Kardinal Kurt Koch im Portrait
Skepsis gegenüber neuer Liturgie in Amazonas-Region

Kardinal Koch: Liturgische Riten entstehen nicht am Schreibtisch

Der Vorschlag eines eigenen Ritus für die Amazonas-Region hat für Aufsehen gesorgt – auch weil er die Weihe verheirateter Männer ermöglichen könnte. Kurienkardinal Kurt Koch warnt nun, dass eine solche Liturgie nicht einfach "entworfen" werden kann.

Würzburg - 31.10.2019

Der vatikanische "Ökumene-Minister" Kardinal Kurt Koch zeigt sich skeptisch über einen neuen Ritus für die katholische Kirche in der Amazonas-Region, der dort die Weihe verheirateter Männer ermöglichen könnte. "Riten entstehen nach meiner Überzeugung nicht am Schreibtisch, sondern in einem organischen Wachstum", sagte der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates der Zeitung "Die Tagespost" (Donnerstag).

Die Schaffung eines solchen Ritus sei bei der jüngsten Bischofssynode im Vatikan mit denen für die katholischen Ostkirchen verglichen worden, die auch in Gemeinschaft mit dem Papst stehen. Doch die Riten der Ostkirchen seien Jahrhunderte alt, so Koch: "Die Ostkirchen haben sie, als sie die Einheit mit Rom gesucht haben, gleichsam von den orthodoxen Kirchen mitgebracht." Eine "Inkulturation des Evangeliums" müsse "mit der ebenso notwendigen Evangelisierung der Kultur einhergehen", betonte der Schweizer Kurienpräfekt. Auch die indigene Kultur bedürfe der Reinigung.

Koch dämpfte die medial geäußerten Erwartungen an die Auswirkungen der Amazonas-Synode. Er frage sich, "wie man denn eine solche Totalerwartung an eine Synode stellen kann, die regional ist und die gar nicht entscheiden kann". Am Ende müsse der Papst entscheiden. Und vor allem, so der Kardinal: "Die DNA der Kirche ist nicht veränderbar, sondern in der Offenbarung vorgegeben."

"Es hat die reale Synode gegeben und die der Medien"

Zu einer Fixierung auf die Frage verheirateter Priester sagte Koch mit Blick auf das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965), Papst Benedikt XVI. habe einmal gesagt, es habe zwei Konzilien gegeben: ein reales Konzil und ein "Konzil der Medien". So müsse man auch hier sagen: "Es hat die reale Synode gegeben und die der Medien." Gewiss, so der Kurienkardinal, sei der Priestermangel in Amazonien "ein schweres pastorales Problem"; entsprechend sei es bei der Synode "eingehend besprochen worden". Doch diese Frage stelle im Schlussdokument der Versammlung auch nur einen von 120 Punkten dar.

In eine bei der Synode vorgeschlagenen neuen Kommission zum Frauendiakonat in der Frühkirche setzt Koch nach eigenen Worten keine hohen Erwartungen. Selbst wenn dabei ein Konsens zustande käme, bestünde das eigentliche Problem fort, erläutert der Schweizer Kardinal: Nach katholischem Glauben, den das Konzil bestätigt habe, gebe es "nicht drei verschiedene Ämter, sondern nur ein sakramentales Amt mit drei Stufen", nämlich Diakonat, Presbyterat und Episkopat. Darin liege "der eigentliche Grund, weshalb ein Frauendiakonat nicht möglich ist".

Auch der Münchner Liturgiewissenschaftler Winfried Haunerland hatte die Einrichtung eines eigenen amazonisch-katholischen Ritus kürzlich als momentan wenig sinnvoll bezeichnet. Im Gegensatz zu den mit Rom unierten Ostkirchen gebe es am Amazonas keine getrennte Kirche mit eigener Tradition, so Haunerland. Obwohl ein eigener Ritus am Amazonas denkbar sei, ständen dem viele Hürden im Weg. Ein solcher Ritus könne nicht "einfach in Rom konzipiert und errichtet" werden, sondern es "bedürfte in vielen Bereichen des kirchlichen Lebens einer eigenständigen Aufbauarbeit und Entwicklung vor Ort". Der Liturgiewissenschaftler hält es für realistischer, den römischen Ritus und die örtliche Kultur besser aufeinander abzustimmen. (tmg/KNA)