinter dem Video stammen soll. Sie schreiben, dass Gott und jeder, der ihm folgt, "von Mitgliedern unserer eigenen Kirche attackiert wird". Man wolle das nicht akzeptieren und nicht länger Stillschweigen bewahren. "Wir handeln jetzt!" Die wortstarken Vorbehalte traditionalistischer Gruppen richten sich gegen die gesamte Amazonas-Synode. Das "Instrumentum laboris" wurde bereits als "häretisch" bezeichnet, besonders die Diskussionen um die Priesterweihe verheirateter Männer und das Frauendiakonat wird von diesen Kreisen sehr scharf abgelehnt.

Ruffini verurteilte Diebstahl und Zerstörung der Figuren am Montag. Die Aktion "widerspricht dem Geist des Dialogs, der uns immer inspirieren sollte. Ich weiß nicht, was ich anderes dazu sagen sollte, als dass es ein Diebstahl war. Das spricht wohl schon für sich selbst." Mitglieder der Initiative "Amazonia casa comun" (Gemeinsames Haus Amazonien) sprachen von einem "Akt der Gewalt". Darin zeige sich "religiöse Intoleranz und Rassismus" gegen indigene Völker.

Der Streit um die Figuren zeigt die verhärteten Fronten innerhalb der katholischen Kirche. Für die einen sind die schwangeren Frauen Symbol für Menschen einer Region, um die sich die Welt nicht ausreichend kümmert, die von Regierungen und auch der Kirche zu oft alleingelassen werden. Für die anderen wiederum stehen sie für den Versuch progressiver Katholiken, die Substanz des Glaubens von innen heraus zu zerstören. Der von Ruffini angemahnte "Geist des Dialogs" scheint da nur noch schwer umsetzbar zu sein.

Von Christoph Paul Hartmann