Warum es die Gemeinde zur Feier des Gottesdienstes braucht
Theologin über Partizipation in der Liturgie

Warum es die Gemeinde zur Feier des Gottesdienstes braucht

Die versammelte Gemeinde gehört als aktiver Teil zur Feier des Gottesdienstes dazu. Das war aber nicht immer so. Und auch heute noch könnten die Menschen mehr in den Gottesdienst einbezogen werden, findet Theologin Iris Maria Blecker-Guczki.

Von Melanie Ploch |  Trier - 14.11.2019

In den Gottesdienst gehen und "sich berieseln lassen": Schließlich macht der Pfarrer vorne alles selbst, und "die Gemeinde" darf ab und zu mitmachen. Diese Vorstellung ist heute wohl noch bei so manchem Kirchgänger verbreitet. Doch genauso sollte es nicht sein, meint Theologin Iris Maria Blecker-Guczki. Allein Begriffe wie "mitmachen" und "dürfen" würden theologisch auf eine falsche Fährte führen: "Es geht nicht darum, zu etwas dazuzukommen. Die Versammelten sind selbst im Dialog mit Gott. Sie sind in jedem Gottesdienst die handelnden Subjekte", so die Leiterin von "Liturgie im Fernkurs" des Deutschen Liturgischen Instituts.

Sprachlich wäre also noch einiges zu ändern. Denn eine Gemeinschaft gehört fest zur Feier eines Gottesdienstes dazu. Schon Jesus hat gesagt: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Mt 18,20). Vergleichbar ist das etwa mit einer Geburtstagsfeier: Die kann man zwar alleine feiern, aber es ist nicht so schön.

Das Ende der "Tridentinischen Liturgie"

Dass die Gemeinde einbezogen ist, war allerdings nicht immer so. Gottesdienste feierten Christen lange nach der "Tridentinischen Liturgie" aus dem 16. Jahrhundert: Den Gottesdienst hielten die Priester "mit dem Rücken zum Volk" und auf Latein, sodass die meisten Menschen ihn nicht mitvollziehen konnten; er war weit weg von der eigenen Lebenswirklichkeit. Im Zentrum stand der Priester, nicht die Gemeinde; die Liturgie war von Stellvertretung statt Beteiligung geprägt: In den Dialog mit Gott kamen die gläubigen Laien nicht durch Mitfeiern, sondern durch Anschauen. Sie waren Außenstehende und "stumme Zuschauer", die still ihre eigenen Gebete, etwa Rosenkränze oder Andachten, sprachen, während der Priester die Messe hielt.

Anfang des 20. Jahrhunderts wollte das die sogenannte "Liturgische Bewegung" ändern. Ihr Ziel war es, die kirchliche Liturgie zu erneuern und für ein besseres liturgisches Verständnis unter allen Gläubigen zu sorgen. Schließlich ist die Kirche die Gemeinschaft aller Gläubigen. In Zentren der Bewegung, beispielsweise in Klöstern und katholischen Bildungshäusern, wurde mit liturgischen Neuerungen, wie Elementen in der Volkssprache, experimentiert.

Der damalige Papst Pius XII. ließ die Bestrebungen nicht ungeachtet. In der Enzyklika "Mystici Corporis" aus dem Jahr 1943 über die Kirche tritt vor allem der Gemeinschaftsaspekt hervor: In den neuen Entwicklungen sollte etwas Gutes, die Gemeinde als Mitfeiernde gesehen werden. Platz in der Liturgie fand diese Sicht 1947 in einer weiteren Enzyklika, "Mediator Dei" über die Liturgie. Dabei greift Pius XII. auch den Begriff der "tätigen Teilnahme" der Gläubigen an der Liturgie ("participatio actuosa") auf, eines der Grundprinzipien der Liturgischen Bewegung. Diese Liturgietheologie fand Aufnahme in die Liturgie-Konstitution "Sacrosanctum Concilium" des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), wobei "participatio actuosa" eine große Rolle spielte. Es wurde deutlich, dass nicht mehr stellvertretend für die Gläubigen gehandelt wird, sondern dass sie selbst liturgisch handeln.

II. Vaticanum: Macht die Fenster weit auf!

Vieles, was heute in der Kirche als selbstverständlich gilt, ist eine Folge der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Katholisch.de blickt auf die wegweisende Versammlung und ihre wichtigsten Beschlüsse zurück.

Seitdem habe sich vieles verändert, denn mittlerweile wird an verschiedenen Stellen der Liturgie deutlich, dass die Versammelten selbst feiern, sagt Blecker-Guczki. Elemente wie das Vaterunser beten alle laut mit. In Dokumenten, etwa für die Kirchenmusik, sei klar festgeschrieben, was die ganze Gemeinde singen soll, so zum Beispiel das Sanctus, das die irdische mit der himmlischen Kirche verbindet. Auch das Fürbittgebet komme von der gesamten versammelten Gemeinde. Nicht einer betet stellvertretend für die anderen, vielmehr nennt er die Gebetsanliegen und lädt die Versammelten zum Gebet ein.

Jeder hat seine Rolle

Trotzdem gibt es auch Elemente in der Liturgie, an denen die Gemeinde weniger beteiligt ist. Zumindest wirkt es äußerlich so, etwa wenn der Vorsteher alleine zu Gott spricht. Die Feiernden sollen dabei aber nicht abschalten oder sich zurückziehen, sondern aufmerksam zuhören und innerlich mitbeten, damit sie am Ende auch "Amen" sagen können. Zum Beispiel ist das eucharistische Hochgebet über weite Strecken monologisch, jedoch in einen bestimmten Kontext eingebettet. Denn der liturgische Teil der Eucharistiefeier beginnt mit einem stark gemeinschaftlichen Element: der Bereitung der Gaben, die die Gemeinde zum Altar bringt.

Insgesamt hängt es stark von den liturgischen Dienstträgern ab, ob sich die Gemeinde als Teil der Liturgie fühlt. Nicht nur vom Priester, sondern auch von den Lektoren, Kommunionhelfern, Kantoren und dem Chor. All jenen sollte bewusst sein, dass sie den Dienst nicht für sich selbst oder stellvertretend erfüllen, sondern als Glieder der versammelten Gemeinde. Eine Rollenverteilung braucht es im Gottesdienst trotzdem – wie in jeder Gruppe. Einer muss die Versammlung leiten.

Bild: © privat

Iris Maria Blecker-Guczki ist Leiterin von "Liturgie im Fernkurs" am Deutschen Liturgischen Institut.

Mittlerweile habe sich jedoch schon viel getan: Blecker-Guczki macht die Erfahrung, dass sich beispielsweise Kirchenmusiker viele Gedanken um passende Gesänge machen. Sie beobachtet zudem, dass Vorsteher darauf achten, wie sie die Menschen ansprechen – weniger in den ritualisierten Teilen des Gottesdienstes, aber in Elementen, in denen eine Ansprache möglich ist. Mehr Partizipation brauche es trotzdem immer, ist sie sich sicher: "Da dürfen wir nicht nachlassen, weil sich das Empfinden der Menschen, die Welt, Situation und das ganze Umfeld immer verändert."

Stille und Einladung zum Gebet

Was sie oft im Gottesdienst vermisst, ist genügend Stille. Nach der Gebetseinladung "Lasset uns beten" gehe es oft direkt weiter, beschreibt sie: "Eigentlich ist dort ein Moment der Stille für das persönliche Beten vorgesehen. Dann bringt man die eigenen Gebete in das gemeinsame Gebet mit ein." Statt nur der Gaben könnte die Gemeinde viel mehr zum Altar bringen: Etwa könnten Kinder mit Kerzen oder Blumen kommen, um den Altar zu decken. Gottesdienste könnten öfter das Taufgedächtnis enthalten, um das Bewusstsein der Taufe zu stärken. Die Theologin empfiehlt, dabei viel Wasser zu verwenden, Kerzen zu Beginn des Gottesdienstes anstatt davor zu entzünden, wie etwa beim Adventskranz. "Wir haben die Symbole ja. Wir müssen sie nur in entsprechenden Handlungen erfahrbar machen", so die Theologin.

Zuletzt müsse jedoch der Gemeinde selbst bewusst sein, dass die ein Teil der Liturgie ist. Das könne etwa in Predigten oder im Austausch Thema sein. Das Einbinden der Gemeinde ist also eine bleibende Herausforderung.

Von Melanie Ploch