Marx: Themen der Kirche in Deutschland sind auch weltkirchliche Themen
Kardinal zieht Bilanz nach Amazonas-Synode

Marx: Themen der Kirche in Deutschland sind auch weltkirchliche Themen

Die Amazonas-Synode ist vorbei – doch sie wird Auswirkungen auf die ganze Kirche haben. Davon ist auch Kardinal Reinhard Marx überzeugt. Im Bilanz-Interview spricht er unter anderem über "viri probati", Frauen in der Kirche und die Bedeutung der Synode für Deutschland.

Von Burkhard Jürgens und Ludwig Ring-Eifel (KNA) |  Rom - 28.10.2019

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat an der Amazonas-Synode im Vatikan teilgenommen. Im Bilanz-Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) äußert er sich zum Vorrang der Armen, zu einer Allianz für das Klima, Frauen in der Kirche und zur Bedeutung des Bischofstreffens für Deutschland.

Frage: Herr Kardinal, was war für Sie die wichtigste Erkenntnis dieser Amazonas-Synode?

Marx: Wichtig war für mich die radikale Orientierung an den Lebenswelten der Menschen. Das ist eigentlich eine pastorale Selbstverständlichkeit, aber vielleicht müssen wir sie uns neu in Erinnerung rufen. Ausgangspunkt ist nicht, was wir den Menschen bringen wollen, sondern, wie Jesus sagt: "Was willst du, was ich für dich tue?" Ausgangspunkt ist das Leben der Menschen, ihre Fragen und Nöte, Hoffnungen und Ängste. Am Amazonas heißt das: Ausgangspunkt sind der Schrei der Erde und der Schrei der Armen und Unterdrückten. Das Erste ist immer die Zukunft der Menschheit. Und das wird beim Amazonas und bei der globalen Herausforderung des Klimawandels sehr deutlich. Also: Uns geht es nicht zuerst um die Kirche, sondern um die Menschen und ihre Hoffnungen. Das finde ich einen wichtigen Ertrag.

Frage: Was kann denn die Kirche über Appelle hinaus tun, um zur Rettung des Planeten beizutragen?

Marx: Es geschieht ja schon einiges, wenn ich an unsere Hilfswerke denke. Und wir haben in den letzten Monaten gesehen, Politik kommt in Bewegung, durch das, was öffentlich gesagt wird. Professor Hans Joachim Schellnhuber hat das bei der Synode auf den Punkt gebracht. Er sprach von einer neuen Allianz aus religiösen Führern, Wissenschaftlern und der Jugend. Diese drei Gruppen sind keine politischen Akteure, aber sie wirken auf die Politik. Denken Sie an "Laudato si", und was der Papst damit bis heute in Bewegung gesetzt hat. Wir wollen keine Politik machen, aber wir stehen an der Seite derer, die sich Sorgen machen um die Zukunft der Welt. Die Linie von "Laudato si" ist hier absolut bestärkt worden.

Frage: Aber reicht das angesichts der globalen ökologischen Krise?

Marx: Nein, es muss eine breite Umkehr geben, nicht nur persönlich. Es geht um eine Veränderung unseres Wirtschaftssystems und um eine neue globale Solidarität. Insbesondere die reichen Länder sind gefordert, die in den letzten zwei Jahrhunderten die Ressourcen ge- und verbraucht haben. Für eine solche Umkehr ist die Stimme der Kirche wichtig, auch um zu sagen, es ist jetzt Zeit, wir können nicht noch 50 Jahre warten. Später ist zu spät! Die Dringlichkeit ist deutlich, besonderes im Blick auf das Amazonas-Gebiet, das wesentlich ist für das Klima der Welt. Diese Synode hat gezeigt: Das Klimathema ist nicht nur etwas für sozial engagierte Gruppen, es ist in der Mitte der Kirche angekommen, bei den Kardinälen und Bischöfen weltweit.

Papst Franziskus, Kardinäle und Bischöfe stehen nach dem Ende der letzten Sitzung der Amazonas-Synode auf.

Papst Franziskus, Kardinäle und Bischöfe nach dem Ende der letzten Sitzung der Amazonas-Synode im Vatikan.

Frage: Bei dieser Synode wurde ein Stimmrecht für Frauen gefordert. Wie sehen Sie das?

Marx: Der Papst spricht immer wieder von einer "synodalen Kirche", den Begriff hat er neu geprägt. Damit meint er mehr als die kirchenrechtlich definierte Institution der Bischofssynode, sondern generell die Kirche, die gemeinsam unterwegs ist. Auch deshalb haben wir uns in Deutschland nicht für eine Synode entschieden, sondern für einen weiter gefassten "synodalen Weg".

Aber auch künftige Synoden kann ich mir nicht vorstellen ohne eine stärkere Einbeziehung der Laien. Das gilt auch auf weltkirchlicher Ebene. Können wir uns wirklich vorstellen, dass in 100 Jahren eine Bischofssynode tagt, und keine Frau darf mit abstimmen? Ich nicht! Bei der Amazonas-Synode wurde übrigens auch ganz deutlich gesagt, dass eine Beteiligung der Frauen an der Regierung der Kirche notwendig ist. Das wäre noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen.

Frage: Ein wichtiges Thema bei der Synode war die mögliche Priesterweihe verheirateter Männer, um den Priestermangel zu beheben. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Marx: Das Thema der "viri probati" und auch der Frauendiakonat wurden häufiger und deutlicher angesprochen, als ich das erwartet hatte. Das zeigt, dass die Themen, die wir in Deutschland diskutieren, auch weltkirchliche Themen sind. Die Synode hat gezeigt, dass eine konkrete seelsorgerische Situation neue Herausforderungen mit sich bringt und neue Antworten verlangt. Das gilt vor allem mit Blick auf die Eucharistie, ohne die eine katholische Gemeinde nicht leben kann. Auch hier geht es um die Frage: Was brauchen die Menschen vor Ort, um geistlich leben zu können?

Frage: Wurden Sie bei der Synode in Rom auch auf den "synodalen Weg" in Deutschland angesprochen?

Marx: Sehr oft sogar. Das ist ganz normal, denn das, was in einer Region der Weltkirche passiert, wird auch global wahrgenommen. Leider wird das, was wir in Deutschland vorhaben, oft sehr verkürzt rezipiert. Das liegt auch an den schrägen Kommunikationskanälen in der Kirche. Da sind einzelne Meinungsmacher, Blogs und Interessengruppen am Werk, aber es gibt keine funktionierende weltkirchliche Öffentlichkeit.

Neulich spricht mich ein italienischer Bischof lachend an und fragt: "Nun sag mal, bist du wirklich ein schismatischer Kardinal?" Der meint das natürlich nicht ernst, aber man sieht, was da kommuniziert wird. Leider werden immer wieder einzelne Stimmen auch hier aus Rom zitiert, die eigentlich keine Relevanz haben. Aber das, was wirklich eine breite Mehrheit der Bischöfe und auch der Gläubigen in Deutschland umtreibt, die Tatsache, dass wir durch den Missbrauchsskandal in einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise stehen und dass wir daran arbeiten müssen, das kommt kaum vor.

Ich habe die Zeit hier in Rom auch genutzt, um darüber zu informieren, an welchem Punkt wir jetzt in Deutschland sind. Das Interesse ist groß, ob die Deutschen da etwas machen, was auch für die Kirche in anderen Regionen Bedeutung haben kann, so wie auch die Amazonas-Synode auf die Weltkirche ausstrahlen wird und soll.

Von Burkhard Jürgens und Ludwig Ring-Eifel (KNA)