Ist Gottes Wort noch etwas Besonderes?
Christoph Kreitmeir über das Sonntagsevangelium

Ist Gottes Wort noch etwas Besonderes?

Am heutigen Sonntag fährt der Evangelist Johannes in seinem Prolog ganz groß auf – aber berührt uns das noch? Auch biblische Worte können sich durch permanente Wiederholung abnutzen, glaubt Pfarrer Christoph Kreitmeir. Er schlägt eine ungewöhnliche Therapie vor.

Von Christoph Kreitmeir |  Ingolstadt - 04.01.2020

Impuls von Christoph Kreitmeir

Wie ein verspätetes Silvester- und Neujahrsfeuerwerk sendet der sogenannte Johannesprolog (Joh 1,1-18) Worte wie Licht- und Leuchtraketen aus in die Dunkelheit unserer Welt. Anfang; Wort; Gott; Leben; Licht; Mensch von Gott gesandt; Zeugnis geben; Glauben; Macht, Kinder Gottes zu werden; aus Gott geboren; Wort ist Fleisch geworden; unter uns gewohnt; Herrlichkeit; Gnade; Wahrheit und dann JESUS CHRISTUS.

Nun ist es aber so, dass Feuerwerke, wenn sie zu oft gezündet werden, nicht mehr die Wirkung haben als wenn sie sehr selten sind. Genauso ist es mit gutem Essen oder Feiertagen. Wenn sie alltäglich werden, dann werden sie nicht mehr geschätzt. Die genannten Worte aus dem Johannesevangelium verlieren an Kraft, wenn sie nichts mehr Besonderes sind oder sich durch permanente Wiederholung abnutzen. Wenn sie aber selten, dosiert und wie eine Taschenlampe mit ihrem Lichtkegel nur die kleine Distanz in der großen uns umgebenden Dunkelheit ausleuchten, dann, ja dann haben sie Kraft.

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne." Worte können erlösende Wirkung bei bleiernem Schweigen haben. Gott ist immer noch der ganz andere, den wir nicht funktionalisieren können. Leben ist immer stärker als der Tod, Licht immer kraftvoller als die Finsternis. Der Glaube kann Berge versetzen. Die Macht Gottes kommt im Kleinen daher. Kind Gottes sein – das Behütet- und Getragensein dabei spüren. Neu geboren werden. Ideen müssen konkret werden: Wort und Geist werden Fleisch. Wir sind nicht allein in Dunkelheit und Wüste unserer Welt: Gott hat unter uns gewohnt und tut es immer noch. Alles ist letztlich Gnade, alles ist letztlich ein Geschenk. In all dem Genannten und in noch viel mehr, wovon uns Johannes der Täufer und viele andere nach ihm Zeugnis gegeben haben ist Wahrheit und die Wahrheit macht uns Menschen letztlich frei. Die wirkliche Freiheit aber liegt in Jesus Christus.

Sind diese Worte nun etwas mehr an Sie herangekommen oder sind auch sie schon abgenutzt, hohl und nichtssagend? Wenn Ja, dann empfehle ich die Therapie eines Wüstentages: Bewusst einen Tag die Sicherheit der Wohnung verlassen, bei jedem Wetter rausgehen und den Tag über sich Wind und Wetter preisgeben. Außer Brot und Wasser nichts dabeihaben, kein Geld und auch keinen anderen Vorrat. Bewusst viel Gehen. Rast nur im Freien oder in Kirchen oder Kapellen suchen. Hunger, Durst, Erschöpfung, Müdigkeit, Schmerzen spüren ... und dann die Sehnsucht nach Wärme, Geborgenheit, einer Dusche, einem Bett, einer warmen Suppe, einem guten Wort spüren.

Dann, wenn die Sehnsucht sich wieder rührt, dann, ja dann können Worte wie die aus dem Johannesprolog wieder Licht- und Gnadenspuren in unserer Seele hinterlassen.

Von Christoph Kreitmeir

Evangelium nach Johannes (Joh 1,1-5.9-14)

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist.

In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.

Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.

Der Autor

Der Priester Christoph Kreitmeir arbeitet in der Klinikseelsorge am Klinikum Ingolstadt und in der Erwachsenbildung.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.