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Die Demokratie geht vor die Hunde – und die Kirche schaut zu

Nach der Wahl in Thüringen sei außer lahmer Empörung von den Kirchen nicht viel zu hören, kommentiert Volker Resing. Im Kampf um den Erhalt der Demokratie agierten kirchliche Institutionen und Verbände schwach – das gelte auch für ZdK und BDKJ.

Von Volker Resing |  Bonn - 29.10.2019

So ein Wahlergebnis gab es noch nie. Linkspartei und AfD haben zusammen mehr als 50 Prozent errungen. Die politische Mitte ist in Thüringen zerbröselt. Auch die Ergebnisse der anderen Wahlen zeigen, wie dramatisch sich die politische Landschaft in Deutschland verändert. Vor allem das Erstarken der AfD und ihres radikalen "Flügels" unter Björn Höcke - durch junge Wähler (!) - muss einen doch wachrütteln. Nur die Kirche interessiert das nicht sonderlich. Außer Empörung nichts gewesen. Ein paar katholische Bischöfe mahnen, ein paar Funktionäre drücken ihre Sorgen aus. Ansonsten geht die katholische Selbstbeschäftigung ihren gewohnten Gang weiter. Die Synode ist vorbei, der "synodale Weg" steht vor der Tür. Man hat anderes zu tun. Mehr Demokratie in der Kirche, so der Schlachtruf. Nur nebenbei geht unsere staatliche Demokratie vor die Hunde. Reformen in der Kirche mögen ja wichtig und notwendig sein, aber das reicht nicht. Es ist dringend Zeit, nicht nur um sich selbst zu kreisen.

Immerhin waren es die real existierenden Kirchen, die vor 30 Jahren den Raum für den Freiheitsdrang der Menschen und die friedliche Revolution eröffneten. Und es waren sehr viele Christen, in Thüringen besonders auch Katholiken, die das so prächtige und reiche Land wieder aufgebaut haben. Übrigens gibt es im katholischen Eichsfeld im Nordwesten Thüringens immer noch den geringsten Anteil an AfD-Wählern.

Wo ist die große Initiative des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) für junge Politikinteressierte, sich in Parteien zu engagieren? Wo gibt es eine neue Kampagne für politische Bildung in katholischen Akademien und Einrichtungen? Wo werden beim BDKJ ehrliche und kontroverse Debatten organisiert, die Jugendliche für Politik begeistern - anstatt nur die üblichen wie eingeübten Beschlüsse gegen Klimawandel, gegen Armut und für eine gerechte Gesellschaft abzusegnen? Warum nicht mal eine Debatte über den Zukunftsstandort Deutschland, über ländliche Räume und das Lebensgefühl dort? Pro und contra Windenergie, das hat in Thüringen mobilisiert. Wenn man aber in den kirchlichen Kreisen immer schon weiß, was richtig ist, dann gibt es keine Debatte, dann können wir die Demokratie nicht wiederbeleben, dann engagiert sich keiner mehr für die Parteien der Mitte - und wir überlassen sie den Scharfmachern.

Von Volker Resing

Der Autor

Volker Resing ist Chefredakteur der Herder Korrespondenz.

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