Seit über 2.000 Jahren ein Thema: Die Geburt Christi in der Kunst
Weihnachtszenen vom Frühmittelalter bis in die Gegenwart

Seit über 2.000 Jahren ein Thema: Die Geburt Christi in der Kunst

Alle Jahre wieder landen sie auf unzähligen Weihnachtskarten: Maria, Josef und das Jesuskind, Stall, Ochs und Esel. Die Klassiker kennen alle – doch was ist mit den Hebammen oder der koreanischen heiligen Nacht? Katholisch.de stellt uralte und topaktuelle Weihnachtskunstwerke vor.

Von Cornelius Stiegemann |  Bonn - 26.12.2019

Kaum ein Thema wurde in der christlichen Kunst häufiger dargestellt als die Geburt Jesu. Dabei fanden Künstler von der Spätantike bis ins 19. Jahrhundert immer wieder neue Formen für die gleiche heilige Nacht. Ochs und Esel fehlen zwar selten, doch in einem Stall ist Jesus nicht immer geboren worden. In der Kunst der Moderne und der Gegenwart sind Weihnachtsdarstellungen seltener geworden, doch auch heute gibt es noch spannende Interpretationen eines mehr als 2000 Jahre alten Themas.

Unbekannt – Prachteinband des Lorscher Evangeliars (um 810)

Weihnachtsszene auf dem Buchdeckel des Lorscher Evangeliars.
Bild: © KNA

Palast statt Stall: Ochs und Esel wirken in dieser Weihnachtsszene auf dem Buchdeckel des Lorscher Evangeliars ein wenig fehl am Platz. Aber fehlen durften sie anscheinend auch nicht.

Um das Jahr 810 entstanden stellt das Lorscher Evangeliar einen der Höhepunkte karolingischer Buchkunst dar. Die Buchdeckel aus Elfenbeinplatten sind mit kunstvollen Schnitzereien verziert, die die Gottesmutter und Heilige zeigen – und am unteren Rand auch die Geburt Christi. In dieser Darstellung werden antike römische Vorbilder zitiert: Das Jesuskind liegt in Leinentücher gewickelt auf einem altarähnlichen Tisch. Jesus selbst hat sich als "lebendiges Brot" bezeichnet (Joh 6,51). Wie auf den Sarkophagen der frühchristlichen Jahrhunderte wird auch in dieser Darstellung durch die "Altar-Krippe" der sakramentale Charakter der Menschwerdung Christi angedeutet. Über das Jesuskind beugen sich Ochse und Esel – Anleihen aus dem apokryphen Proto-Matthäusevangelium, die schon in den ersten Weihnachtsdarstellungen nicht fehlen. Doch vom ärmlichen Stall keine Spur: Zierliche Säulen tragen das Ziegeldach, das sich in die palastartige Kulisse darum herum einfügt.

Unbekannt – Deckenfresko der Geburt Jesu in der Klosterkirche auf dem Berg Tabor (?)

Das Fresko der Geburt Christ in der orthodoxen Klosterkirche auf dem Berg Tabor in Israel.

Fresko mit der Geburt Christi an der Decke der griechisch-orthodoxen Klosterkirche auf dem Berg Tabor in Israel.

In der orthodoxen Kirche wählte man statt des Stalles eine Grotte als Ort des Weihnachtsgeschehens. Nicht das Jesuskind, sondern die auf einer roten Matratze liegende Maria ist der Bildmittelpunkt. Die von der Geburt erschöpfte Gottesmutter soll die tatsächliche Menschwerdung Christi betonen. Maria und das Jesuskind sind oftmals Teil einer ganzen Szenerie. Wie auf dem Fresko an der Decke der Kirche des griechisch-orthodoxen Klosters auf dem Berg Tabor sieht man schon die drei Weisen zur Krippe kommen und den Engel, der einem in Tierfelle gehüllten Hirten die frohe Botschaft verkündet. Josef sitzt etwas abseits, das Gesicht in die Hand gestützt. Das drückt sein Zweifeln aus, seine Überlegung, Maria und ihr Kind zu verlassen. Gleichzeitig weist das darauf hin, dass er die Antwort auf seine Fragen von Gott im Schlaf bekommt. Ganz rechts baden die zwei Hebammen Zelomi und Salome das Jesuskind. Diese Figuren wurden aus apokryphen Texten aufgenommen, weil der Vorgang des Badens wieder auf die Menschwerdung anspielt – und bereits ein Verweis auf die Taufe ist.

Geertgen tot Sint Jans – Die Geburt Christi bei Nacht (um 1490)

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Man meint fast so etwas wie Erstaunen in Marias Zügen lesen zu können, als sie auf das "Licht der Welt" vor sich in der Krippe blickt. Ehrfürchtig falten die kleinen Engel bei diesem Anblick die Hände. Als große Schatten beugen sich die Köpfe von Ochse und Esel über das Jesuskind. Kaum noch erkenntlich steht Josef an der Wand des Raumes, die Hand auf sein Herz gelegt. Und auch der Blick durchs Fenster zeigt: Das göttliche Licht, in dem der Verkündigungsengel schwebt, überstrahlt das Lagerfeuer der Hirten mit Leichtigkeit. Die Visionen der Mystikerin Birgitta von Schweden haben den niederländischen Maler Geertgen tot Sint Jans zu dieser eindrücklichen Nachtszene inspiriert. In großer Schlichtheit, die doch ihre Wirkung nicht verfehlt, verbildlicht er die Worte Birgittas, dass vom Gottessohn, "ein unaussprechliches Licht und ein Glanz ausgingen, mit denen sich die Sonne nicht messen konnte". Der Betrachter fühlt sich förmlich in diese Szene hineingezogen, es wirkt, als ob er den Engeln über die Schulter gucken kann.

Michelangelo Merisi (Caravaggio) – Die Anbetung der Hirten (1609)

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Hätten wir ihn erkannt? Diese Frage kann man sich stellen, wenn man "Die Anbetung der Hirten" von Michelangelo Merisi (1571-1610) – besser bekannt als Caravaggio – betrachtet. Denn kein Chor der Engel, kein göttliches Licht und kein Palast im Hintergrund zeigen die Weihnachtsszene an. Maria kniet nicht betend als Himmelskönigin an der Krippe, die junge Mutter lehnt halb-liegend, ihr Kind im Arm, daran. Die Hirten und Josef bewundern das Neugeborene mehr als dass sie den Gottessohn verehren. Caravaggio verzichtet bewusst auf tradierte Symbole von göttlicher Macht und Pracht. Die großen, nahezu ungestalteten Flächen im Hintergrund oder Josefs Werkzeug im Vordergrund betonen die Armut der jungen Familie. Gleichzeitig rückt die zurückgenommene Umgebung diese einfachen Menschen in den Vordergrund: Gott wird nicht Weltenherrscher, nicht König der Könige – er wird schlicht und ergreifend Mensch. Weihnachten als das Wunder der Geburt.

Paul Gauguin – Te Tamari No Atua (1896)

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Der Titel dieses Bildes bedeutet übersetzt "Kinder Gottes". Der verwendete Plural deutet schon auf die mehrfachen Bedeutungsebenen des Bildes hin. Eine Frau liegt nach den Anstrengungen der Geburt schlafend auf einem Bett im Vordergrund. Im Hintergrund hält eine Amme das Kind, das von einem – geflügelten? – Wesen betrachtet wird. Gauguin, der mit seinen expressiv-exotisierenden Darstellungen der Bewohner Tahitis bekannt wurde, verbildlicht hier ein erschütterndes Ereignis. Seine minderjährige Geliebte Pahua hatte kurz zuvor eine Tochter zur Welt gebracht, die nach der Geburt verstarb. Das schwarze Kopftuch der Hebamme weist deshalb auf Darstellungen des tahitianischen Totengeists hin. Gleichzeitig verpasste Gauguin sowohl der Mutter als auch dem Kind Heiligenscheine. Das kann man als bloßes Mittel zur Bedeutungssteigerung lesen. Doch zusammen mit dem Esel und dem Ochsen im Hintergrund erlaubt die Szene auch eine Parallele zu der ebenfalls sehr jungen Mutter Maria, zur Geburt des "Kindes Gottes" und zu dessen vorbestimmten Tod.

Kim Ki-ch'ang – Die Geburt Jesu (1952-53)

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In einer Zeit des Krieges malte er das Leben des Friedensfürsten: Der Koreaner Kim Ki-ch'ang (1914-2001) malte 1952 nach seiner Flucht aus dem Norden Szenen aus dem Leben Christi – aber nicht vor der Kulisse von Jerusalem oder Jordan. In dem auf Seide gemalten Bild "Die Geburt Jesu" trägt Maria das traditionelle Ausgehgewand verheirateter Koreanerinnen und Josef hat seinen Kopf mit dem Hut der Gelehrten der Joseon-Zeit (1392-1910) bedeckt. Kim versetzt die Heilsgeschichte nach Korea, in eine Zeit vor Unterdrückung und Krieg im 20. Jahrhundert. Statt der Hirten kommen Frauen in den Stall. Sie bringen der jungen Mutter ausgesuchte Speisen, wie es bis heute in Korea Brauch ist. Wie in europäischen Krippen finden sich auch hier Ochs und Esel, doch stellt Kim ihnen einen Hahn zur Seite, der in Asien für Hoffnung und einen guten Beginn steht. Der protestantisch erzogene Maler konvertierte etwa zur Zeit der Entstehung seines 30-teiligen Bilderzyklus' "Das Leben Jesu Christi", zu dem auch "Die Geburt Jesu" gehört, zum Katholizismus.

Janet McKenzie – Mary and the Midwives (2017)

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In diesem Bild der US-Amerikanerin Janet McKenzie steht die Geburt des Menschensohnes kurz bevor: Maria, eine Hand auf ihren Bauch gelegt, hebt das Gesicht zum Himmel. Ihre Augen sind geschlossen, die Lippen leicht geöffnet, wie um Atem zu holen. Sie ist in Erwartung der Wehen und der Schmerzen der Geburt und doch wirkt die Szene ruhig und geradezu meditativ. Die junge Mutter vertraut sich gleichermaßen dem göttlichen Heilsplan wie den beiden erfahrenen Hebammen hinter ihr an. Hier lässt sich eine Parallele zu den Hebammen orthodoxer Ikonen ziehen. McKenzie setzt aber weitergehende Akzente: Für sie ist das "Gott-Gebären" und die Geburtshilfe ein weiblicher Akt. Wie alles Leben kommt auch das Heil durch Frauen in die Welt. Neben der intensiven Beschäftigung mit dem Weiblichen in Bezug auf das Heilige, bricht McKenzie mit der westlichen Bildtradition, die Personen der Bibel alle hellhäutig darzustellen. In ihren Werken finden sich sowohl weiße, afro-amerikanische als auch asiatische Marien.

Von Cornelius Stiegemann