Ein Schüler schreibt etwas an eine Tafel.
Befürworter des konfessionellen Unterrichts betonen "Sinn, Halt und Weltdeutung"

Das Fach Religion: Warum Schüler seine Abschaffung fordern

Den Religionsunterricht in Verantwortung der Kirchen abschaffen? Das fordert jedenfalls die Landesschülervertretung Rheinland-Pfalz. Dafür erntet sie viel Gegenwind. Und obwohl niemand den Vorstoß wirklich unterstützt, schlägt das Thema doch Wellen.

Von Anna Fries (KNA) |  Trier - 19.02.2020

Die Forderung der Landesschülervertretung (LSV) Rheinland-Pfalz ist plakativ und weitreichend: Weg mit dem konfessionellen Religionsunterricht! Seit Herbst 2019 sucht die LSV Unterstützer für ihr Anliegen, erntet für den Vorstoß aber vorwiegend Kritik. Theologen, Religionslehrer und Politiker scheinen sich in der Ablehnung einig. Entsprechend schlecht stehen die Chancen für das Anliegen. Trotzdem wird über den Vorstoß diskutiert.

Was wollen nun die Schülervertreter? "Wir fordern ein Fach für alle Schülerinnen und Schüler, das Religionen und ihre Geschichte und Überzeugungen, aber auch Religionskritik, Werte und Atheismus behandelt", sagt die LSV-Bundesdelegierte Lucia Wagner. Die LSV wünsche einen unvoreingenommenen Blick auf Religionen: Unterrichten sollten Lehrer mit nicht-theologischem Studium, die ihre persönlichen Überzeugungen außen vor lassen und nicht von Religionsgemeinschaften ausgesucht werden. Religionsvertreter könnten als Gäste ihren Glauben im Unterricht vorstellen, schlägt Wagner vor.

Bildungsministerium will Religionsunterricht nicht antasten

Ein solches Modell hält der Trierer Religionslehrer Christoph Berger nicht für zielführend. Lernen setze eine Beziehung voraus - gerade das Fach Religion lebe von persönlichen Überzeugungen. "Schüler fordern genau das ein: Sie wollen wissen, was jemand glaubt und warum. Und sich daran auch reiben können", sagt Berger. Im Fach Religion prallen zuweilen Welten aufeinander. Im Gegensatz zu Mathe oder Englisch ermögliche Religion tiefgründige Diskussionen, ähnlich zu Musik und Kunst. "Daran wachsen Schüler", sagt Berger, der auch Religionslehrer ausbildet.

Aus dem rheinland-pfälzischen Bildungsministerium heißt es, der Reliunterricht werde nicht angetastet. Das Fach leiste einen wichtigen Beitrag zu Offenheit und Vielfalt an Schulen. Weiter verweist das Ministerium auf geltende Gesetze. Religion ist in fast allen Bundesländern ordentliches Fach an öffentlichen Schulen, so will es das Grundgesetz (Art. 7, Abs. 3). Ausnahmen gelten für Bremen, Berlin und Brandenburg. Der Unterricht unterliegt der staatlichen Aufsicht - und wird zugleich "in Übereinstimmung mit den Lehren und Satzungen der betreffenden Kirche oder Religionsgemeinschaft" erteilt.

Ein Schüler zeigt im Klassenraum auf

Ein Schüler hebt die Hand und meldet sich im katholischen Religionsunterricht: Das Fach regt zum Dialog über andere Glaubensrichtungen an.

Wer aus persönlicher Überzeugung oder fehlendem Angebot nicht an Reli teilnehmen möchte, kann Ethik wählen. Wie in den meisten Bundesländern geht das in Rheinland-Pfalz ab 14 Jahren ohne Zustimmung der Eltern, einzig Bayern und das Saarland setzen die Grenze bei 18 Jahren.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Schüler wählen oft den "eigenen" Reliunterricht. Laut Statistikamt Rheinland-Pfalz besuchten im Schuljahr 2018/2019 rund 94 Prozent der katholischen Schüler und 92 Prozent der evangelischen Reliunterricht der eigenen Konfession - Ethik wählten demnach je 5 Prozent der Schüler beider Konfessionen. Das Fach findet vor allem bei Schülern ohne Religionszugehörigkeit und Muslimen Zuspruch.

Middendorf: Unterricht muss Dialog ermöglichen

Der Landesvorsitzende des Verbands katholischer Religionslehrer, Elmar Middendorf, bringt sich in die aktuellen Debatte ein. Er befürworte das LSV-Anliegen nach mehr Austausch mit anderen Konfessionen und Religionen, sagt er. Mit Blick auf die zunehmende Pluralität der Gesellschaft solle Reliunterricht Dialog ermöglichen; etwa theoretisch den Islam besprechen und dann mit Muslimen ins Gespräch kommen, so seine Idee.

Ziel von Religionsunterricht sieht Middendorf darin, Schüler zu unterstützen, "zu einer reflektierten eigenen Religiosität zu finden". Er betont: "Religion will Sinn, Halt und Weltdeutung geben." Wer sich darauf nicht einlasse und Religion nur von außen betrachte, verpasse den Kern. Den rein theoretischen Ansatz der LSV lehne er daher ab.

In einem scheinen sich Schüler und Lehrer einig: Ethik allein soll es nicht sein. Das sei "zu philosophisch", "da fehlt Religion, und auch der Bezug zur Realität", sagt LSV-Sprecherin Wagner. Lehrer Berger sagt, konfessioneller Unterricht sichere, "dass zumindest eine Person begründet Position zu Religionsthemen beziehen kann, ob katholisch, evangelisch, jüdisch oder muslimisch". Ethik setze primär auf die Vernunft, während Reli auch das Herz und die Seele und damit die bewusste Erfahrung von Religion einschließe.

Von Anna Fries (KNA)