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Standpunkt

Franziskus' Zumutung: Die Kirche muss ihren Eurozentrismus aufgeben

Für Felix Neumann zeigt der Vorfall mit den indigenen Holzstatuen am Tiber vor allem eines: Die Kirche tut sich immer noch schwer mit nicht-westlichen Kulturen und Denktraditionen. Deshalb brauche es eine Globalisierung der Theologie, kommentiert er.

Von Felix Neumann |  Bonn - 23.10.2019

Die einheimischen Frauen sammeln als heilkräftig geltende Kräuter. Der Priester ihres Dorfes spricht den Segen darüber und ruft Gottes Macht zur Hilfe gegen die raue Natur. Im kleinen Gotteshaus steht die Statue einer heiligen Frau, zu Füßen eine Mondsichel. Die Eingeborenen entzünden Opferkerzen und bitten um Heilung und gute Ernte. Der Hohepriester reitet auf einem festlich geschmückten Pferd, hinter ihm die Stammesältesten in ihrer traditionellen Kleidung, die Frauen zeigen aufwendigen Kopfschmuck.

Szenen aus einer heidnischen, rückständigen Welt? Natürlich nicht. Weder die Kräutersegnung an Mariä Himmelfahrt noch der Wettersegen noch die Heiligenverehrung noch die Reiterprozessionen im Süddeutschen oder im Sorbischen stehen im Ruch des Heidnischen: alles gut katholische Traditionen.

Betrachtet man sie mit dem selben exotisierenden Blick wie die Christen im Amazonas und anderswo, wirken diese abendländischen Traditionen plötzlich fremd – so fremd wie Federschmuck im Petersdom oder die vier Frauenfiguren, die traditionalistische Katholiken aus der Kirche Santa Maria in Transpontina gestohlen haben und mit deren Zerstörung sie sich brüsten.

Die Kirche versteht sich schon lange als Weltkirche. Lange hieß das: Die "zivilisierte" Welt stülpt der "unzivilisierten" ihre ästhetischen und intellektuellen Traditionen über, die einheimischen Traditionen sind bestenfalls Folklore, schlimmstenfalls rückständig und heidnisch. Goldstandards waren die griechische Philosophie, die (neu)scholastische Theologie, die Kirchenmusik mit der Orgel, der "Königin der Instrumente", das Lateinische.

Schon im 17. und 18. Jahrhundert wurde im Ritenstreit der Stellenwert der örtlichen Traditionen in den Missionsgebieten Asiens verhandelt – und zuungunsten einer kultursensiblen Inkulturation des Evangeliums entschieden. Zur Verbreitung der Frohen Botschaft hat das wenig geholfen. Das Zweite Vatikanum öffnete die Türen wieder, die Kirche empfindet sich stärker als Weltkirche, die "Eigenarten und Lebensbedingungen der Völker" sollten Einzug in die Liturgie halten. Johannes Paul II. hat immer wieder betont, etwa 1985 gegenüber Indigenen in den Anden, dass Evangelisierung in der Sprache und in den Traditionen der jeweiligen Kulturen erfolgen solle.

Dass die Kirche Weltkirche ist und keine bloß "abendländische", wird jetzt immer spürbarer, wo billige Flüge und vor allem Kommunikation ohne Zeitverzug über internationale Medien und soziale Netzwerke Alltag sind. Papst Franziskus mutet mit der Amazonassynode einer eurozentrischen Kirche zu, nicht mehr im Zentrum zu stehen. Europäische Traditionen stehen gleichberechtigt neben denen anderer Kulturen, Oberammergau wird so ernstgenommen wie Latacunga.

Nur so kann die Kirche zukunftsfähig sein und das Evangelium wirklich allen bringen: Wenn sie ihre eigene, mehr oder weniger zufällig westliche Tradition nicht verabsolutiert und sich in der Theologie, in der Liturgie und in der Zusammensetzung ihrer universalkirchlichen Gremien öffnet und pluralisiert. Die Botschaft Christi lässt sich in griechischer Philosophie und römischer Form ausdrücken – aber zu glauben, dass diese Formen und diese Denktraditionen die alleinseligmachenden seien, alle anderen jedoch heidnisch und vom Teufel, spricht der christlichen Botschaft ihren universellen Heilsauftrag ab.

Von Felix Neumann

Der Autor

Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de und Mitglied im Vorstand der Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP).

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